Dax-Geflüster Das Hütchenspiel der Banken

Die Milliardenabschreibungen von UBS und Citigroup haben neue Maßstäbe in der Bankenkrise gesetzt. Erst nach und nach kommt das Ausmaß der faulen Kredite zum Vorschein. Deutsche Geldhäuser haben bisher verdächtig wenig preisgegeben. Was kommt da noch?

Schwindelfrei sollte sein, wer sich mit den Bilanzen internationaler Großbanken befasst. Das gilt sowieso immer, in der aktuellen Kreditkrise aber besonders. Die Meldung aus Zürich von dieser Woche lässt die öffentliche Aufregung um den deutschen Lotto-Jackpot wie ein Kinderspiel erscheinen: Die UBS  schreibt in diesem Quartal mal eben zehn Milliarden Dollar an Kreditforderungen ab. Der erste Jahresverlust in der Geschichte des Instituts steht bevor.

Die Börse hat die Zahl mit zehn Nullen einigermaßen gefasst zur Kenntnis genommen und den Blick nach vorn, auf den Einstieg eines Staatsfonds aus Singapur gerichtet - wohl auch, weil sie sich allmählich an Schreckensmeldungen von den Banken gewöhnt hat.

Fast alle Wall-Street-Banken haben nach und nach Milliardenforderungen aus ihren Büchern gestrichen, obwohl es zwischendurch immer wieder hieß, jetzt lägen die Karten aber endgültig auf dem Tisch. In der kommenden Woche stehen rechtzeitig zu Weihnachten wieder einige Quartalsergebnisse zur Veröffentlichung an. Da wäre es eine Überraschung, wenn es keine Überraschung gäbe.

Bankaktien werden an der Börse seit dem Sommer mit einem Risikoabschlag bestraft. Die Erholung, die Dax  und Co. inzwischen hinter sich haben, ging an den Finanztiteln vorbei. Wenn die Kreditinstitute weiter gut verdienen, ist jetzt eine günstige Gelegenheit zum Aktienkauf. Falls sich die Krise aber fortsetzt und die ganze Branche den Weg der UBS geht, bekommen die vorsichtigen Anleger Recht. Vielleicht sind die Kurse dann sogar noch zu hoch.

Niemand weiß, wie viel die Banken noch abschreiben müssen - nicht einmal die Banken selbst. Denn die Kreditkrise hat, ausgehend von den Problemen auf dem US-Häusermarkt, eine Eigendynamik bekommen. Eigentlich wertvolle Forderungen, von den Banken in Paketen wie ABS (Asset-backed Securities) oder CDO (Collateralized Debt Obligations) gebündelt, werden plötzlich wertlos.

Transparenz oder Prinzip Hoffnung?

Transparenz oder Prinzip Hoffnung?

"Das Problem der ABS- und CDO-Krise liegt darin, dass alles mit allem zusammenhängt", sagt Alexander Pockrandt, Vorstand der Frankfurter Firma Valueprice, die solche illiquiden strukturierten Kreditprodukte bewertet. "Wenn jemand in den USA seine Hypothek nicht mehr bezahlen kann, stellt sich automatisch die Frage, wie lange er noch seinen Konsumentenkredit, seine Auto- oder Kreditkartenschulden bedient." Noch sind diese Dominosteine nicht gefallen, doch der Markt für die verbrieften Forderungen ist längst nahezu zusammengebrochen. Je länger die Krise dauert, desto mehr müssen die Banken abschreiben.

"Ob beziehungsweise wann eine Liquidität auf Vorkrisenniveau wieder erreicht wird, kann derzeit noch nicht abgesehen werden", befindet das Institut der Wirtschaftsprüfer, das jetzt ein Positionspapier zur Bewertung der Kreditpakete herausgegeben hat. In den Bilanzen sollen "auch psychologische Überzeichnungen im Markt oder eine relative Illiquidität wertmindernd" eingerechnet werden, heißt die klare Ansage.

Es muss also ein Marktwert gefunden werden, auch wenn es kaum einen Markt gibt. Das ist die schwierige Aufgabe, der sich Pockrandt und Kollegen verschrieben haben. Vorgeschrieben ist die Bewertung nach dem "Fair Value" allerdings nur in den internationalen Bilanzregeln IFRS. Das deutsche Handelsgesetzbuch, nach dem noch die Mehrzahl der (nicht börsennotierten) deutschen Banken bilanziert, lässt mehr Spielraum.

Pflicht oder nicht, eine "Entwicklung in Richtung Transparenz" hat Pockrandt im Valueprice-Kundenkreis beobachtet. Allerdings gibt es auch bei den Banken, die nach IFRS bilanzieren, keine Garantie, dass alles offengelegt wird. Schließlich ist ein Großteil der Kreditpakete in speziellen Zweckgesellschaften (Conduits) untergebracht. Solange die nicht in Geldnot geraten und von der Mutterbank unterstützt werden müssen, hat das keine Folgen für die Bilanz.

Letztlich ist es eine Frage der Strategie: Manche Banken mögen sich entschließen, radikal möglicherweise faule Kredite aus den Büchern zu nehmen. Sie hoffen, für die Ehrlichkeit vom Markt belohnt zu werden und später vielleicht noch stille Reserven heben zu können, wenn der Kreditmarkt wieder in Schwung kommt und die schon abgeschriebenen Produkte doch wieder einen Wert haben. Die größte US-Bank Citigroup  hat bisher nicht nur mit 13 Milliarden Dollar die größten Abschreibungen hingenommen, sondern sich auch entschlossen, sieben Conduits mit einem Volumen von 49 Milliarden Dollar in die eigenen Bücher zu nehmen.

Andere setzen auf das Prinzip Hoffnung, dass sie keine Abschreibungen riskieren müssen, weil sich der Markt schnell erholt. Je weniger schlechte Nachrichten es gibt, desto größer die Chancen, dass die Banken untereinander wieder Vertrauen fassen - so das Kalkül. Welche Bank welche Strategie verfolgt, ist von außen nicht zu beurteilen. Es gibt nur Indizien.

"Was ist eigentlich in Deutschland los?"

"Was ist eigentlich in Deutschland los?"

"Die Schweizer und Angelsachsen haben vorgemacht, in welchem Maße Abschreibungsbedarf herrscht", sagt Alexander Pockrandt. "Die Frage ist schon erlaubt: Was ist eigentlich in Deutschland los? Privatbanken, Sparkassen und Volksbanken sind sehr zurückhaltend mit Informationen." Nach jetzigem Stand wären IKB und SachsenLB, zwei Banken aus der dritten Reihe, die einzigen Dummen. Entweder haben die anderen Institute kaum in riskante ABS und CDO investiert, oder sie warten die Jahresabschlüsse ab.

Die Deutsche Bank  hat, neben Goldman Sachs , eine Sonderrolle: Diese Banken waren anscheinend schlauer als andere. Besonders Goldman hat früh die Gefahr im US-Immobilienmarkt wahrgenommen und auf den Ausfall von Subprime-Hypotheken gewettet. Beide Banken konnten vor einem Untersuchungsausschuss des britischen Parlaments fröhlich verkünden, für sie seien die Subprime-Investments der vergangenen Jahre unterm Strich ein Gewinn.

Dafür müssen diese Erfolgreichen sich Vorwürfe, auch von amerikanischen Staatsanwälten, anhören: Während sie selbst das Risiko erkannten und scheuten, hätten sie schlechter Informierten fröhlich weiter neue Kreditpakete mit hohem Ausfallrisiko angedreht. Von den 28,6 Milliarden Dollar an Subprime-Kreditpaketen, die 2006 von der Deutschen Bank emittiert wurden, sind nach Angaben des Finanzdienstleisters Bloomberg fast ein Viertel Not leidend - mehr als bei jeder anderen Großbank. Den Schaden tragen die Investoren.

Zum Beispiel die IKB . In deren Fall umwehte die Deutsche Bank ein besonders herber Geruch: Sie hatte der Mittelstandsbank selbst Kreditpakete vermittelt, dann als erste vor dem Risiko gewarnt, den Düsseldorfern weitere Kredite verwehrt und so den Beinahe-Kollaps ausgelöst. Doch Bankchef Josef Ackermann ist über jeden Zweifel erhaben. Eine "massive Erschütterung" habe man dem deutschen Bankensystem erspart. Was wäre passiert, wenn die Deutsche Bank länger stillgehalten hätte? Nicht auszudenken!

So cool kann sich aus der Affäre ziehen, wer den Erfolg auf seiner Seite hat. Ackermann teilte im September sogar zur großen Kollegenschelte aus. In manchen Banken stehe das Risiko in keinem Verhältnis zum Eigenkapital, ein "Versäumnis des Managements dieser Häuser" sei das. Die Analysten fanden einhellig, wer sich so weit aus dem Fenster lehnt, könne selbst nichts zu verbergen haben.

Keine Klarheit im Jahresabschluss

Keine Klarheit im Jahresabschluss

Doch völlig frei von Ausfallrisiken ist auch die Deutsche Bank nicht. Ackermann musste wenig später für das dritte Quartal Abschreibungen von 2,2 Milliarden Euro verkünden (schwarze Zahlen gab es trotzdem). Weitere Ausfälle seien aber nicht zu befürchten, jetzt habe die Bank alle Risiken offengelegt. Doch ist damit das letzte Wort gesprochen?

Inzwischen hat Ackermann das Volumen der Zweckgesellschaften, die außerhalb der Bankbilanz möglicherweise faule Kreditforderungen parken, auf 32 Milliarden Euro veranschlagt. Selbst auf den deutschen Branchenprimus und geschickten Subprime-Jongleur könnte also noch etwas zukommen. Im November beklagte er den "Investorenstreik" - und freute sich wiederum, dass es die Konkurrenz härter trifft.

Doch alle Zeichen sprechen gegen die Banken. Die Ratingagenturen Standard & Poor's und Moody's haben angekündigt, die Schuldverschreibungen der Conduits abzustufen - da hilft auch kein Superconduit mehr, wohl auch ein Grund für die plötzliche Bilanzehrlichkeit der Citi.

Ein Gerichtsurteil aus dem US-Staat Ohio setzt ein dickes Fragezeichen über den Wert aller verpackten Hypothekenkredite. Der Richter verbot der Deutsche-Bank-Tochter National Trust, die Häuser säumiger Schuldner zu beschlagnahmen. National Trust könne das Eigentum an den Forderungen nicht belegen. Ob sich diese Rechtsprechung durchsetzt, ist fraglich. Doch allein die Möglichkeit gefährdet den Wert aller ABS.

Alexander Pockrandt ist überzeugt, dass noch massive Abschreibungen kommen werden. Weder die Quartalsbilanzen in den USA noch die Jahresabschlüsse im Frühjahr brächten endgültige Klarheit. Seine Warnung: "Selbst was mit Bilanzkosmetik retuschiert werden sollte, taucht irgendwann wieder auf."

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