Kreditkrise Die Lehren aus dem Leiden

Banken neigen zur Zurückhaltung. Nicht so die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Sie nennt die Ursachen der Kreditkrise und was nun zu tun ist. Das ist so einiges - denn solche Krisen schlagen mit Verspätung zu.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Unscheinbar kommt er daher, der Bericht der Bank. Dabei umfassen seine 21 Seiten so einiges an Sprengkraft. So viel Deutlichkeit hätte man von einer Bank aus der Schweiz - und dann noch einer Zentralbank - kaum erwartet. Doch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS), eine Art Zentralbank der Zentralbanken, nimmt ganz entgegen den Branchengepflogenheiten kein Blatt vor den Mund. Zwar sei das vergangene Jahrzehnt trotz allem ruhig gewesen, heißt es ihn einem aktuellen Bericht. Doch für selbstverständlich dürfe man das nicht halten, so die Warnung der Erhebung.

Oder vielmehr von Claudio Borio. Wenn Borio etwas sagt oder schreibt, hat das durchaus Gewicht. Er ist "Head of Research" der BIS. Im Bankenjargon steht das für den obersten Analysten. Und er hat als Autor der Studie die Bankenszene durchleuchtet. Sein Befund, etwas zugespitzt: Der Zustand des Bankensystems sei recht gut, aber noch einiges bleibe zu tun. Auch wenn das viel verlangt sei, so Borio im Bericht.

Doch sonst werden die Probleme nicht gelöst. Zum Beispiel die Struktur vieler Finanzprodukte - sie werden immer komplexer. Dadurch werden die Risiken atomisiert, wie es der Bericht nennt. Und machen es damit unvorhersehbar, an welcher Stelle Probleme auftreten könnten. Sogar Finanzexperten werden von bestimmten Entwicklungen überrascht. So stellte die Fondsgesellschaft Societe Generale Asset Management in einem aktuellen Bericht quasi erstaunt fest, dass Dollar und Öl sich inzwischen nicht mehr unabhängig voneinander entwickeln, sondern seit zwei Jahren stetig negativ korrelieren.

Auch neue Spieler, die als Finanzakteure aktiv werden, bringen Probleme mit sich. LTCM war so ein Fall. Der 1994 gegründete Fonds hat es bereits 1998 geschafft, sich mit der Arbitrage von festverzinslichen Papieren zu verspekulieren. Und da bei dem Fonds vieles über Kredite lief, war die Sprengkraft des drohenden Konkurses so groß, dass ein internationales Bankenkonsortium Hilfsgelder zur Verfügung stellte.

Finanzprobleme haben heute auch grenzüberschreitende Bedeutung - siehe die US-Kreditkrise, die von Amerika aus auch deutsche Banken ins Schanken brachte. Interessanterweise mit einer langen Vorlaufzeit. Bereits Mitte 2006 gab es erste Stimmen, die auf Probleme des US-Wohnimmobilienmarktes hinwiesen - wie Franklin-Templeton-Fondsmanager Murdo Murchison im Interview mit manager-magazin.de. Borio nennt das die "lange Leitung". Im englischsprachigen Original spricht er von der "long fuse hypothesis". Das Bild ist stimmig - denn erst im Frühjahr 2007 begannen die Märkte zu sinken.

Von Puffern und Schlaglöchern

Von Puffern und Schlaglöchern

Um es für die Analysten noch schwieriger zu machen, zeigen sich solche Probleme eher in Zeiten der Verlangsamung wirtschaftlichen Wachstums. Ganz ohne Explosion. Sondern vielmehr wie ein plötzlicher Druckabfall, der nach tektonischen Verschiebungen auftritt.

Schwer zu orten und schwer einzuschätzen; das macht in der Summe eine ganze Menge Hausarbeiten für die Politik. Der BIZ-Bericht vergleicht die Aufgaben mit der für Sicherheit im Straßenverkehr zu sorgen. Zum einen müssen die Schlaglöcher in den Straßen geflickt, zum anderen Puffer aufgestellt werden. Und Höchstgeschwindigkeiten eingeführt werden. Alles, um Unfälle zu vermeiden.

Allein die Verbesserung der Straßen ist eine Menge Arbeit für die Politik. Sie soll die Infrastruktur der Finanzwelt verbessern. Zum Beispiel durch einheitliche Reporting-Standards wie sie auch Basel II anstrebt. Doch gerade die Einführung dieses Systems wurde verschoben, weil die Banken keine historischen Daten über ihre Kreditausfälle hätten. Auch Stresstests wären eine Hilfe. Borio fordert damit zu mehr Marktdisziplin auf. So sollten zum Beispiel Finanzinstitute angehalten werden, ihre finanziellen Risken deutlicher zu enthüllen.

Dämpfer oder Puffer ihrerseits sollen die Risiken von Schocks begrenzen, und so verhindern, dass zum Beispiel der Rückgang der Aktienpreise zu einer allgemeinen Störung des Finanzsystems mündet - wie in der Kreditkrise, in deren Folge fast alle Assetklassen gleichermaßen absackten.

Und Höchstgeschwindigkeiten sollen her. Aber nicht, um das Tempo der Finanzwelt zu drosseln. Sondern um eine höhere Geschwindigkeit zu ermöglichen. Wer sich zum Beispiel an strenge Risikoparameter hält, der kann auch mehr Risiko eingehen und ist damit schneller unterwegs, so die Logik der Studie. Dieses Limit soll allerdings abhängig von der Marktverfassung sein - je gesünder die Wirtschaft, umso höher die mögliche Geschwindigkeit.

Ein Muss sind solche Begrenzungen, so der Bericht. Sie sollten Vorrang haben vor Interventionen. Und sie sollten international vorgenommen werden, schließlich ist der Finanzmarkt auch global. Daher sollten die international Verantwortlichen ihr Tun synchronisieren. Das ist vermutlich leichter gefordert als umgesetzt. Zumal der Handlungsbedarf mit sich erholenden Börsen immer mehr in den Hintergrund tritt. Schon jetzt wähnen Experten wie David Milleker die aktuelle Krise fast ausgesessen. Zwei Drittel der Krise lägen bereits hinter uns, sagte Chefökonom der Fondsgesellschaft Union Investment der "Financial Times Deutschland".

Es bleibt also noch viel Überzeugungsarbeit für Borio und Kollegen. Trotzdem, laut gesprochen für einen Zentralbanker. Ob die Politik zuhört? Vermutlich nein. Und so dürfte die nächste Krise ähnlich stark durchschlagen wie die jüngsten Probleme mit US-Wohnimmobilien.