Dax-Geflüster Blick in die Zukunft

Wie sich Aktienkurse entwickeln werden, kann niemand sicher vorhersagen. Für die Altersvorsorge muss man sich auf Erfahrungswerte verlassen. Die geben Grund zu Optimismus - aber nicht allzu viel.

Hamburg - "Langfristig sind wir alle tot." Der wohl berühmteste Aphorismus des Ökonomen John Maynard Keynes ist nicht sehr ermutigend. Denn etwas weniger langfristig gesehen, sind die meisten von uns in Rente. Weil die gesetzlichen und betrieblichen Rentenansprüche in Zukunft nach allen gängigen Vorhersagen nicht den heutigen Standard decken werden, muss zusätzlich privat vorgesorgt werden. Junge Berufstätige kommen nicht umhin, Annahmen über die ferne Zukunft zu treffen.

Über alle Aufs und Abs hinweg bieten Aktien die höchste Rendite aller Anlageklassen. Darin sind sich praktisch alle Finanzexperten einig. Ein 20-Jähriger, der 1962 eine Aktie von Starinvestor Warren Buffetts Firma Berkshire Hathaway  für sieben Dollar kaufte, kann sie heute für knapp 140.000 Dollar verkaufen und mit 65 seinen Ruhestand genießen. Der Einsatz ist also, von der Inflation einmal abgesehen, fast 20.000-fach wieder heraus.

Natürlich ist dieses Beispiel absurd. Damals war Berkshire Hathaway, noch ohne Buffetts Beteiligung, ein Textilunternehmen in der Krise. Bald darauf wurde die Produktion beendet, nur die rechtliche Hülle der Firma blieb. Die Wahrscheinlichkeit, selbst aus der geringen Auswahl des Jahres 1962 diejenige Aktie zu wählen, die einen derartigen Erfolg vor sich hat, ist nicht viel größer als die, den aktuellen Lotto-Jackpot zu knacken. Und damit würde man sogar noch deutlich mehr verdienen.

Doch selbst über den gesamten Markt gestreut, wofür es keine hellseherische Gabe braucht, kann sich die Performance von Aktieninvestments sehen lassen. Wie sehr, darüber sind allerdings unterschiedliche Zahlen in Umlauf. Rüdiger von Rosen, Direktor des Deutschen Aktieninstituts, schätzt die jährliche Durchschnittsrendite "konservativ" auf 8 Prozent. Mitunter werden 10 Prozent und mehr genannt.

Für die (inzwischen auf Eis gelegte) Diskussion einer Teilprivatisierung des US-Rentensystems hat die Aufsichtsbehörde eine offizielle Annahme getroffen: Würde ein Teil der Rentenbeiträge in Aktien investiert, könne man für die Zukunft von jährlichen Erträgen von 7 Prozent ausgehen - im Durchschnitt, wohlgemerkt. Kaum ein Vermögenswert schwankt so stark wie Aktien. Langfristig orientierte Anleger müssen schon einige Einbrüche verkraften können. Die anschließende Erholung macht den Verlust aber fast immer wieder wett.

Kaufen und Liegenlassen?

Kaufen und Liegenlassen?

Dass die Aktienmärkte ganzer Länder über Zeiträume von zehn Jahren im Minus liegen, ist keine Seltenheit. Selbst 20-jährige Verlustphasen sind in den meisten Ländern schon vorgekommen. Doch auf längere Sicht kann man sich nach der historischen Erfahrung auf ein Plus verlassen. Ist Kaufen und Liegenlassen also die Strategie der Wahl?

Nur bedingt. Denn alle Statistiken über den langfristigen Erfolg der Aktienmärkte leiden unter dem "Survivorship Bias". Schließlich können Aktiengesellschaften auch Pleite gehen, von anderen übernommen und zerschlagen, verstaatlicht, in Kriegen oder Katastrophen zerstört werden. Wer dauerhaft auf Augenhöhe mit der Marktperformance bleiben will, muss seine Investments regelmäßig überprüfen. Aktienindizes bilden nur die Überlebenden ab, die Titel, die es geschafft haben.

Im Dow Jones Industrial Average , dem Verzeichnis der amerikanischen Standardwerte, ist heute noch genau eine Aktie vertreten, die auch bei der Auflegung des Indizes 1896 schon ein Bluechip war: die von General Electric . Der Anstieg von 40 auf rund 13.000 Punkte lässt sich also nicht einfach auf die heute im Dow vertretenen Titel übertragen. Wer damals auf Tennessee Coal und U.S. Leather setzte, hinterließ seinen Erben kein so sprunghaft wachsendes Vermögen.

Selbst der vergleichsweise junge Dax  mit seinen heute rund 7800 Punkten ist nicht derselbe, der zum Stichtag 31. Dezember 1987 auf 1000 Punkte berechnet wurde. Damals gehörten noch so illustre Namen wie die Deutsche Babcock oder Papiermühle Nobel dazu. Nur 16 der 30 Titel von damals gehören heute noch oder wieder zum deutschen Leitindex.

Auch auf ganze Länder bezogen können Anleger auf lange Sicht kräftig daneben liegen. Wer ahnte zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon, dass die USA zur führenden Wirtschaftsmacht aufsteigen und von den großen weltweiten Katastrophen weitgehend verschont bleiben würden? Kein Wunder, dass amerikanische Aktien gut abschneiden. Anleger in russische, chinesische, ägyptische oder argentinische Wertpapiere dagegen (diese vier Länder zählten damals zu den 16 größten Märkten) mussten Totalausfälle hinnehmen.

Triumph der Optimisten

Triumph der Optimisten

Elroy Dimson, Paul Marsh und Mike Staunton von der London Business School haben in ihrem Buch "Triumph of the Optimists" die wohl gründlichste Langfristuntersuchung der weltweiten Aktienmärkte vorgelegt. Sie haben den Survivorship Bias vermieden und neben dem arithmetischen Mittel auch den geografischen Durchschnitt berechnet, der den Zinseszins berücksichtigt. Für das 20. Jahrhundert kommen sie so auf eine jährliche Rendite von 5,8 Prozent weltweit. In den USA sind es 6,7, in Deutschland nur 3,6 Prozent.

Im Vergleich zu langfristigen Staatsanleihen, deren Rendite weltweit nur 1,2 Prozent betrug und in Deutschland sogar negativ war, stehen Aktien dennoch stattlich da. Trotzdem empfehlen die Autoren, für langfristige Vorsorge den Anteil von Anleihen im Portfolio zu erhöhen. Der Renditeaufschlag von 4,6 Prozentpunkten für Aktien sei nichts anderes als eine Prämie für das höhere Risiko. Und gemessen am tatsächlichen Ausfallrisiko von Aktieninvestments sei diese Prämie zu gering.

Der Harvard-Professor John Campbell fasst den gesunden Menschenverstand so zusammen: "Die Wahrscheinlichkeit, Geld zu verlieren, nimmt mit der Dauer des Investments ab. Doch das wird von der zunehmenden Größe möglicher Verluste über lange Zeiträume aufgewogen."

Wer dauerhaft eine Rendite von 5 bis 6 Prozent erwartet und nicht unbedingt auf das Kapital angewiesen ist, fährt weiterhin mit Aktien am besten. Vermasseln kann diese Rechnung allerdings der falsche Zeitpunkt zum Einstieg. Wer auf dem Höhepunkt eines Börsenzyklus teure Aktien kauft und alles auf eine Karte setzt, muss die Papiere oft länger als 30 Jahre halten, um auf ein sattes Plus zu kommen. Derzeit erscheinen die Bewertungen der meisten Aktien mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen um 15 zwar nicht gerade übertrieben. Doch diese Rechnung geht nur dank außergewöhnlich hoher Unternehmensgewinne auf.

Keynes hatte übrigens grundsätzlich nichts gegen langfristiges Denken. Am Aktienmarkt allerdings hat er, der Antispekulant, mit kurzfristigen Spekulationen ein Vermögen gemacht - und der Legende nach sogar die gewaltigen Verluste im Crash-Jahr 1929 binnen kurzer Zeit wieder ausgeglichen.

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