Konsumlust Indiens neue Mittelschicht

Das hohe Wachstum in Indien führt zu einer zunehmend konsumfreudigen Mittelschicht. Rund 300 Millionen Inder haben inzwischen genügend Zeit und Geld, um sich einen gewissen Wohlstand zu leisten. Dabei stehen europäische und insbesondere deutsche Markenprodukte hoch im Kurs.
Von Ashish Singh

Die indische Wirtschaft nimmt auch in diesem Jahr weiter an Fahrt auf: So wuchs das Bruttoinlandprodukts (BIP) bereits im ersten Quartal des Jahres um beachtliche 9,3 Prozent, und auch der Sensex 30 an der Börse in Bombay stieg allein in den letzten fünf Monaten um 600 Prozent. In der Zwischenzeit ist Indien nach Kaufkraftparitäten gar zur drittgrößten Wirtschaftsmacht, nach den USA und China, herangreift.

Der enorme wirtschaftliche Aufschwung auf dem Subkontinent bleibt nicht ohne positive Auswirkungen auf die Bevölkerung und fördert innerhalb der unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen die sozialen Aufstiegschancen wie nie zuvor in der Geschichte des Landes. Inzwischen wächst das Nettoeinkommen der Haushalte jährlich um mehr als zehn Prozent.

Somit belief sich im vergangenen Finanzjahr der Einkommensanstieg nach Angaben der Central Statistical Organisation (CSO) auf rund 360 Milliarden Euro – mit weiter positiv anhaltendem Trend: Schon jetzt rechnet der National Council for Applied Economics Research (NCAER) mit vergleichbaren Steigerungsraten in den kommenden Jahren.

Zwar gilt das gegenwärtige Pro-Kopf-Einkommen von 322 Euro pro Jahr im internationalen Vergleich als niedrig, dennoch ist die Kaufbereitschaft der Inder recht hoch. Erhebungen der National Sample Survey Organistion (NSSO) zeigen, dass allein 2005 die Konsumausgaben der indischen Privathaushalte bei gleichbleibender Inflation von 4,4 Prozent um durchschnittlich 11 Prozent gestiegen sind. Prognosen der Reserve Bank of India (RBI) gehen davon aus, dass die hohe Konsumfreude der Inder anhalten und bis 2015 um durchschnittlich 13 Prozent jährlich zulegen wird.

Vom wirtschaftlichen Aufschwung profitiert hauptsächlich die neu entstandene Mittelschicht. Wer ihre Vorlieben und Neigungen kennt, hält einen bedeutsamen Schlüssel in der Hand, um wertvolle Marktpotenziale zu erschliessen. Gleichwohl bleibt zu beachten, dass die Sozialstruktur Indiens keineswegs mit der westlicher Industrienationen vergleichbar ist.

Folgt man der Definition des NCAER, stieg die Zahl der Menschen, die zur indischen Mittelschicht gehören, in den vergangenen drei Jahren auf mehr als 700 Millionen. Als "untere Mittelschicht" gilt dabei jener Bevölkerungsanteil, der ein jährliches Einkommen zwischen 1000 und 4000 Euro hat.

Mit einem Jahressalär von über 3000 Euro verfügen ungefähr 300 Millionen Menschen in Indien über die Möglichkeit, als Käufer für langlebige Konsumgüter und Kraftfahrzeuge in Erscheinung zu treten. Der aus dem Westen stammenden Vorstellung von Mittelschicht kommen in Indien nur jene 30 Millionen Haushalte nahe, die über ein jährliches Einkommen von mehr als 7000 Euro verfügen.

Inder fahren gerne deutsche Autos

Inder fahren gerne deutsche Autos

Die neue Mittelschicht strotzt vor Selbstbewußtsein, Pragmatismus und Leistungswillen. Sie ist urban, verfügt über ein hohes Maß an Bildung und hat gelernt, sich im Rahmen des Systems nach oben zu kämpfen. Im Allgemeinen vertritt diese Gruppe hohe Ansprüche, die sie auch an den Markt weitergibt. Die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, dass aus indischen Massenkonsumenten kritische Verbraucher wurden.

Mit einem guten Gespür für ein angemessenes Preis-Leistungsverhältnis orientieren sie sich gerne an ausländischen Markenwaren und Produkten. Mittlerweile gibt es mehr als 80 Fernsehsender und eine Vielzahl an Printerzeugnissen mit Produkttests und Kaufempfehlungen.

Speziell "Made in Germany" genießt hier einen guten Ruf. Im vergangenen Jahr stiegen beispielsweise die Importe indischer Unternehmen aus dem deutschen Automobilsektor um 65 Prozent und summierten sich auf 192 Millionen Euro. Bisher ist die Pkw-Dichte auf dem Subkontinent vergleichsweise gering, auf die rund eine Milliarde Einwohner kommen nur 10,5 Millionen Fahrzeuge. 2009 wird VW – neben BMW und Daimler – ein neues Werk in Pune in Betrieb nehmen und direkt vor Ort 110.000 Autos jährlich produzieren.

Auch die Pflegemittel und Kosmetikprodukte von Beiersdorf verkaufen sich gut. Der Hamburger Konzern versteht es bestens, auf die Gepflogenheiten des hiesigen Marktes einzugehen und unterstüzt die hohe Nachfrage durch gezielte Marketing- und Werbekampagnen: Die so genannten "Around the world"-Spots sind explizit an das indische Publikum gerichtet. Ähnlich wie in Deutschland findet insbesondere die Nivea-Creme reißenden Absatz und avancierte bereits zwei Jahre nach Markteinführung zur Kultmarke.

Der Einzelhandel in Indien gilt generell noch als stark unterentwickelt, passt sich aber schrittweise den veränderten Bedürfnissen der Bevölkerung an. Nach Schätzungen der Retailers Association liegt der Gesamtumsatz jährlich bei 220 Milliarden Euro. Etwa 90 Prozent der Geschäfte werden in Kirana Stores abgewickelt, der indischen Variante der Tante-Emma-Läden.

Bis 2010 sollen bis zu 35 Milliarden Euro in den modernen Handel investiert werden und die Bedeutung von Super- und Hypermärkten wird stark zunehmen. Nicht nur deshalb werden sich Unternehmen wie Beiersdorf auch in Zukunft auf den indischen Markt konzentrieren und ihr Produktportfolio dort gezielt ausbauen.

Kampf gegen soziale Unterschiede

Kampf gegen soziale Unterschiede

Von der guten Konjunktur profitiert besonders die junge und gut ausgebildete Generation. Ein Umstand, der unter anderem durch den dynamischen Vormarsch der Single-Haushalte dokumentiert wird, in einem ansonsten von generationenübergreifendem Wohnen geprägten Land. Mehr als die Hälfte der indischen Bevölkerung ist jünger als 25 Jahre und hat den größten Teil des Berufs- und Konsumlebens noch vor sich.

Wohlhabende junge Inder interessieren sich besonders für Immobilien, Unterhaltungselektronik und Autos, die finanziert sein wollen. Kreditkartengesellschaften berichten unisono von zweistelligen Wachstumsraten und auch die Deutsche Bank profitiert vom Boom in der Mittelschicht. Sie ist bereits mit zehn Filialen in den wichtigsten Wirtschaftszentren des Landes vetreten. Von dort betreut sie mit rund 1000 Mitarbeitern 320.000 Privatkunden und stärkt zunehmend ihr erfolgreiches Asiengeschäft.

Die Banken erzielen aber nicht nur im Finanzierungsgeschäft Gewinne. Die Branche rechnet fest damit, dass in den kommenden Jahren die Sparneigung der einkommensstarken Bevölkerungsschichten zunehmen wird. Dadurch wird sich auch die Versicherungslandschaft erweitern. Dabei ist die seit 2001 im Land vertretene Allianz bestens positioniert.

Die Münchener Versicherung ist mit jeweils 26 Prozent an zwei Gemeinschaftsunternehmen beteiligt und konnte 2006 zum ersten Mal einen Umsatz von einer Milliarde Euro verbuchen. Sie verpflichtet monatlich 5000 neue Vertreter und gewinnt im gleichen Zeitraum 400.000 neue Kunden hinzu. Und der Konzern wird seine Fühler noch weiter ausstrecken, indem er mit der Beantragung einer Banklizenz seine Aktivitäten auf dem Subkontinent noch stärker ausbauen will.

Nach einer Studie des NCAER werden künftig auch die Aufwendungen für Bildung weiter zunehmen. Der steigende Bedarf an qualifizierten Arbeitsplätzen veranlasst immer mehr indische Eltern, einen wachsenden Teil ihres Budgets für die Ausbildung ihrer Kinder zurückzulegen. Den Hintergrund bildet ein harter Konkurrenzkampf, um die besten Schulen und Colleges. Denn Bildung ist mehr denn je der Schlüssel für den sozialen Aufstieg in Indien. Die Regierung hat dieses Problem erkannt und an den Universitäten und Schulen Quotenregelungen für die Angehörigen der unteren Kasten eingeführt.

Weitere Reformen im Land sind eine unabdingbare Voraussetzung dafür, dass immer mehr Menschen am Wirtschaftswachstum teilhaben können und die soziale Mobilität weiter zunimmt. Nach Angaben der Weltbank gelten immer noch rund zwei Drittel der Einwohner des Subkontinents als ökonomisch schwach.

Diese Menschen bergen enormen sozialen Sprengstoff, denn die Kluft zwischen arm und reich verbreitert sich in Indien zunehmend. Ziel muss es sein, die Infrastruktur und die soziale Absicherung im Land zu verbessern, damit die Mittelschicht wachsen und Indiens Erfolgsgeschichte fortgesetzt werden kann.

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