EZB-Politik "Nicht glaubwürdig"

Die Europäische Zentralbank (EZB) beklagt den starken Euro und sorgt sich um die Inflation. Das passt nicht zusammen und wirkt unglaubwürdig, sagt Erik Nielsen. In einem offenen Brief kritisiert der europäische Chefökonom der Investmentbank Goldman Sachs die Kommunikationspolitik der Währungshüter.

Die EZB hat hervorragend auf die seit August an den Finanzmärkten herrschenden Spannungen reagiert. Anfang August und erneut im November handelt die Notenbank entschlossen und führte Liquidität zu, um den Geldmarkt am Leben zu halten. Zwischenzeitlich hat sie von der für September signalisierten Zinserhöhung Abstand genommen und damit angesichts der größeren Unsicherheit Flexibilität bewiesen.

Die Kommunikation der EZB in dieser schwierigen Phase war weniger erfolgreich. In Anbetracht der infolge höherer Öl- und Rohstoffpreise gestiegenen Inflation verschärfte die EZB zunehmend ihren Ton und deutete mögliche Zinserhöhungen an, offensichtlich mit dem Ziel, die Inflationserwartungen stabil zu halten.

Es war deshalb keine Überraschung, dass der Euro kräftig anzog. Sein gewichteter Außenwert hat sich in den letzten Monaten um eindrucksvolle 4,4 Prozent erhöht. In dem Maße, wie der Euro stärker wurde, äußerten auch die Mitglieder des EZB-Rats mit wachsender Deutlichkeit ihre Unzufriedenheit über den starken Euro. Dabei verwendeten sie eine Reihe neuer und zunehmend aggressiver Codewörter, um dieser Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen. Seltsamerweise enthielten ihre Kommentare anscheinend aber nie Hinweise auf die klare inflationsdämpfende Wirkung des starken Euro.

Es passt nicht zusammen, wenn man sich über eine starke Währung beklagt und sich gleichzeitig über die zukünftige Inflation besorgt zeigt. Der einzige Grund, damit sich eine Notenbank, die so wie die EZB eine strenge Inflationssteuerung betreibt, Sorgen wegen einer zu starken Währung macht, wäre, wenn die von ihr betriebene Verknappung der Geldversorgung dazu führte, dass die Inflation unter ihr Inflationsziel sinkt.

In diesem Fall sollte die Notenbank über die eventuell bestehende Notwendigkeit sprechen, die Zinsen zu senken - was natürlich dazu beitragen könnte, den Aufwertungsdruck zu beenden. Wenn sich die EZB andererseits tatsächlich Sorgen über die zukünftige Inflation macht – sollte sie den starken Euro gutheißen. Eine Notenbank kann nicht zwei Variablen (die Inflationsrate und den Wechselkurs) mit nur einem Instrument (dem Zinssatz) beeinflussen. Und sich so zu äußern, als ob sie dies könnte, ist nicht glaubwürdig.

Zugegeben – der Euro hat mittlerweile seinen angemessenen Wert überschritten, und jede vernünftige Prognose würde darauf hindeuten, dass die Inflation in einem Jahr sehr wahrscheinlich unter 2 Prozent fallen wird. Die Veröffentlichung der neuen EZB-Prognose für 2009 am 6. Dezember bietet der EZB deshalb eine ausgezeichnete Gelegenheit, sich wieder ganz auf den zentralen Aspekt der Inflation zu konzentrieren und damit ihre inkonsistente Besorgnis über die Inflation und die Stärke des Euros zu beenden.