Ölmarkt Die Dollar-Dämmerung

Die Ölexporteure streiten darüber, ob sie den Handel mit dem Treibstoff der Weltwirtschaft künftig ohne US-Dollar abwickeln sollen. Den Status des Greenbacks als Leitwährung würde das noch nicht gefährden. Doch es wäre ein weiterer Riss im Fundament. Die größte Gefahr für den Dollar kommt aus den USA selbst.

Hamburg - Wenn Mahmud Ahmadinedschad und Hugo Chávez, die Präsidenten Irans und Venezuelas, gemeinsam den Erzfeind USA schmähen, scheint politische Feindschaft schwerer zu wiegen als wirtschaftliche Vernunft. Spektakulär war jedenfalls das Echo, als Ahmadinedschad auf dem Gipfeltreffen der Organisation Erdöl exportierender Staaten (Opec) am Wochenende forderte, das schwarze Gold "in einer harten Währung jenseits des US-Dollars" zu handeln. "Das Imperium des Dollars muss enden", fasste Chávez zusammen.

Verhindert haben das dem Vernehmen nach die saudi-arabischen Gastgeber, die treu zu den amerikanischen Verbündeten oder zumindest zu deren Geld halten. Die Ölscheichs haben nicht nur einen Großteil ihrer Petrodollars in den USA angelegt. Auch die Währungen der meisten Golfstaaten sind fest an den US-Dollar gekoppelt - noch.

Weil die Araber die meisten ihrer Güter aus Europa und anderen Ländern außerhalb des Dollar-Raums beziehen, treibt der fallende Wechselkurs - für einen Euro  mussten gestern erstmals mehr als 1,48 Dollar gezahlt werden - die Inflation in die Höhe. Anfang Dezember wollen die Staatschefs des Golfkooperationsrats beraten, ob sie sich mit dem geplanten gemeinsamen Geld an einem Korb aus verschiedenen Währungen orientieren, um sich gegen Schwankungen abzusichern. Das Emirat Kuwait hat seinen Dinar bereits im Mai vom Dollar abgekoppelt und seitdem leicht gegen die US-Währung aufgewertet.

Doch die Idee, den gesamten Ölhandel vom Dollar zu trennen, liegt den Königen und Emiren fern. "Sie ist gar nicht neu", sagt die Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). "Iran fordert das seit 20 Jahren." Das Land habe auch schon wiederholt angekündigt, eine eigene internationale Ölbörse ins Leben zu rufen, die den Rohstoffhandel in Euro abwickeln soll. Geschehen sei bisher aber nichts.

Doch immer, wenn der Dollar schwach sei, werde seine Rolle im Ölhandel infrage gestellt. Dann verstärke sich das Gefühl, kostbares Öl für "wertloses Papier" verkauft zu haben, wie sich Ahmadinedschad auf dem Opec-Gipfel ausdrückte. Gerade, wenn die US-Währung ohnehin angeschlagen ist, hat der Iran große Chancen, Verbündete zu gewinnen und dem Dollar einen weiteren Schlag zu versetzen. "Das ist eine reale Sorge der Amerikaner", meint Kemfert.

Iran, das seit Jahren unter Sanktionen der USA leidet, hat bereits einseitig entschieden, keine Dollar mehr von seinen Handelspartnern zu akzeptieren. Das iranische Öl wird nun gegen japanische Yen oder Euro verkauft. Die Preise entsprechen aber weiterhin umgerechnet denen, die in Dollar für vergleichbare Ölsorten gezahlt werden.

Opec "zu klein für den Radar"

Opec "zu klein für den Radar"

Russland und Norwegen als Europas wichtigste Energielieferanten, die nicht zur Opec gehören, werden immer wieder als Kandidaten für einen Wechsel weg vom Dollar genannt. In beiden Ländern ist der Vorschlag schon verschiedentlich vorgebracht worden, sogar von Russlands Präsident Wladimir Putin. Auch die französische Regierung sieht darin eine gute Gelegenheit, die Rolle des Euro zu stärken.

Der Großteil des Ölhandels findet aber gar nicht in den Förderländern statt, sondern an den Rohstoffbörsen von London und New York. Und die rechnen in Dollar. Sie ermitteln auch die Preise für die wichtigsten Sorten West Texas Intermediate (WTI) aus den USA und Brent  aus der britischen Nordsee, an denen sich der Rest des Ölmarkts orientiert. Die Opec-Länder verkaufen ihr eigenes Produkt meist um einige Dollar je Fass billiger als die Öle aus westlicher Produktion.

Für die Ölverbraucher würde sich ohnehin nicht viel am Preis ändern, gleich, in welcher Währung der Handel abgewickelt wird. "Wenn der Dollar fällt, steigt der Ölpreis gemessen in Dollar, selbst wenn der Ölpreis in Erdnussbutter ausgedrückt würde", erläutert der Washingtoner Ökonom Dean Baker.

Selbst wenn der Dollar seine Funktion als Ölhandelswährung einbüßen sollte, wäre noch nicht viel über seine Rolle als internationale Leitwährung gesagt. Im Vergleich zum Devisenhandel nimmt sich der Ölmarkt bescheiden aus. Die Investmentbank Goldman Sachs schätzt, dass täglich rund drei Billionen Dollar den Besitzer wechseln. Demgegenüber verkaufen die Opec-Staaten nur Öl für rund 1,5 Milliarden Dollar - "zu wenig, um auf dem Radarschirm aufzutauchen", urteilt Goldman-Rohstoffanalyst Jeffrey Currie.

Mehr Bauchschmerzen dürften den Währungshütern der Washingtoner Federal Reserve die Pläne verschiedener Gläubiger der USA bereiten, ihre Devisenreserven aus dem Dollar in andere Währungen umzuschichten. Denn dass Zentralbanken weltweit Billionen von Dollar horten, ist das wichtigste Standbein der Leitwährung. Nur weil der Dollar als die sicherste Geldanlage weltweit gilt, sind andere Staaten bereit, die enorme Auslandsschuld der USA zu tragen.

Jahrzehntelang schien der Dollar trotz aller Schwächen und Krisen in dieser Hinsicht unanfechtbar. Doch mit dem Euro ist erstmals eine gewichtige Konkurrenz entstanden, die dem US-Geld in Zukunft den Rang ablaufen könnte - so sagte es jüngst der ehemalige Fed-Chef Alan Greenspan in seinen Memoiren voraus.

Die wahren Feinde des Dollars

Die wahren Feinde des Dollars

Nach Angaben der Europäischen Zentralbank ist der Anteil des Euro an den bekannten Währungsreserven seit seiner Einführung 1999 von knapp 18 auf gut 25 Prozent gestiegen. Der Dollar verlor in der gleichen Zeit von mehr als 70 auf weniger als 65 Prozent - immer noch eine deutliche Führung, die jedoch mit dem fallenden Wechselkurs immer schneller infrage gestellt wird.

Russland hat bereits knapp die Hälfte seiner Reserven in Euro umgetauscht. In China, das mit rund 1,4 Billionen Dollar über den größten Tresor der Welt verfügt, denken erste hochrangige Funktionäre laut darüber nach, auf einen Teil der Dollar zu verzichten. Die Volksbank verkauft bereits mehr amerikanische Staatsanleihen als gewöhnlich.

Kein Wunder, schließlich verlieren die Chinesen mit der Abwertung ihres Geldschatzes seit Jahren Hunderte Milliarden Dollar. Bislang haben sie sich bewusst für dieses verlustreiche Investment entschieden. Denn indem sie den Dollar stützten, drückten sie den Wert der eigenen Währung Yuan-Renminbi und verbilligten so chinesische Exporte, den wichtigsten Antrieb des fernöstlichen Wirtschaftswunders.

Das gleiche Spiel ließe sich nun mit dem Euro wiederholen. Ein abrupter Schwenk würde aber den Dollar in den freien Fall stoßen - ein Szenario, das China und den anderen Besitzern großer Dollar-Reserven mindestens so unangenehm sein muss wie den USA selbst. Viel spricht daher für ein behutsames Umschichten. Verblüffen muss allerdings der Zeitpunkt. Denn wenn die Chinesen sich jetzt vom Dollar trennen, signalisieren sie damit, dass sie noch längst kein Ende des Wertverfalls erwarten. Wäre der Kursrutsch des Dollar beendet, könnte man sich jetzt schließlich günstig mit einer langfristig stabilen Währung eindecken.

Die größten Feinde des Dollars jedoch sitzen nicht in Teheran, Moskau oder Peking. Stephen Jen, Währungsökonom von Morgan Stanley, schätzt, dass Manager amerikanischer Investment-, Pensionsfonds und Versicherungen seit 2003 rund 1,16 Billionen Dollar ins Ausland investiert haben.

Das sei zum Teil eine logische Folge der Globalisierung: War das Kapital der amerikanischen Privatanleger bislang überwiegend im eigenen Land investiert, ergebe sich nun die Chance, das Anlagerisiko weltweit zu streuen. Die Fonds verfügen über viermal so viel Geld wie die bekannten Währungsreserven aller Zentralbanken. Bisher ist nur ein Fünftel davon im Ausland angelegt. Angesichts der Immobilienkrise und Angst vor einer Rezession in den USA könnte also noch weitaus mehr Kapital in Bewegung geraten. Die Wall Street gräbt dem Dollar das Wasser ab - aus purer Vernunft.

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