IWF Camdessus hat "total versagt"

Russische Politiker finden es schade, dass IWF-Chef Camdessus geht. Kein Wunder, meint ein Barclays-Banker: IWF und die Banken des Westens hätten in Russland "die grösste Plünderung in der Geschichte" gestartet.

Wien - Scharf ins Gericht ging Hans-Jörg Rudloff, Präsident der Barclays Capital, London, auf dem Internationalen Finanz- und Wirtschaftsforum (ifw) in Wien mit dem Geschäftsführenden Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), Michel Camdessus, der nach 13 Jahren an der Amtszeit am Dienstag für Februar nächsten Jahres seinen vorzeitigen Rücktritt angekündigte hatte.

Der Investmentbanker nannte in seinen Ausführungen zur "Rolle Russlands und der Länder Osteuropas im internationalen Finanzsystem" den IWF-Chef wörtlich als den "größten Versager" und bezichtete ihn, "meistens im Auftrage des US-Treasury gehandelt zu haben".

"Totales Versagen" hat Michel Camdessus nach Meinung von Rudloff an den Tag gelegt, als er am 20. Juni 1998 öffentlich gesagt hatte, "Russland hat keine Finanzprobleme", und kurz darauf sei es zum Zusammenbruch des russischen Finanzsystems gekommen. Der Barclays-Capital-Präsident kritisierte aber auch die westlichen Banken in Russland selbst, weil sie in ihrem Egoismus nicht rechzeitig solidarisch für eine gewisse Ordnung in den von ihnen beherrschten Finanzmärkten in Russland sowie mit russischen Schuldentiteln gesorgt hätten. Auch die westlichen Berater und Regierungen wurden vom Londoner Banker scharf kritisiert beim Ausbruch der letzten Russland-Krise im August 1998.

"Dieser Zusammenbruch Russlands war auch auf die Komplizenschaft des Westens zurückzuführen", namentlich nannte Rudloff dabei Jeffrey Sachs und Stanley Fischer als Ratgeber für einen schockartigen Übergang Russlands über eine schnelle Privatisierung, die "zum größten Diebstahl, zur größten Plünderung der Geschichte" wurde. "Ich sage das voller Demut", so der Barclays-Banker, "denn ich war ein Teil des Prozesses".

Nun aber dürfe man Russland nicht fallen lassen, Russland müsse nun eine "zweite Chance" bekommen. Entscheidend werden die Duma-Wahlen Ende dieses Jahres und vor allem die Präsidentenwahl im nächsten Jahr sein, der Westen müsse auf deren Durchführung bestehen.

Auch das Problem der russischen Auslandsschulden müsse "so oder so gelöst" werden. Es gebe hier grundsätzlich drei Möglichkeiten, meinte Rudloff: den "default", die allgemeine Restrukturierung und den dritten Weg des "Sichdurchwurstelns", der sich gegenwärtig sich abzeichne. Nur müsse hier eine exakte Konditionalisierung gegeben sein, damit Russland in einigen Jahren nicht so darstehe wie heute.