IWF Vorsitz an einen Deutschen?

Nach dem Rücktritt von IWF-Generaldirektor Michel Camdessus hat der derzeitige Finanzstaatsekretär Caio Koch-Weser gute Chancen auf die Nachfolge.

Berlin - Aus Koalitionskreisen verlautete, dass der Finanzstaatssekretär und Währungsexperte Caio Koch-Weser (55) als "erste Wahl" für die Führungsposition beim Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington gehandelt werde. Camdessus (66) hatte am Dienstagabend in Washington seinen vorzeitigen Rücktritt aus persönlichen Gründen für kommenden Februar angekündigt. Sein Vertrag läuft bis 2002.

Man habe noch genug Zeit, hieß es weiter in Berlin. Koch-Weser war schon als Spitzenmanager der Weltbank tätig und ist in Washington sehr geschätzt. Die Bundesregierung verweigerte jeden Hinweis zu dieser Personalfrage.

Über einen deutschen Kandidaten, der international die Mehrheit hinter sich brächte, "wäre die Bundesregierung glücklich", sagte Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye der Bundespressekonferenz. Der Sprecher des Bundesfinanzministeriums, Torsten Albig, sagte, die Regierung werde sich nicht an Personalspekulationen beteiligen.

Nach Informationen der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Mittwochausgabe) ist auch der britische Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel, Andrew Crockett, einer der "aussichtsreichsten Kandidaten". Nach Einschätzung der "Financial Times" gehört der Präsident der Osteuropa-Bank, Horst Köhler, ebenfalls zu den möglichen Kandidaten.

Bundesbank-Vize Jürgen Stark, selbst als Kandidat im Gespräch, forderte am Mittwoch im "Südwestrundfunk" als Nachfolger einen Deutschen, da die Franzosen lange eine Führungsrolle beim IWF inne gehabt hätten. Seine Einschätzung über den deutschen Anspruch wird in IWF-Kreisen geteilt.

Nach inoffiziellen Informationen haben mehrere prominente Banker und Politiker Interesse bekundet. Genannt wurden der französische Zentralbankchef Jean-Claude Trichet, der britische Schatzkanzler Gordon Brown und der stellvertretende Direktor der Bank von England, Mervyn King. Camdessus meinte vor Journalisten, es könne eine gute Idee sein, einen Mann aus der Privatwirtschaft zu wählen. "Und dieser Mann könnte auch eine Frau sein", fügte er hinzu.

Camdessus, früher Präsident der französischen Nationalbank, führte den Währungsfonds während großer Veränderungen der Weltwirtschaft, die vom Zusammenbruch des sozialistischen Systems, der zunehmenden Globalisierung und einer Reihe schwerer Finanzkrisen gekennzeichnet waren. Beginnend mit der mexikanischen Peso-Krise Ende 1994 wurde Camdessus zum Architekten und öffentlichen Symbol des internationalen Finanzkrisen-Managements in Lateinamerika, Asien und Russland unter Führung des Währungsfonds. Als Fehlleistung gilt die IWF- Kreditpolitik gegenüber Russland.

Russische Politiker, die in Camdessus einen Fürsprecher sehen, zeigten sich besorgt über mögliche Folgen für ihr Land. Russland hofft derzeit auf die Freigabe einer seit September ausstehenden Kreditrate bis Ende des Jahres. Die Tranche ist Teil eines im Sommer vereinbarten Kredits über 4,5 Milliarden Dollar, der bis Ende 2000 ausgezahlt werden soll. Das Geld wird für die Bedienung früherer russischer Schulden verwendet.

Camdessus war in den vergangenen Monaten in die Kritik geraten, nachdem westliche Medien berichtet hatten, dass in der Bank of New York möglicherweise auch Gelder aus IWF-Krediten an Russland "gewaschen" worden seien. Dies wurde bisher nicht nachgewiesen. Camdessus hatte diese Möglichkeit stets ausgeschlossen.