Russland Schulden wachsen wie ein Schneeball

23 Milliarden US-Dollar zahlte Russland im August 2006 an die Gläubiger zurück und tilgte damit die gesamte Staatsschuld. Ein Jahr später steckt das Land wieder tief in den Schulden - allerdings nicht Staat und Regionen, sondern die staatseigenen Unternehmen.
Von Dmitri Amiian

Moskau - Die Zentralbank Russlands schlägt Alarm: Die Auslandsverbindlichkeiten der russischen Staatskonzerne wachsen viel zu schell an. Betrugen sie vor fünf Jahren noch 1,75 Milliarden US-Dollar, so stiegen sie bereits 2005 auf mehr als 20 Milliarden an und liegen jetzt bei etwa 120 bis 130 Milliarden. Das ist fast dreifach so hoch wie die gesamte Außenschuld aller Staatsebenen der Russischen Föderation. "Die Gläubiger halten die Darlehen an staatseigene Unternehmen für staatlich gesichert", sagt der Vizepräsident der russischen Zentralbank Alexej Uljukajew und schlägt eine Gesetzesinitiative vor, die die Kreditaufnahme staatlicher Konzerne in Grenzen halten soll.

Diese Initiative ist aber nur schwer gegen den Widerstand der finanzindustriellen Lobbys durchzusetzen. Noch vor einem Jahr hat es in Russland eine Regelung gegeben, wonach die Staatskonzerne einen Teil ihrer Auslandskredite in eine Zwangsreserve einzahlen mussten. Das hat die Kredite zwar teurer gemacht, zugleich aber Risiken minimiert. Dann wurde auch diese Vorschrift aufgehoben. Jetzt haben die Staatskonzerne freie Hand für eine unbegrenzte Schuldenanhäufung. Und sie machen von dieser Möglichkeit exzessiv Gebrauch.

Allein die Schulden der beiden Energieriesen Gasprom und Rosneft schätzen die Experten auf 60 Milliarden US-Dollar. Das entspricht einem Drittel der Gesamteinnahmen des russischen Staatshaushalts im Jahr. Der Schuldenberg würde nicht ganz so drückend wirken, wenn das aufgenommene Kapital in Modernisierung und Ausbau der Produktion investiert worden wäre. Beim hohen Alterungs- und Verschleißgrad der Industrieanlagen in Russland ist eine Modernisierung bitter nötig. Doch das Geld geht meist in den Kauf neuer Aktiva.

Der staatliche Ölkonzern Rosneft  nahm 2005 den bislang größten Unternehmenskredit in der russischen Wirtschaftsgeschichte auf. Knapp 25 Milliarden US-Dollar stellte ihr ein Bankensyndikat aus sechs europäischen und amerikanischen Kreditinstituten zur Verfügung. Der ganze Betrag wurde in den Aufkauf des zerschlagenen Erdölkonzerns Jukos gesteckt. Rosneft hat sich dabei so stark verausgabt, dass das Unternehmen für sein laufendes Geschäft noch ganz schnell 250 Millionen US-Dollar borgen musste, um akute Liquiditätslücken zu schließen. Die staatlich kontrollierte VTB-Bank hat die Kreditlinie für ein Jahr zu einem Zinssatz von sieben Prozent eingeräumt — für russische Verhältnisse ausgesprochen günstig.

Einkaufen auf Pump

Einkaufen auf Pump

Auch Gasprom geht gerne auf Pump einkaufen. Der staatliche Erdgasmonopolist hatte 2005 den Ölproduzenten Sibneft vom russischen Magnaten Roman Abramowitsch erworben. Die dafür in Rechnung gestellten 13 Milliarden US-Dollar hat der Konzern bei einem Bankensyndikat, angeführt von Dresdner Kleinwort und ABN Amro , ausgeliehen. Jetzt verhandelt Gasprom mit der ABN Amro und Credit Suisse  über weitere 10 Milliarden Dollar. Damit will Gasprom sein Kontrollpaket bei Sachalin-2 — dem größten Flüssiggasprojekt der Welt — finanzieren. Außerdem steht die Finanzierung des Kovykta-Felds noch aus, eines weiteren Flüssiggasprojekts, das der Staatskonzern jüngst von British Petrol (BP) übernommen hat.

Hinter der zügellosen Kaufwut vermuten Experten mehr politisches als wirtschaftliches Kalkül. 2005 trat der russische Präsident Wladimir Putin mit der Initiative vor, alle strategisch wichtigen Wirtschaftsbranchen wieder unter Staatskontrolle zu stellen. Diese Initiative und der darauf aufbauende Gesetzentwurf sorgten für einen regelrechten Aufruhr unter ausländischen Investoren und ihren politischen Lobbyisten. Die westlichen Partner Moskaus fordern ein Konsultations- und Mitspracherecht bei der Entwicklung des Gesetzes. So zuletzt Bundeskanzlerin Angela Merkel beim EU-Russland-Gipfeltreffen im russischen Samara. Die Proteste im Westen haben auf den ersten Blick eine Wirkung: Die Gesetzesdebatte wird im Parlament seit gut einem Jahr nicht vorangetrieben.

Indes kaufen aber die staatlichen Konzerne in enger Zusammenarbeit mit den Aufsichts- und Steuerbehörden auf das vorgegebene Ziel hin. So übernahm Gasprom die Kontrolle über Sachalin-2, nachdem die russische Umweltbehörde dem britisch-niederländischen Konzern Shell  die Umweltlizenz entzog. Das gleiche Szenario spielten Umweltbehörde und Gasprom mit BP auf dem Kovykta-Gas-Feld durch. Der Konzern Rosneft bediente sich der Aktiva von Jukos, nachdem Steuerbehörden den privaten Ölkonzern in den Konkurs gezwungen hatten. Die beiden Energieriesen schaffen so vollendete Tatsachen. Und die sind in Russland oft bindender als die Gesetze.

Die Schulden werden später leicht über die Börse weitergereicht. Die Börsengänge staatlicher Unternehmen und ihrer Töchter gewinnen bei russischen Privatinvestoren zunehmend an Attraktivität. Jede Neuemission spült immer mehr Geld in die Kassen der Emittenten. Die Aktieninvestments schlagen bald die Immobilie, bisher die absolute Lieblingsanlage der Russen. Die staatlichen Konzerne liegen auch hier klar in Führung: Seit dem Sommer 2003 ist der russische Aktienindex RTS um das Vierfache gewachsen, die Gasprom-Aktie aber fast um das Achtfache. Auch die Obligationen der Staatsunternehmen finden an der Börse rauschenden Absatz. Diese enorme Nachfrage und der steigende Ölpreis schaffen Wunder. Bald können die Staatsriesen ganz entschuldet sein.

Die Aktienanleger machen dabei aber ein riskantes Geschäft: Sollten die Energiepreise stark fallen, so reißen sie die Papiere der hochverschuldeten Konzerne mit in die Tiefe. Die Anleihen sind dagegen weniger riskant: "Die Regierung Russlands lässt kein staatliches Unternehmen in Zahlungsverzug geraten", versichert der russische Wirtschaftsminister German Gref.