Rohstoffe Der stählerne Boom

Wer Rohstoffe sagt, meint vor allem Stahl. Für den Schiffbau, für die Konstruktion von Brücken - für die Chinesen. Doch so einfach können Anleger von dieser Entwicklung nicht profitieren.
Von Arne Gottschalck

London - Er guckt schon ein bisschen grimmig. Die Augen fest nach unten gerichtet, das Doppelkinn entschlossen vorgeschoben - nein, Winston Churchill hat keine gute Laune. Dabei blickt der ehemalige britische Premierminister von seinem Gemälde auf einen Raum, der englischer nicht sein könnte. Der Kopf des Raumes ein acht Meter hohes Halbrund mit lindgrünen Wänden.

An den Wänden hängen große Porträts von Persönlichkeiten aus der britischen Geschichte. Und im der Mitte glänzt ein Kronleuchter, aus dem die Kristalle wie Wassertropfen aus einer Gieskanne zu fallen scheinen. Und wer aus dem Fenster des Trinity House schaut, sieht die Tower Bridge. Kein Grund also für Churchill grimmig zu schauen.

Nun, der stahlharte Blick des Briten erschreckt heutzutage niemanden mehr, schon gar nicht das Publikum, das gekommen ist, um sich über Aussichten der Metalle zu informieren. Erschreckender sind dann schon eher die Schwankungen der Rohstoffpreise. Die des Stahls zum Beispiel. Aktuell indes geht es den Stahlhändlern gut. Das ist nicht nur in London bekannt, sondern auch in Deutschland.

"Dank der guten Beschäftigung aller Stahl verarbeitenden Wirtschaftszweige - ausgenommen Wohnungsneubau - in Deutschland bewegt sich die Nachfrage nach Stahlprodukten im gesamten Jahr 2007 auf einem sehr hohen Niveau. Von dieser Entwicklung hat der lagerhaltende Stahlhandel in der Bundesrepublik in angemessenem Maße partizipiert", weiß Oliver Ellermann, Vorstand des Verbands deutscher Stahlhändler.

Das hat mit vielen Faktoren zu tun, auch mit dem Konsumverhalten der Inder. Früher klang die Geschichte so: Man kaufte dort Schmuck - nicht nur um des Glanzes willen, sondern als Kapitalanlage. Selbst die Ärmsten versuchten, ihre Frauen mit Ringen und Ketten zu schmücken. Doch das ändert sich. Stahl ist auf dem Vormarsch. Genauer, Modeschmuck aus Stahl. Im Trinity House heißt es, das läge auch an den Werbebudgets.

Denn jene Unternehmen, die Modeschmuck herstellen, sollen aktiv werben. Jene, die Schmuck aus Edelmetall fertige, seien weitaus zurückhaltender.

Goldene Zeiten für Stahl

Goldene Zeiten für Stahl

Mit dem Ergebnis, dass der Stahlpreis steigt. Eine Formulierung, die dem Stahlexperten Ellermann ein Dorn im Auge ist. "Da Stahl in den unterschiedlichsten Produktformen, Güten und Abmessungen hergestellt, vertrieben und verarbeitet wird, kann es nicht 'den' Stahlpreis geben. Das gilt umso mehr, als weitere Faktoren wie Auftragsgröße, Umfang der An- und Umarbeitung, regionale Verfügbarkeit und so weiter auf die Preisbildung Einfluss nehmen. Einen Preis für zum Beispiel 'eine Tonne Stahl' kann es also ebenso wenig geben wie den Preis für 'ein Auto'."

Dennoch, unter dem Strich scheinen sich die Experten einig zu sein - Stahl wird teurer. "Solide zugrundeliegende Nachfrage nach Stahl sowie die mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwartenden Rohstoffkostensteigerungen für die Stahlproduktion lassen uns steigende Stahlpreise in 2008 erwarten", erklärt Arvid Rickmers, Fondsmanager bei der Dekabank.

Schön für Stahlhändler wie Ellermann. Und die Anleger? Sie haben es nicht ganz so einfach. Denn der Stahlpreis wird nur zum Teil von Angebot und Nachfrage getrieben. Maßgeblich sind daneben "für Stahlproduzenten Rohstoffpreise wie für Erz, Koks, Schrott oder Legierungsbestandteile sowie Energiekosten die maßgeblichen Treiber der Herstellkosten. Ob und in welchem Umfang variierende Herstellkosten dann im Produktpreis weitergegeben werden können, hängt von der jeweiligen Marktlage ab", so Ellermann. Und diese preise werden "jährlich verhandelt und viele Faktoren deuten auf deutlich Anstiege in der nächsten Runde", blickt Fondsmanager Rickmers in die Zukunft. Die Vorhersagbarkeit des Preises ist also ein Problem. Dazu kommt die Handelbarkeit von Stahl. Freilich, Stahlaktien lassen sich problemlos kaufen. Aber Futures, das immer wichtigere Medium für die Geldanlage? Fehlanzeige, es gibt sie einfach nicht. Zumindest bis jetzt.

"Die Rohstoffbörse LME bemüht sich um den Aufbau von Stahlfutures", sagt Ellermann. Große Chancen wird den Briten aber nicht eingeräumt. "Es gab immer wieder Versuche, Stahl ähnlich wie zum Beispiel Kupfer oder Aluminium an der Börse zu handeln. Bis jetzt mit geringem Erfolg - wahrscheinlich aufgrund der großen Produktdiversität, die eine nötige Standardisierung erschwert", schätzt Fondsmanager Rickmers.

Fast ohne Dollarrisiko

Fast ohne Dollarrisiko

Sonst könnte es Stahl inzwischen so wie dem Gold gehen - auch das Edelmetall galt lange als uninteressant, um dann im Wert kräftig zuzulegen. Eine Entwicklung, die auch Rickmers beobachtet. "Über längere Zeiträume kann man durchaus einen gewissen Gleichlauf zwischen Stahl- und Goldpreisen finden - in Zeiten höherer Inflation tendieren beide stärker." Um aber gleich einzuschränken: "Ein wichtiger Unterschied ist jedoch, dass hohe Stahlpreise starke wirtschaftliche Aktivität reflektieren - zum Beispiel Infrastrukturinvestitionen, Baukonjunktur sowie Fahrzeug- und Schiffbau. Gold dagegen ist oft in Krisenzeiten gesucht."

Einen Vorteil hat Stahl allerdings gegenüber Gold. "Bei Stahl erfolgt die Abrechnung in der Regel in Lokalwährung", so Rickmers. Der schwache Dollar wirkt sich daher nicht auf die Preise aus. Oder besser, fast nicht. "Die Exporte zwischen den Regionen und die Abrechnung der Rohstoffkosten wie Eisenerz und Kokskohle sorgen jedoch für indirekten Währungseinfluss. Zum Beispiel sorgt der schwache US-Dollar aktuell dafür, dass chinesische Exporte vermehrt in den Euro-Raum statt in die USA gehen und somit im Euroraum für etwas Preisdruck sorgen", erklärt der Fondsmanager des Deka Global Resources weiter.

Zu solchen Ergebnissen kommt man auch im Trinity House. Ob die anwesenden Bänker, Analysten und Vermögensverwalter diese Trends auch umsetzen, bleibt ihr Geheimnis. Gefallen zu haben scheint es den Zuhörern im lindgrünen Saal allemal. Churchills Groll bleibt also tatsächlich unerklärlich.