Kreditklemme 100 Milliarden Dollar für die Rettung

Die drei größten US-Banken treten an, um die Kreditklemme aufzulösen. Ein Rettungsfonds soll Refinanzierungen erleichtern - und die Fondsgründer selbst mit aus dem Sumpf ziehen. Anleger werten dies als Zeichen, dass die Kreditkrise noch nicht ausgestanden ist. Sie sehen Angst als treibende Kraft für die Aktion.

Hamburg - Drei Musketiere ziehen aus, ihre Ehre zu retten. Es sind nicht die mutigen Gascogner Kadetten Athos, Porthos und Aramis, die mit flottem Degen für König und Kameraden fechten. Auf die Bühne treten stattdessen Citigroup , J.P. Morgan Chase  und Bank of America , die drei größten Banken der USA. Sie führen einen bis zu 100 Milliarden Dollar schweren Fonds ins Feld, um die eigene Branche zu retten, die sich mit riskanten Investments in die Bredouille gebracht hat.

Einer für alle, alle für einen? So ungefähr. Solidarität unter Banken gehört zwar nicht zum täglichen Geschäft, ist aber in Ausnahmesituationen wie dieser nötig - und daran lässt sich noch verdienen.

Der Markt für Kreditderivate liegt seit dem Sommer brach. Die Banken bleiben auf ihren mehr oder weniger faulen Schuldtiteln als Folge der US-Immobilienkrise sitzen. Es geht um Summen in Höhe von mehreren Milliarden Dollar. Es muss dringend ein Geldgeber her, der den Handel wieder anschiebt.

Seit den ersten Schreckensmeldungen (Deutschlands oberster Finanzaufseher Jochen Sanio warnte gar vor der "größten Bankenkrise seit 1931") ist die Angst an den Börsen zwar wieder verflogen. Liquide sind sie jedenfalls geblieben, auch dank zahlreicher Geldspritzen der Zentralbanken und einer kräftigen Zinssenkung in den USA.

Die Risiken sind aber noch da - entweder direkt in den Bilanzen der Banken oder in eigens geschaffenen Zweckgesellschaften, sogenannten Conduits oder Strukturierten Investmentvehikeln (SIV). Das klingt nicht nur wie HIV, es ist auch ansteckend.

Conduits begeben eigene kurzfristige Schuldtitel, Commercial Papers. Diese bekamen sie bisher meist zu niedrigen Zinsen, weil die indirekte Verbindung mit solventen Großbanken ihnen Bonität verschaffte. Davon kaufen sie riskantere Papiere, beispielsweise zur Finanzierung von Leveraged Buy-Outs, Firmenübernahmen der Private-Equity-Fonds, oder mit Hypothekenschulden besicherte Wertpapiere.

Damit haben sich die Firmen jedoch im großen Stil verspekuliert, kleinere Banken wie die deutschen Krisenopfer IKB und SachsenLB sind unter der Last ihrer Conduits mit klingenden Namen wie "Rhineland" oder "Ormond Quay" nur knapp am Zusammenbruch vorbeigeschrammt.

Milliardenverluste sind nur der Anfang

Milliardenverluste sind nur der Anfang

Die Ratingagentur Moody's schätzte das weltweite Volumen der Conduits im August auf rund 400 Milliarden Dollar. Seitdem dürfte zwar der Wert gesunken sein, verkaufen ließen sich aber keine Titel aus Conduit-Besitz. Retter Nummer eins ist selbst groß im Markt: Der Citigroup gehören sieben Conduits mit einem Volumen von rund 100 Milliarden Dollar, darunter laut Standard & Poor's auch vier der zehn größten.

Die Bank hat dieses Geschäft ja auch Ende der 80er Jahre erfunden, genauer gesagt ihre damaligen Londoner Banker Nicholas Sossidis und Stephen Partridge-Hicks, die sich später mit der eigenen Gesellschaft Gordian Knot selbständig machten - heute der größte Conduit der Welt.

Den "Gordischen Knoten" durchschlagen

Der Name wurde wohl nicht mit Blick auf die heutige Lage der Vehikel ausgewählt. Die gleicht tatsächlich einem Gordischen Knoten, der nur mit einem Schwerthieb geöffnet werden kann. Auch die Allianz-Tochter  Dresdner Bank steht mit ihrem K2 in der Rangliste noch vor den Citi-Vehikeln.

Nicht alle Schäden der Krise ließen sich bislang außerhalb der Bankbilanzen halten. Die Citigroup musste allein im abgelaufenen Quartal fast drei Milliarden Dollar an Kreditpaketen abschreiben, weshalb die Bank einen gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 57 Prozent geringeren Gewinn auswies.

Die Partner im Fonds müssen als nächste die Karten auf den Tisch legen, J.P. Morgan Chase am Mittwoch, die Bank of America am Donnerstag. Weitere Banken wie Merrill Lynch  oder die Deutsche Bank  haben bereits angekündigt, Milliarden abschreiben zu müssen. Die Schweizer UBS  wird für das vergangene Quartal sogar ein Minus ausweisen.

Das ist aber nur der Anfang. Weil die Immobilienpreise in den USA wohl noch lange brauchen werden, um auf ein haltbares Niveau zu fallen, schrumpft auch der Wert der an Hypotheken gebundenen Kredite weiter. Die Banken stehen also vor der Wahl, ihre Kreditpakete entweder in die eigenen Bilanzen zu nehmen und riesige Abschreibungen vorzunehmen oder sie schlagartig zu verkaufen, was die Preise schnell in den Keller drücken würde. Im schlimmsten Fall würde das Schicksal von IKB und SachsenLB auch private Großbanken ereilen.

"Das ganze Team gehört gefeuert"

"Das ganze Team gehört gefeuert"

Die Lösung für das Problem scheint jetzt gefunden - nach altem Muster: Die Banken gründen eine neue Zweckgesellschaft, einen Superconduit unter dem Namen Master-Liquidity Enhancement Conduit (M-LEC). Binnen 90 Tagen soll das neue Vehikel stehen, gab die Bank of America am Montagnachmittag bekannt. Der M-LEC werde anderen Conduits aus der ganzen Welt ansonsten unverkäufliche Papiere abkaufen.

Ziel sei, "Refinanzierungen von Asset-Backed Commercial Papers zu erleichtern und andere marktbasierte Lösungen zu ergänzen, um ein ordentliches und effizientes Marktumfeld zu unterstützen". Neben den großen drei seien noch "weitere Finanzinstitutionen" beteiligt, die aber nicht genannt wurden. Die britische Großbank HSBC  winkte bereits ab.

J.P. Morgan und Bank of America haben allerdings keine eigenen Conduits. Für sie besteht der Reiz des Geschäfts neben der Wiederherstellung des Markts vor allem darin, dass sie über den Fonds Gebühren einnehmen und neue Schuldtitel auf den Markt bringen können - vorausgesetzt, der schenkt dem M-LEC das erhoffte Vertrauen.

Um dieses Ziel zu erreichen, ist noch zu klären, zu welchen Bedingungen und nach welchen Kriterien der Superconduit zugreifen wird. Dem Vernehmen nach sollen Kreditpakete, die mit Hypotheken aus dem Subprime-Segment, also von kreditunwürdigen Schuldnern, beliehen sind, außen vor bleiben. Sonst würde das für den Erfolg des M-LEC wichtige Vertrauen untergraben.

Nach Angaben aus Branchenkreisen gibt es auch Konkurrenzbanken, denen der Deal missfällt. Wer sich bei seinen Spekulationen verrechnet habe, müsse den Schaden tragen, so das Argument. Von einem "Citi-Bailout" ist die Rede, weil vor allem der Branchenführer, ohnehin mit einer verhältnismäßig dünnen Eigenkapitaldecke ausgestattet, der Rettung bedarf.

"Warum sollte die Citigroup gerettet werden?", schimpft der Investmentberater und Börsenblogger Michael Shedlock. "Sie waren unglaublich gierig und müssen den Preis dafür bezahlen. (Citigroup-Chef) Chuck Prince und sein gesamtes Team gehören gefeuert."

"Angst ist die treibende Kraft"

"Angst ist die treibende Kraft"

Bankenanalyst Konrad Becker von Merck Finck interpretiert die Pläne nicht als ein Indiz, dass die Krise schwerer ist als erwartet. Sie seien aber "ein klarer Beleg" dafür, dass das an den Märkten in den vergangenen Wochen aufgekommene Gefühl, die Krise könne nach den Milliardenabschreibungen der Banken womöglich ausgestanden sein, "schlicht falsch" sei.

Becker interpretiert den Plan als einen "Schritt in die richtige Richtung". Schließlich sei klar, dass die Hypothekenkrise in den USA noch nicht vorbei sei. Denn der größte Teil der Kredite mit schlechter Bonität gelange erst im kommenden Jahr in eine für die Märkte gefährliche Phase. Bei vielen der bislang zinsfrei gehaltenen Darlehen setze erst 2008 die Zinszahlung ein, wobei dann zugleich das erhöhte Zinsniveau voll ins Kontor des Schuldners schlagen werde.

"Die Angst, dass Notverkäufe den ganzen Markt hinunterziehen, ist für mich die treibende Kraft bei diesen Plänen", sagt Becker. Sollten die US-Banken vor diesem Hintergrund ihre Kreditvergabe weiter verschärfen, hätte das empfindliche Auswirkungen auf die Investitionen und damit auch die reale Wirtschaft in den USA.

Becker geht davon aus, dass die Banken nur einen kleineren Teil des Fondsvolumens aus eigenen Mitteln beisteuern werden. Der Fonds werde vermutlich Wertpapiere herausgeben, für die die Banken geradestehen, um dann mit dem vereinnahmten Erlös die in Not geratenen Produkte verschiedener Conduits aufzukaufen.

Bereits bei der LTCM-Krise im Jahr 1998 hatten die Banken auf eine ähnliche Lösung gesetzt. Über eine Auffanggesellschaft kauften sie Forderungen des in Not geratenen Hedgefonds auf, um zu verhindern, dass dieser mit Notverkäufen den ganzen Markt zu Boden zieht.

Heute wie damals gibt die US-Regierung Hilfe zur Selbsthilfe. Zum ersten Treffen der Banken Mitte September lud Finanzminister Henry Paulson ein. Der von Goldman Sachs  gekommene Minister gilt als Freund der Wall Street. Er drängte auf eine Lösung, als klar war, dass einige Banken in ernste Schwierigkeiten kommen würden. Zugleich machte Paulson klar, dass es keinen Bailout auf Regierungskosten geben werde. Dennoch rief auch diese Initiatorenrolle Irritation hervor. Paulsons Beteiligung "stinkt", ließ sich der konservative Hedgefonds-Partner John Makin von Caxton Associates zitieren. Die Abenteuer in Alexandre Dumas' Roman überlebt übrigens nur einer der drei Musketiere.

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