Anlage KGV statt Kanzel

Geldanlage gilt als Domäne der Betriebswirte. Ein Irrtum, denn neben Juristen, Historikern und Autodidakten tummeln sich auch Priester im Geschäft mit den Aktien. manager-magazin.de sprach mit Uwe Lang, der von der Kanzel auf das Börsenparkett fand.
Von Arne Gottschalck

mm.de: Herr Lang, zu Beginn vermutlich die Frage, die Sie am häufigsten beantworten: Wie kamen Sie aus dem Priesteramt zur Geldanlage, von der Kanzel zum KGV?

Lang: Evangelische Pfarrer sind keine Priester. Priester "opfern"; in der katholischen Kirche ist das beim Altarsakrament heute noch so.

mm.de: In Ordnung - wie kamen Sie also als Kirchenmann zur Börse?

Lang: Ich komme aus einer Augsburger Kaufmannsfamilie. Die Börse war zunächst ein Hobby. Dann war mein Buch "Der Aktienberater" in den 80er Jahren mit 14 Auflagen ein so großer Erfolg, dass ich auf vielfachen Wunsch einen Börsenbrief herausgab. Pfarramt und Journalismus zusammen waren aber auf die Dauer zeitlich nicht zu schaffen. So wurde mit Einverständnis meiner Kirchenleitung aus dem Hobby ein Beruf und aus dem Beruf ein Hobby.

Als mein Börsenbrief "Börsensignale" in den Jahren nach meinem Berufswechsel ab 1993 sehr gut abschnitt, kam ich natürlich vom Journalismus nicht mehr weg. Meine Landeskirche, in der ich immer noch ehrenamtlich tätig bin, hatte in dieser Zeit auch genügend Personal.

mm.de: Spielt Religion denn noch eine Rolle bei Ihrer Einschätzung von Aktien?

Lang: Ich würde es lieber so formulieren, dass für mich in meiner journalistischen Arbeit ethische Prinzipien eine sehr wichtige Rolle spielen. Aktiengesellschaften, die sich ethisch sauber verhalten, zum Beispiel auf Korruption verzichten, arbeiten auch nachweislich erfolgreicher als andere.

mm.de: Investieren Sie "nachhaltiger" als andere?

Lang: Ich habe große Sympathie für Unternehmen, die erneuerbare Energie produzieren und anwenden. Das allein reicht freilich nicht aus, um an der Börse erfolgreich zu investieren. Derzeit halte ich die Solaraktien im Kurs für weit überhöht. Auch sage ich meinen Lesern immer wieder, dass sie immer nur auf Zeit in ein Unternehmen investieren, sich also nicht unbedingt mit diesem identifizieren müssen. Meine Empfehlungen gehen daher nicht immer nur in "nachhaltige Energieaktien".

Profitgier ist nicht immer schlecht

mm.de: Wo sehen Sie den Dax aktuell - nach einer Katharsis oder eher am Anfang vom Ende?

Lang: Dass der Dax  beziehungsweise die Weltbörsen vor einem Riesencrash stehen, glaube ich nicht. Leider haben sie auf die Kreditkrisen diesen Sommer nicht stark genug nach unten korrigiert. Ich wäre nach meiner Verkaufsempfehlung vom Juni gern auf tieferem Niveau wieder eingestiegen.

Aber vermutlich müssen wir trotzdem noch im Oktober wieder einsteigen, denn die Kurse werden sehr wahrscheinlich weltweit von November 2007 bis April 2008 wieder nach oben gehen. Das Kursniveau ist allerdings relativ hoch, deshalb sollte man in risikoarme Werte gehen und auch vom Volumen her nicht allzu viel riskieren!

mm.de: Fällt es Ihnen manchmal schwer, christliches Gedankengut bei der Analyse von Aktien zu verdrängen, wenn zum Beispiel Versicherungen Tausende Arbeitsplätze vernichten?

Lang: Ich bin nicht nur überzeugter Christ, sondern auch Mitglied beim Arbeitskreis Evangelische Erneuerung, beim Bund Naturschutz, beim Tierschutzbund und in der SPD. Was die Vernichtung von Arbeitsplätzen betrifft, gilt es zu unterscheiden zwischen dem Wegfall unrentabler Stellen, was innerhalb einer Marktwirtschaft immer wieder nötig ist, und einer Ausplünderung von Unternehmen durch kurzfristige Profitgier von "Heuschrecken" oder gewissenlosen Managern.

Ist Letzteres der Fall, ist der Staat gefordert, rentable Arbeitsplätze zu erhalten. Wie man dabei freilich auch die Lage fehleinschätzen kann, hat die seinerzeitige Rettungsaktion durch Gerhard Schröder für den Baukonzern Holzmann gezeigt.

mm.de: Wo sehen Sie die aktuellen Gefahren für Deutschland - die gern genannte Rezession in den USA und die damit einhergehende Verschlechterung des Konsumklimas?

Lang: Ich habe im Frühjahr dieses Jahres selbst bereits vor einer Rezession in den USA und in der Folge auch für Europa gewarnt. Sie hätte ausgelöst werden können durch eine zu restriktive Zentralbankpolitik mit der Folge von Kreditengpässen und einer Verschlechterung des Konsumklimas. Zu einer konjunkturellen Abschwächung wird es in den USA, Europa und Asien schon kommen.

Aber die sehe ich nicht als Gefahr, sondern als nötige Konsolidierung. Die Zentralbanken haben das Nötige getan, um eine weltweite Kreditkrise und Deflation zu verhindern. Sie müssen aber auch aufpassen, dass nicht die Inflation wiederkehrt.

"Höre nicht auf Tipps"

mm.de: Sie haben nun einige Jahre Erfahrung - haben sich die Erfordernisse der Aktienanlage in dieser Zeit geändert?

Lang: Der Anleger hat heute bessere Möglichkeiten, sein Depot weltweit zu streuen als das vor 30 Jahren möglich war. Auch hat sich die Zahl der Möglichkeiten erhöht, Derivate zu nutzen. Freilich verdienen an den Derivaten vor allem die ausgebenden Institute, sodass diese Möglichkeiten nur von sehr erfahrenen Anlegern in Anspruch genommen werden sollten.

mm.de: Welchen grundsätzlichen Ratschlag geben Sie Anlegern?

Lang: Kaufe niemals Aktienfonds, höre auf keine Tipps - Börsenfernsehen abschalten -, stelle dein Aktiendepot gut gestreut stets selbst zusammen und steige ein, wenn die Signale mehrheitlich zum Einstieg klingeln. Zum Beispiel durch sinkende Zinsen, einen festen Dollar, abgeschwächte Rohstoffpreise sowie bevorstehende Wintermonate. Und verkaufe, wenn die Signale mehrheitlich Warnsignale geben - durch steigende Zinsen, einen schwachen Dollar, stark gestiegene Rohstoffpreise und bevorstehende Sommermonate.