Kreditkrise Die überschätzte Gefahr

Die Folgen der Kreditkrise werden überbewertet, sagt Michael Hüther gegenüber manager-magazin. de. Der Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft sieht den deutschen Aufschwung andauern. Die Gefahren liegen eher in der deutschen Politik, dem politischen Budenzauber, wie Hüther es nennt.
Von Arne Gottschalck

mm.de: Herr Professor Hüther, was ist da los? Ihr Institut wie auch die OECD haben die Wachstumsprognose 2008 für Deutschland gesenkt. Müssen wir uns Sorgen machen?

Hüther: Nein, sicherlich nicht. Das ist eher eine weltweite Konsolidierung. Das sehen Sie schon an der Größenordnung. Erst waren es 2,2 Prozent Wachstum für 2008, nun erwarten wir 1,9 Prozent, das ist kein großer Schritt.

Und die Ursachen sind auch binnenwirtschaftlich auszumachen, zum Beispiel läuft in diesem Jahr die großzügigere degressive Abschreibung aus, so dass im kommenden Jahr allein deshalb die Investitionen schwächer expandieren werden als 2007. Auch in der Bauwirtschaft wachsen bei aller Besserung die Bäume nicht in den Himmel.

mm.de: Also alles nicht das Wirken der Kreditkrise?

Hüther: Nein, zumindest nicht so dramatisch wie gelegentlich öffentlich diskutiert. So etwas gab es übrigens schon einmal, wenn auch die Herleitung seinerzeit einfacher war. 1989/90 gab es die Savings- and Loans-Krise in den USA. Aus genau den gleichen Gründen wie heute, wegen exzessiver Kreditvergabe auch an Menschen, die sich das nicht leisten konnten. Damals schlug sich das dann direkt auf die US-Konjunktur nieder. Heute laufen die Wirkungen über die Finanzmärkte direkt in alle Welt. Das ist mangels Erfahrung schwieriger zu beurteilen.

mm.de: Und - was meinen Sie?

Hüther: Ich denke, die Dimensionen dieser Krise werden überschätzt. Die Krise trifft ja nur bestimmte Kredite, vor allem jene, die zwischen 2005 bis 2006 ausgereicht wurden. Der normale US-Haushalt hat damit nichts zu tun. Und es sind auch nicht alle Hypotheken betroffen, sondern nur jene im Subprime-Segment. Damit ist das Ganze schon abgrenzbar. Und je mehr Zeit ohne Hiobsbotschaft vergeht, umso besser ist es.

mm.de: Leidet denn nicht die Unternehmensfinanzierung?

Hüther: Nein, die Ertragslage ist gut, und gute bis mittelgute Vorhaben sind problemlos finanzierbar. Die Unternehmen haben ordentlich was auf den Rippen. Da sehe ich keine durchschlagende Kreditklemme. Und die gegenwärtige Enge im Interbankengeschäft sollte sich mit einer Klärung der tatsächlichen Risiken in den Bankbilanzen und einer weiteren Beruhigung sukzessive auflösen.

Der deutsche Sprung

mm.de: Gilt die Prognose auch für die USA?

Hüther: Die Entwicklung in den USA wird lahmen, aber schlimmer wird es nicht kommen.

mm.de: Das R-Wort, die Rezession, ist also eine falsche Prognose?

Hüther: Ich denke schon. Wir haben zumeist die Robustheit der US-Wirtschaft unterschätzt. Das zeigte sich ja auch im Frühjahr 2006 angesichts von Irritationen in Ostasien. Die Börsen hatten deutlich korrigiert, aber im Spätsommer war dieser Rückschlag schon längst wieder eingeholt.

mm.de: Und wie steht Deutschland da?

Hüther: Es hat einen großen Sprung gemacht. Inzwischen gibt es 40 Millionen Beschäftigte, einen so hohen Beschäftigungsstand hatten wir noch nie. Das wird mittelfristig auch den Binnenkonsum anspringen lassen. Dafür sprechen auch schon erste Indikatoren. Das ist ein Vertrauenseffekt. Dazu kommt, dass der negative Effekt der Erhöhung der Umsatzsteuer so langsam ausläuft.

mm.de: Aber der schwache Dollar, der deutsche Produkte für die Amerikaner verteuert, ist da doch ein Hemmschuh?

Hüther: Der starke Euro ist der deutschen Exportleistung nicht so abträglich wie man meinen könnte. Denn der handelsgewichtete reale Außenwert des Euro hat sich weniger bewegt. Und den Europäern bleibt der Vorteil, dass die Rohstoffe regelmäßig in Dollar gerechnet werden. Abgesehen davon - langsam zieht auch der Binnenkonsum an.

mm.de: Passt da die Debatte Mindestlohn - oder ist das nur politischer Budenzauber?

Hüther: Eher Budenzauber. Sehen Sie, die Politiker reden ja damit genau über die Dinge, die sie in der jüngeren Vergangenheit bereits geregelt haben. Freilich bekommen aktuell mehr Erwerbstätige ergänzendes Arbeitslosengeld II. Wir sind in einer Aufschwungphase und entsprechend haben auch Geringqualifizierte mehr Chancen auf einen Arbeitsplatz, allerdings beim Wiedereinstieg mit entsprechend geringen Löhnen, sodass ergänzende Transfers zunächst notwendig sind. Das ist doch ein Beleg dafür, dass sich etwas in Deutschland bewegt.

Politische Rolle rückwärts

mm.de: Für die Post soll ja nun ein gesonderter Mindestlohn festgeschrieben werden.

Hüther: Das ist noch schlimmer. Denn hier verbinden sich mit diesem Instrument weitreichende Folgen für den Wettbewerb. Deshalb kann es eine Allgemeinverbindlichkeitserklärung nicht geben.

mm.de: Inzwischen sieht man wieder mehr angelsächsische Investoren. Ist Deutschland auch im Ausland wieder wer?

Hüther: Das zeigt, dass die Botschaft ankommt. Deutschland hat nur noch rund 3,5 Millionen Arbeitslose, das ist ein beachtlicher Fortschritt. Dazu kommt eine Staatsquote von unter 44 Prozent. In Frankreich liegt sie 10 Prozentpunkte höher. Die meisten Bundesländer werden bald ausgeglichene Haushalte vorlegen. Es wird kein Wechsel mehr auf die Zukunft ausgezahlt. Das war vor einigen Jahren noch undenkbar. Und diese Entwicklung wird anerkannt.

mm.de: Wer hat das geschafft - nur die Wirtschaft?

Hüther: Nein, das sind auch politische Wirkungen. Nun allerdings droht die Gefahr der Rolle rückwärts, wenn zum Beispiel die Arbeitsmarktreformen der Regierung Schröder wieder einkassiert werden sollen. Davor ist dringend zu warnen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.