Wechselkurs-Rekord Hurra, Euro!

Der Euro-Kurs bricht einen Rekord nach dem anderen. Ein Problem für die deutsche Exportwirtschaft? Sicherlich, aber die hat sich längst darauf eingestellt. Außerdem bringt die starke Währung Deutschland viele Vorteile.

Hamburg - "Stark wie die Mark." So hatte es seinerzeit Bundesfinanzminister Theo Waigel versprochen, um den Deutschen die europäische Gemeinschaftswährung schmackhaft zu machen. Jetzt ist der Euro  fast so stark wie die D-Mark zu ihren besten Zeiten: Im April 1995 kostete eine Mark knapp 74 US-Cent. Umgerechnet entspricht das einem Euro-Kurs von gut 1,44 Dollar. Aktuell ist diese Marke wieder zum Greifen nah. Das jüngste Hoch von Donnerstagnachmittag war 1,4189 Dollar. So hoch wie jetzt stand der Euro seit seiner Einführung zu Neujahr 1999 noch nie.

Feiern möchte diesen Rekord aber kaum jemand. Kein Wunder, denn besonders die deutsche Wirtschaft hängt vom Export ab. Steigt der Euro im Vergleich zum Dollar, werden europäische Waren in den USA teurer. Und das schmälert den Absatz.

Noch vor Kurzem waren sich viele Experten einig: Ein Wechselkurs von 1,40 Dollar je Euro sei die riskante Schwelle, deren Überschreiten die deutsche Wirtschaft in Gefahr bringt. Alfred Steinherr, Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, sagte voraus: Sollte dieses Niveau sich auf Dauer halten, würde die Wirtschaft 2008 um 0,5 Prozentpunkte weniger wachsen. Genauso rechnete Gernot Nerb vom Münchener Ifo-Institut.

Die Investmentbank Lehman Brothers hat mit Rücksicht auf diesen Effekt bereits ihre Wachstumsprognose für den Euroraum gesenkt: 1,8 statt 2,3 Prozent im kommenden Jahr. Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, plant nur eine verzögerte Reaktion ein: "Die Strafe für die heutige Aufwertung kommt 2009."

An politischen Reaktionen mangelt es nicht. SPD-Fraktionsvize Ludwig Stiegler sprach von einem " Alarmsignal für die exportorientierte Industrie und Wirtschaft". Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy forderte schon, ebenso wie der deutsche Wirtschaftsweise Peter Bofinger, die Europäische Zentralbank (EZB) zur Intervention auf - stieß damit aber bei Landsmann Jean-Claude Trichet auf taube Ohren. Der EZB-Präsident beruft sich auf seinen Auftrag, die Preisstabilität zu wahren - und nichts anderes.

Nach Angaben des Industrie- und Handelskammertags leiden die Gewinnmargen der Unternehmen schon jetzt. Eine deutliche Warnung gab Airbus-Vizechef Fabrice Brégier von sich. Das Sparprogramm Power 8, das 10.000 Arbeitsplätze kosten soll, sei für einen Wechselkurs von 1,35 Dollar kalkuliert. Steige der Euro auf 1,45 Dollar, müsse die EADS-Tochter  eine Milliarde Euro mehr einsparen und noch mehr Teile von Zulieferern aus dem Dollar-Raum importieren.

Wie sich deutsche Exporteure absichern

Wie sich deutsche Exporteure absichern

Schon im Juli offenbarte Porsche-Chef Wendelin Wiedeking seine Unruhe. Aus seiner Sicht seien die Volkswirte angesichts der Gefahr für die Exportindustrie noch viel zu gelassen. Auf sein eigenes Unternehmen wollte er das Drohszenario aber nicht bezogen wissen. Porsche , eines der deutschen Unternehmen, die am stärksten vom US-Markt abhängen, ist stolz auf sein Währungs-Hedging. Details verrät die Firma nicht, aber erst jüngst zur Automesse IAA versicherte Porsche-Finanzchef Holger Härter, bis 2013 "zu 100 Prozent" gegen Schwankungen des Dollar-Kurses abgesichert zu sein. Aus seinen Devisenspekulationen zieht der Konzern sogar Gewinn, nur inzwischen eben etwas weniger.

BMW  ist nach eigenen Angaben nicht nur gegen den Dollar, sondern gleich gegen Wechselkursrisiken aller wichtigen Währungen abgesichert, immerhin bis 2011. Hinzu kommt, anders als bei Porsche, "natürliches Hedging": Die Bayern produzieren für den US-Markt in den USA selbst. Nun soll das Werk Spartanburg in South Carolina ausgebaut werden. Noch bedeutender sind die USA für den Softwarekonzern SAP , als Absatzmarkt wie als Produktionsstandort. Dort arbeiten fast genauso viele SAPler wie in Deutschland. Auf diese Weise profitiert SAP von einem sinkenden Dollar-Wert. Zwar sinkt damit, in Euro ausgedrückt, der US-Absatz, gleichzeitig sinken aber auch die Kosten.

Der Euro-Kurs steigt schon lange. Deshalb konnten sich die Firmen darauf einstellen. Im November 2005 bekam man für einen Euro nur 1,17 Dollar. Das Tief von 0,84 Dollar war bereits im Oktober 2000 erreicht. In der Zwischenzeit haben Exporte aus dem Euroraum zwar an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt, trotzdem sind die Gewinne der hiesigen Unternehmen und der deutsche Handelsüberschuss auf Rekordwerte geklettert.

Den Aufschwung von Wirtschaft und Börse hat der starke Euro bisher nicht gestoppt, obwohl Deutschlands Wachstum vom Export abhängt wie seit eh und je. Auch in diesem Jahr wird die deutsche Wirtschaft wieder Exportweltmeister, glaubt man dem Bundesverband des Deutschen Groß- und Außenhandels. Für 2007 rechnet die Branche mit Ausfuhren im Wert von fast einer Billion Euro.

Die deutschen Konzerne konkurrieren auf dem Weltmarkt "nicht primär über den Preis, sondern über die Qualität", erklärt Michael Hüther, Direktor des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft. Das gilt gerade für die klassischen deutschen Exportbranchen Auto, Chemie, Elektrotechnik und Maschinenbau. Außerdem gehen nur 8,7 Prozent der deutschen Exporte in die USA. Der Löwenanteil bleibt in Europa, 42 Prozent sogar innerhalb der Eurozone. Für das Exportwachstum der vergangenen Jahre ist vor allem der Boom in asiatischen Schwellenländern verantwortlich.

Das typische Euro-Opfer ist ein mittelständischer Industriebetrieb, der sich kein Währungs-Hedging leisten kann und seine Waren zum Großteil in den Dollar-Raum exportiert, aber dort keine Produktionsstätten hat. Die Sorgen dieser Firmen sind zwar ernst zu nehmen, an ihnen hängt aber nicht das Schicksal der deutschen Wirtschaft.

Die Vorzüge des starken Euro

Die Vorzüge des starken Euro

Gegen das britische Pfund, den russischen Rubel oder auch den eng an den Dollar angebundenen chinesischen Yuan ist der Euro weit weniger gestiegen als gegen den Dollar. Einige osteuropäische Währungen werten sogar im Vergleich zum Euro auf. Die Stärke des Euro ist im Wesentlichen eine Schwäche des Dollar. Die ist für die Stabilität der Weltwirtschaft ein Segen, denn die USA kämpfen mit einem immer größeren Handelsdefizit. 2006 erreichten sie die Rekordmarke von mehr als 800 Milliarden Dollar oder 6,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Im Vergleich zu dieser massiven und dauerhaften Verschuldung gegenüber dem Ausland verblasst die Sorge um das ebenfalls erhebliche Staatsdefizit. Der allmähliche und stetige Fall des Dollar ist der sanfte Weg, das Handelsdefizit zu verringern. Die Alternative wäre ein Dollar-Crash, eine Rezession in den USA, die schlagartig die Nachfrage nach ausländischen Waren eindampft.

Obwohl Deutschland so exportorientiert ist, profitiert die Volkswirtschaft insgesamt von der Euro-Aufwertung. Importe aus dem Dollar-Raum werden günstiger, was nicht nur beim USA-Urlaub zu spüren ist. Unternehmen können sich mehr Investitionen leisten, private Haushalte mehr Konsum. Die Kaufkraft der Deutschen steigt. Auf diese Weise kann die deutsche Konjunktur endlich ihr lange vermisstes zweites Standbein bekommen: die Binnennachfrage, von der einige Konjunkturforscher erwarten, dass sie im kommenden Jahr den Export als wichtigsten Wachstumstreiber ablöst.

Eher optischer Natur ist der positive Effekt des teuren Euro auf den Ölpreis. Denn der ist auch deshalb auf Rekordjagd, weil er in Dollar ausgedrückt wird und der Dollar schwächelt. Immerhin: Uns trifft der Ölpreisanstieg weniger hart als die USA.

Auch für Anleger und deutsche Firmen, die strategisch in den USA zukaufen wollen, ist die Dollar-Schwäche eine gute Nachricht. Zwar sinkt die Attraktivität von US-Investments mit abnehmender Zinsdifferenz - der US-Leitzins ist bei 4,75 Prozent angelangt und wird wohl weiter sinken, um eine Rezession zu vermeiden; die EZB hält ihren Satz bei 4,00 Prozent und will ihn eher anheben. Zehnjährige US-Staatsanleihen bieten kaum noch einen Renditevorteil gegenüber europäischen. Wer sein Kapital aber langfristig in den USA anlegen will, kann bei schwachem Dollar günstig zukaufen. Gut möglich, dass der Übernahmetrend - US-Unternehmen kaufen mehr europäische als umgekehrt - sich bald umkehrt. Die Devisenexperten der meisten Banken haben schon die Marke von 1,50 Dollar je Euro im Blick.

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