Northern Rock "Panik auf britischen Straßen"

Unter den Kunden des angeschlagenen britischen Baufinanzierers Northern Rock hat sich Panik ausgebreitet. Vor den Filialen der Bank bildeten sich lange Schlangen, weil Kunden um ihr Geld fürchteten. Von der Krise könnten einem Bericht zufolge auch deutsche Fonds betroffen sein.

Hamburg/London - In Großbritannien ist am Samstag die Sorge gewachsen, dass sich unter weiteren Kunden der Hypothekenbank Northern Rock Panik ausbreitet und sie ihre Einlagen abziehen. Die Bank war in Liquiditätsschwierigkeiten geraten. Der "Financial Times" zufolge haben die Kunden am Vortag bereits eine Milliarde Pfund abgehoben, einschließlich der Online-Umbuchungen. Das entspreche etwa vier Prozent der Einlagen. Ein mit der Angelegenheit vertrauter Informant sagte, das Volumen der Abbuchungen habe am Freitag bei 250 Millionen Pfund gelegen. Die Bank äußerte sich dazu nicht.

Am Samstag warteten Tausende Menschen - von Edinburgh bis London - stundenlang vor Bankfilialen. Sie alle wollten so schnell wie möglich ihr Geld in Sicherheit bringen, denn Northern Rock ist das jüngste Opfer der weltweiten Kreditkrise. Trotz aller Aufrufe zur Ruhe herrschte Panik, die Szenen erinnern an Inflationszeiten und Wirtschaftskrisen. Die Nervosität an den Finanzmärkten - die bisher vor allem Banker zittern ließ - hat inzwischen die kleinen Leute erfasst.

Die Northern-Rock-Krise könnte auch deutsche Anleger und Banken treffen, berichtet das Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL vorab. Der Hypothekenfinanzierer Northern Rock hatte jahrelang Immobilienfinanzierungen an Investoren weiterverkauft. Die komplexen Finanzierungsinstrumente tragen so schillernde Namen wie Granite, Dolerite und Whinstone. Auch deutsche Fonds, so berichtet der SPIEGEL, hätten sich mit den großzügig verzinsten Papieren eingedeckt.

Hierzu zählten dem Bericht zufolge etwa Fonds der Allianz , die in Granite und Dolerite investierten, oder Fonds der Deutsche-Bank-Tochter DWS, die Positionen von Granite halten. "Diese Papiere leiden alle", sagte Dominique Linder, Experte für besicherte Wertpapiere bei der Allianz gegenüber dem SPIEGEL. Da Northern Rock für die verkauften Hypotheken immer noch die Abwicklung der Zinseinnahmen übernehme, "besteht nun bei Investoren die Angst, dass es dort zu Störungen kommen könnte".

Eine DWS-Sprecherin erklärte indes gegenüber manager-magazin.de, DWS-Fonds hätten nicht unter der britischen Hypothekenkrise zu leiden. Die Allianz war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Auch Landesbanken betroffen?

Auch deutsche Landesbanken betroffen?

Auch Landesbanken wie die LBBW und die BayernLB dürften laut SPIEGEL von der Northern-Rock-Krise betroffen sein, hieß es weiter. In den umstrittenen Investmentvehikeln der Landesbanken, die außerhalb der Bilanz installiert wurden, steckten milliardenschwere Pakete mit verbrieften britischen Hypotheken. Zur genauen Zusammensetzung wolle man aber weder in München noch in Stuttgart eine Stellungnahme abgeben.

Northern Rock ist die erste britische Bank, die infolge der Krise am US-Hypothekenmarkt in Bedrängnis geraten ist. Da die Bank am Finanzmarkt nicht ausreichend Mittel bekam, musste die Bank of England erstmals seit Jahrzehnten mit einem Notfall-Kredit einspringen. Allerdings habe Northern Rock die zur Verfügung gestellte Kreditlinie bis Samstag nicht in Anspruch nehmen müssen, teilte die Bank mit.

Wegen einer vergleichsweise geringen Höhe an Kundeneinlagen ist die Bank auf Mittel angewiesen, die sich Institute untereinander am Geldmarkt leihen. Dort sind die Zinsen in den vergangenen Wochen aber auf das höchste Niveau seit neun Jahren gestiegen, da die Banken wegen der allgemeinen Unsicherheit nur noch zögerlich Geld verleihen. Dies trieb die Finanzierungskosten für Northern Rock - dem britischen Marktführer bei neuen Hypotheken - enorm in die Höhe und führte letztlich zu dem Engpass.

Der Aktienkurs der Bank brach am Freitag zeitweise um mehr als 30 Prozent ein. "Panik auf britischen Straßen", titelte die sonst eher zurückhaltende Zeitung "Independent". "Wie sicher ist unser Geld?", fragte die "Daily Mail".

Finanzminister Alistair Darling und die Aufsichtsbehörden versuchten hatten am Freitag versucht, nervöse Anleger und Sparer zu beruhigen und versicherten, das britische Bankensystem sei insgesamt gesund - offenbar allerdings ohne Erfolg. Zur Verunsicherung der Anleger hatte wohl auch das Medienecho gesorgt. "Sturm auf die Bank", "Panik auf der High Street" und "Wie sicher ist unser Geld?" lauteten einige Schlagzeilen. Viele Leute in den Schlangen vor den Bankschaltern sagten, sie wüssten schon, dass ihr Geld sicher sei, sie wollten aber ganz sicher gehen.

manager-magazin.de mit Material von ap, ddp, dpa, reuters

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