Dax-Geflüster Der große Bissen

Übernahmegerüchte haben den Kurs der Bayer-Aktie kürzlich auf ein Rekordhoch getrieben. Mit dem Wachsen der Kreditkrise flauten diese jedoch wieder ab. Fraglich bleibt, ob der Pharmariese wirklich kurz vor einer Kaufofferte durch Novartis stand. Würde Bayer überhaupt zu dem Schweizer Konzern passen?

Der Bayer-Konzern hat es nicht geschafft – die Aufnahme der Aktie in den Stoxx 50. Trotz eines rasanten Kursanstiegs in den vergangenen Monaten verfehlte das Papier den Sprung in den europäischen Auswahlindex. Im März noch bei 42 Euro stehend, notierte die Bayer-Aktie kürzlich mit 58,62 Euro auf Rekordhoch. Diese Hausse basierte jedoch nicht nur auf der guten Entwicklung des Unternehmens, sondern auch auf Spekulationen um eine Übernahme des Konzerns.

Immer wieder aufkommende Gerüchte um ein Angebot des Konkurrenten Novartis machten dabei schon vor Wochen die Runde, 70 Euro pro Aktie sollte die angebliche Offerte der Schweizer hoch sein.

Doch was ist dran an diesen Spekulationen? Kann Novartis oder ein anderer Konzern aus der Branche überhaupt genügend Geld für Bayer aufbringen?

"Das ist und bleibt ein Gerücht. Spielt man es jedoch theoretisch durch, dann würde das Pharmaportfolio von Bayer gut zu Novartis passen", sagt Christian Faitz, Analyst bei Sal. Oppenheim - und skizziert ein Szenario: "Der Bereich Polymere könnte theoretisch verkauft werden, genügend Interessenten gäbe es mit Sicherheit", sagt der Pharmaexperte. Und: "Für die Agro-Sparte wäre theoretisch ein IPO denkbar", so Faitz.

Doch es gibt auch Gründe, die eindeutig gegen einen Kauf des von Vorstandschef Werner Wenning geführten Dax-Konzerns sprechen: "Bayer hat im Hinblick auf eine Übernahme durch Novartis zu viel Chemie im Portfolio. Aus strategischer Sicht passt das Bayer-Portfolio nicht zu Novartis", sagt Björn Wolber, Analyst bei Independent Research.

Die beiden Konzerne äußerten sich zu den Spekulationen naturgemäß nicht. Doch so oder so, die Subprime-Krise hat mögliche ernsthafte Übernahmeofferten durch Novartis oder einen anderen Konzern zunächst jäh gebremst - ein solch milliardenschwerer Deal wäre derzeit an den Kapitalmärkten nicht finanzierbar.

Skeptisch zeigt sich Wolber auch über die Kursentwicklung: "Der faire Wert der Bayer-Aktie liegt derzeit bei 53,50 Euro", so der Analyst zu dem Titel , der aktuell bei etwa 56 Euro notiert. Sein Kollege von Sal. Oppenheim zeigt sich da deutlich optimistischer: "Unser fairer Wert für die Aktie ist 65 Euro", sagt Faitz. Noch weiter gehen die Aktienstrategen der UBS, die eine aktuelle Bewertung bei 70 Euro sehen – also genau in der Preisklasse, die für ein mögliches Übernahmeangebot durch Novartis genannt wurde.

Schlagzahl erhöht

Schlagzahl erhöht

Gründe für eine weiterhin starke Kursentwicklung abseits von Gerüchten gibt es genug: "Beim Pflanzenschutz ist Bayer eine starke Nummer zwei im Markt und spielt bereits ganz vorne mit", sagt Analyst Faitz. Und auch die Integration des für 17 Milliarden Euro übernommenen Schering-Konzerns kommt voran.

"Das ist bisher gut verlaufen, die Produktpipeline wurde erweitert, die Forschungspipeline gestrafft und gleichzeitig die Schlagzahl im F&E-Bereich erhöht", berichtet Branchenkenner Wolber. "Die alte Führungsebene von Schering wurde nahezu komplett ausgetauscht, die anfänglichen Integrationsschwierigkeiten auf Mitarbeiterebene dürften inzwischen weitestgehend gelöst sein", so Wolber weiter.

Auf das Zahlenwerk des Bayer-Konzerns hatte die Übernahme des Berliner Unternehmens bereits positive Auswirkungen: Im ersten Halbjahr konnten die Leverkusener im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ihren Überschuss bereits verdreifachen - für das Gesamtjahr liegt Bayer auch dank der Schering-Medikamentensparte auf Rekordkurs. "Nach der Übernahme von Schering sehen wir positive Effekte in der Margenentwicklung - mit Luft nach oben", sagt Wolber.

Positiv wird auch das geplante Delisting Bayers an der New York Stock Exchange (Nyse) bewertet, Ende September oder spätestens Anfang Oktober soll der Handel mit Bayer-Papieren dort beendet sein. "Den Rückzug von der US-Börse sehe ich positiv. Das war damals ein großer Trend, von dem man sich mehr versprochen hatte", so Wolber über das Zweitlisting des Konzerns. Sal.-Oppenheim-Experte Faitz pflichtet ihm bei: "Der Rückzug von der Nyse ist zu begrüßen, nimmt er doch auch ein rechtliches Risiko vom Unternehmen, das es bei Listings in den USA in besonderem Maße gibt".

Für Anleger könnte die Bayer-Aktie trotz des starken Kursanstiegs in diesem Jahr also weiter ein lohnender Kauf sein. Neue Übernahmegerüchte dürften den Kurs vorerst allerdings nicht treiben, doch zumindest bleibt ein Hauch Fantasie in der Aktie - auch in Hinblick auf den wichtigsten europäischen Börsenindex: "Mittelfristig sollte die Aktie in den Stoxx 50 aufsteigen", prophezeit Analyst Faitz.

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