Leitzins EZB verzichtet auf Erhöhung

Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins unverändert belassen. Damit nehmen die Notenbanker Rücksicht auf die jüngsten Turbulenzen am Finanzmarkt. Ob die EZB den Zinsschritt zu einem späteren Zeitpunkt nachholen wird, ließ ihr Chef Jean-Claude Trichet am Donnerstag offen.

Frankfurt am Main - Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den nervösen Finanzmärkten die erwartete Zinspause gegönnt. Wegen der unklaren Auswirkungen der Börsenturbulenzen auf die Konjunktur sei der Leitzins bei 4 Prozent belassen worden, sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet am Donnerstag in Frankfurt. Die Entscheidung im EZB-Rat sei einstimmig gefallen.

"Angesichts der hohen Unsicherheit ist es angemessen, weitere Informationen und Daten abzuwarten", sagte Trichet. Die Währungshüter rückten damit von ihrem Kurs ab, die Ende 2005 begonnene schrittweise Erhöhung der Leitzinsen fortzusetzen.

Trichet gab keinen klaren Hinweis, ob der Zinsschritt nachgeholt wird. Eine ganze Reihe von Experten erwartet dies.

"Wir werden alle Entwicklungen sehr genau beobachten", sagte der Notenbankchef lediglich. Das aktuelle Zinsniveau stimuliere noch immer das Wirtschaftswachstum. Gleichzeitig bestünden die Risiken für die Preisstabilität fort. Trichet verzichtete aber auf die Formulierung "große Wachsamkeit" in Bezug auf die Preisentwicklung, mit der die EZB in der Regel bevorstehende Zinserhöhungen signalisiert. Die amerikanische Notenbank hatte wegen der gestiegenen Risiken für die Konjunktur eine Zinssenkung für den 18. September signalisiert.

EZB rechnet mit einem robusten Wachstum

Ungeachtet der Turbulenzen an den Finanzmärkten rechnet die EZB weiter mit einem robusten Wachstum im Euro-Raum. Die Prognose für 2007 wurde nur leicht von 2,6 auf 2,5 Prozent gesenkt. Für 2008 wird weiter mit 2,3 Prozent gerechnet. Die Teuerungsrate dürfte in beiden Jahren wie bisher vorhergesagt bei zwei Prozent verharren und damit leicht über dem von der EZB angestrebten Zielbereich von knapp unter 2 Prozent liegen.

Die US-Immobilienkrise hat sich zu einem weltweiten Problem ausgeweitet, das in Kurseinbrüchen an den Börsen und milliardenschweren Verlusten bei vielen Banken sichtbar wurde. Aus Misstrauen darüber, welche Verluste in den Geldhäusern aufgelaufen sein könnten, liehen sich die Banken untereinander kaum noch Geld. Die EZB und andere Zentralbanken mussten hunderte Milliarden zuschießen, um Liquiditätsengpässe zu verhindern. Die Marktzinsen stiegen so kräftig, als hätte die EZB den Schlüsselzins schon erneut angehoben.

Erneut 42 Milliarden Euro in den Geldmarkt gepumpt

Die Zentralbank sah sich am Donnerstag genötigt, noch einmal 42 Milliarden Euro in den Geldmarkt zu pumpen. Am Mittwoch waren die Sätze für Tagesgeld auf den höchsten Stand seit fast sechs Jahren gestiegen. Trichet kündigte außerdem einen zusätzlichen Langfristtender an.

"So lange die Notenbank den Geldmarkt mit zusätzlicher Liquidität daran hindert völlig auszutrocknen, kann die Zentralbank abwarten und eventuell in einem oder zwei Monaten ihre Zinserhöhung vornehmen", sagte ein Devisenanalyst am Donnerstag.

Der Bundesverband deutscher Banken (BdB) sieht im EZB-Beschluss " keine grundsätzliche Änderung" des bisherigen geldpolitischen Kurses. Eine Zinsanhebung zum jetzigen Zeitpunkt "hätte die Märkte noch zusätzlich verunsichern können", erklärte Manfred Weber, Geschäftsführender BdB-Vorstand, in Berlin. Die EZB-Entscheidung sei "sachgerecht".

Banken rechnen mit Zinsschritt noch in diesem Jahr

Auch der Bundesverband Öffentlicher Banken Deutschlands (VÖB) begrüßte die Entscheidung: Der Markt brauche derzeit Sicherheit und Verlässlichkeit. Es sei akzeptabel, die Geldmengen- und Inflationsziele hierfür weniger restriktiv auszulegen.

Für den Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) trägt die EZB mit ihrer Entscheidung der gestiegenen Unsicherheit an den Finanzmärkten Rechnung. Der BVR rechnet jedoch fest mit einem weiteren Zinsschritt in diesem Jahr. Der ursprünglich klar für diesen Donnerstag signalisierte Zinsschritt um 25 Punkte auf 4,25 Prozent sei nur aufgeschoben, nicht aber aufgehoben worden.

manager-magazin.de mit Material von dpa, ddp und reuters