Dax-Geflüster Börsenhandel ohne Handel

Aktien werden vom Handel ausgesetzt, wenn ein Unternehmen möglicherweise kursbewegende Nachrichten veröffentlicht. Auch bei Fonds ist so eine Auszeit von der Börse möglich. Das ist zu wenig - und es ist zu viel, sagen Fachleute. Und warum eigentlich keine Handelsaussetzung, wenn die Börsenkurse fallen?
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Es beginnt ganz unauffällig, meistens mit einem förmlichen Fax. Darin steht, dass der Vorstand X das Unternehmen Y verlassen werde. Oder dass das Unternehmen Z die eigenen wirtschaftlichen Saisonziele nicht erreichen wird.

Dieses Fax geht nicht nur an deutsche Redaktionsstuben, sondern auch an die Geschäftsführung der deutschen Börsen. Dort nennt man das im eleganten Latein Ad-hoc-Mitteilung. Und überlegt dann, die Aktie dieses Unternehmens vom Handel auszusetzen. Das bedeutet, dass der Anleger seine Aktie von der einen Minute auf die andere nicht mehr verkaufen kann. Gut, die meisten merken das nicht einmal. Aber es kommt öfter vor als man denkt. Und kann durchaus auch vom betroffenen Unternehmen erwünscht sein.

Gut 20 mal am Tag gibt es so eine Handelsaussetzung, ergeben alleine die Statistiken der Deutschen Börse  in Frankfurt. Baisse-ein, Hausse-aus. Und es trifft sie alle. Völlig unbekannte Werte, die in keinem deutschen Index aufgeführt sind, wie die Aktien von China Grand Forest, die auch an der Deutschen Börse gehandelt werden. Ausgesetzt am 5. September. Das gleiche Bild bei Unternehmen aus Deutschland, die an anderen Börsen gelistet sind. Wie Egana Goldpfeil, deren Börsenheimat in Hongkong liegt. Ausgesetzt am 30. August für zwei Tage. Und es passiert klassischen deutschen Unternehmen wie Jenoptik  mit deutschem Sitz und Listing im TecDax . Vom Handel ausgesetzt am 10. August für eine Stunde. Weil - Sie habe es erraten - das Unternehmen verkündete, seine eigenen Saisonziele nicht zu erreichen. Und bei Zertifikaten und Konsorten gehört das inzwischen zum Standardrepertoir - wenn nämlich der zugrundeliegende Index umgebaut wird.

Teilweise wird das Wertpapier tatsächlich nur eine Stunde vom Handel ausgesetzt, teilweise aber auch deutlich länger. Je nachdem, wie lange die unklare Situation fortbesteht. Entsprechend oft merken die Anleger es gar nicht, dass eine Aktie in ihrem Portfolio gar nicht verkäuflich ist. Dabei sollen gerade sie durch so eine Handelsaussetzung geschützt werden. Davon spricht zum Beispiel schon die Geschäftsordnung der Deutschen Börse. "Handelsaussetzungen sollen dem Anlegerschutz dienen", bestätigt Franz-Josef Leven vom Deutschen Aktieninstitut (DAI).

"Eine Kursaussetzung signalisiert den Anlegern, dass für ein Wertpapier Umstände eingetreten oder zu erwarten sind, die für dessen Bewertung von erheblicher Bedeutung sind. Bei einer Kursaussetzung werden alle vorliegenden Orders gelöscht. Die Handelsaussetzung sollte stets so kurz wie möglich sein, jedoch so lange andauern, bis die aktuellen Umstände möglichst allen Anlegern bekannt sind", erklärt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Böses Erwachen

Böses Erwachen

So richtig zu funktionieren scheint das aber nicht. Denn das böse Erwachen kommt oft nach der Schonfrist. Im Falle Jenoptik fiel die Aktie nachdem der Handel wieder einsetzte, um 10 Prozent. Die Papiere von Egana Goldpfeil verloren sogar die Hälfte an Wert. Es funktioniert allerdings auch in die andere Richtung: Die Aktien von Danone  wurden am vergangenen Dienstag vom Handel ausgesetzt - und stiegen danach kräftig an. Mit Stop-loss-Kursen wären Anleger also deutlich besser bedient.

Zumal auch an der Börse nicht alle gleich sind. Denn während die Handelspläne von etlicher Anleger durch die Aussetzung erst einmal gestoppt sind, können sehr große institutionelle Investoren weiter handeln. Sie lassen ihre Order am normalen Börsenhandel vorbei strömen, erläutert Aktienexperte Leven. "Ob das dem Anlegeschutz dient, bezweifle ich doch stark." Und Kurz vom DSW ergänzt: "Natürlich kann ein außerbörslicher Verkauf durch die Handelsaussetzung nicht verhindert werden." Allerdings sei der Handel abseits der Börse deutlich riskanter. Eben ein Profigeschäft. Normalanleger wollen handeln und können es nicht, Profis wollen es - und können es auch. Anlegerschutz sieht anders aus.

Viele Anleger zumindest haben daraus gelernt. Und werten inzwischen schon das Gerücht einer Gewinnwarnung, die ihrerseits zu einer Ad-hoc-Meldung führen könnte und - genau - eine Handelsaussetzung zur Folge haben könnte, als Verkaufssignal. Das musste zuletzt auch KarstadtQuelle erfahren, seit neustem Arcandor  genannt. Das Unternehmen verwahrte sich mehrfach schriftlich dagegen, eine Gewinnwarnung herausgeben zu wollen. Am 17. Juli und am 25. Juli wies man hochoffiziell darauf hin, dass es keine Gewinnwarnung geben werde. Dem Kurs der Aktie hat es nicht genützt - bis Anfang September blieb sie auf Talfahrt.

Inzwischen haben die Börsen diese Usance auch auf den Handel mit Fonds ausgebaut. Fonds, bei denen die weitere Kursstellung zum Beispiel schwierig wird, können seit geraumer Zeit vom Handel ausgesetzt werden. Zuletzt geschah das beim Frankfurt Trust ABS Plus. Die Rücknahme der Anteile hatte Frankfurt Trust selbst ausgesetzt, da sie das Produkt in der Diskussion um die Subprime-Krise in Mitleidenschaft gezogen sah. Anleger konnten ihre Fondsanteile also nicht der Gesellschaft zurückgeben. Börse, wie die aus Hamburg zum Beispiel zogen nach.

"Das ist eine Ermessensentscheidung", sagt Thomas Ledermann, Geschäftsführer der Börse Hamburg.

Die Kraft der Emotionen

Die Kraft der Emotionen

"Wir haben den FT ABS Plus zeitweise vom Handel ausgeschlossen, weil wir zu diesem Zeitpunkt keinen fairen Preis dafür stellen konnten. Denn auch die Fondsgesellschaft hat ja die Berechnung des Nettoinventarwerts eingestellt." Und weiter: "Leicht macht man sich so eine Entscheidung nicht. Denn auch am Fortbestand des Handels besteht oft ein berechtigtes Interesse." Das ist tatsächlich die Krux, wenn ein Wertpapier nicht mehr handelbar ist.

Ob Aktie oder Fonds, wie die Börse es macht, man sie es offenbar verkehrt. Vermutlich liegt der Regelung der Aussetzungen der Versuch zugrunde, die Börse zu rationalisieren. Genau das aber funktioniert kurzfristig nicht. Denn auch wenn die Börse langfristig von fundamental nachprüfbaren Daten getrieben wird - kurzfristig übernehmen oft die Emotionen die Oberhand. Und treiben die Anleger in die Arme von Gesellschaften wie der SCI aus dem Taunus, die Aktien oder Fonds in solchen Situationen aufkaufen, selbstverständlich mit einem kräftigen Abschlag. Kein Wunder wäre es also, wenn Anleger sich bei ihrer Börse über die Aussetzung beschweren würden. Damit würde die Geschichte zumindest so enden, wie sie begonnen hat - mit einem förmlichen Fax.

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