Ölpreis Die Macht der sieben Schwestern

Der Ölpreis klettert Richtung Rekordhoch. Hauptprofiteure der Teuerung sind nicht Ölkonzerne wie Exxon oder BP, sondern die Förderländer selbst. Die neuen "sieben Schwestern" fegen das alte Öl-Establishment aus dem Weg - und erhalten dabei Hilfe von sturmgeschüttelten Spekulanten.

Hamburg - Hurrikan "Felix" hat in Nicaragua schwere Verwüstungen hinterlassen. Der Sturm hatte nicht mehr genug Kraft, um die zahlreichen Ölbohrinseln im Golf von Mexiko zu gefährden. Doch "Felix" wird nicht der letzte Hurrikan in dieser Saison gewesen sein.

Nicht nur Hedgefondsmanager erinnern sich daran, mit welcher Wucht Hurrikan "Katrina" vor zwei Jahren die Stadt New Orleans sowie zahlreiche Förderplattformen getroffen hatte. Niemand hofft, dass es noch einmal so schlimm kommt - doch zu Beginn der Hurrikan-Saison im September steigen regelmäßig die Nervosität und der Ölpreis.

Diesmal ist noch mehr Geld im Spiel. Zahlreiche Spekulanten sind von der Krise an den Kreditmärkten selbst kräftig durchgeschüttelt worden und suchen sich nun ein neues Betätigungsfeld. Viele Akteure, die um undurchsichtige Kreditderivate inzwischen einen weiten Bogen machen, sehen neue Chancen am Rohstoffmarkt: Das in der kommenden Woche anstehende OPEC-Treffen sowie mögliche Nachfolger von Felix könnten den Ölpreis erneut auf das im Juli erreichte Rekordniveau von knapp 80 Dollar pro Barrel (159 Liter) heben.

Spekulanten wechseln das Spielfeld

Zumal Spekulanten mit ihren Wetten auf steigende Ölpreise ein immer größeres Rad drehen. Allein der Hedgefonds "Amaranth" hielt laut einer Untersuchung des US-Senats zeitweise mehr als 100.000 Terminkontrakte für Erdgas - und fuhr im vergangenen Herbst binnen einer Woche mehr als 4,5 Milliarden Dollar Verlust ein. Derlei Risiken hindern auch große Investmentbanken wie Morgan Stanley  oder Goldman Sachs  nicht daran, mit Milliardenumsätzen am Rohstoffmarkt mitzuspielen.

Verbraucher und Unternehmen müssen sich auf weiterhin hohe Ölpreise, vielleicht sogar Höchstpreise einrichten. Die Hauptprofiteure dieser Entwicklung sind jedoch nicht mehr die international agierenden, börsennotierten Ölkonzerne wie Exxon Mobil , Chevron , BP  oder Royal Dutch Shell , die aus den berühmten "Seven Sisters" der Ölindustrie hervorgegangen sind.

Seit der Übernahme von Mobil Oil, Gulf und Texaco sind die oft geschmähten "Sieben Schwestern" auf ein Quartett geschrumpft - und werden von den Ölriesen der neuen Generation stark unter Druck gesetzt.

Die neuen "sieben Schwestern" im Ölgeschäft

Die neuen "sieben Schwestern" im Ölgeschäft

Die neuen "Sieben Schwestern" sind nicht wie ehedem Vertreter des privatisierten Big Oil Business, sondern staatlich kontrollierte Ölgesellschaften der Förderländer. Unternehmen wie die saudische Saudi Aramco, die russische Lukoil, NIOC aus dem Iran oder Petroleos de Venezuela (PDVSA) erobern immer mehr Marktanteile: Der wegen hoher Ölpreise anschwellende Einnahmenstrom sowie teils rüde politische Interventionen helfen dabei, Exxon , Shell  und BP  an den Rand zu drängen.

Staatliche Ölgesellschaften kontrollieren inzwischen 62 Prozent der weltweiten Förderung und 88 Prozent der Ölreserven, hat das Branchenblatt "Petroleum Intelligence Weekly" errechnet. Allein Saudi Aramco, laut einer Studie von McKinsey mit einem Wert von 780 Milliarden Dollar das wertvollste Unternehmen der Welt, fördert täglich 10 Millionen Barrel Öl und damit viermal so viel wie die größte private Fördergesellschaft Exxon.

Beim Erdgas sind ebenfalls 62 Prozent der Förderung sowie sogar 92 Prozent der Reserven unter staatlicher Kontrolle. Der russische Staatskonzern Gazprom fördert täglich fünfmal soviel Erdgas wie die Nummer 2 der Liste, Exxon.

In der Öl- und Gasbranche hat der Wachwechsel bereits stattgefunden, stellt die Boston Consulting Group in ihrer Studie "The New Global Challengers" fest: Aufstrebende staatliche Unternehmen aus den Schwellenländern sind dabei, privaten Konzernen aus der westlichen Industrie den Rang abzulaufen. Die hohen Energiepreise beschleunigen die Aufholjagd und helfen den Herausforderern, auch in anderen Branchen aufzuschließen.

Aufholjagd beschleunigt

Vorbei ist die Zeit, in der nur die großen privaten Ölkonzerne über die technischen Voraussetzungen, die Logistik und das nötige Geld verfügten, um Öl weltweit aus der Tiefe zu holen, zu verarbeiten und zu vertreiben. Die Förderländer haben inzwischen genug Geld, um sich das Knowhow von Dienstleistern einzukaufen: Staatliche Ölunternehmen haben technisch aufgerüstet, heißt es in einem Bericht des Branchendienstes Energy Intelligence. Es gebe Tendenzen zu einer Nationalisierung dieser Schlüsselindustrien.

Die Förderländer sind mitunter wenig zimperlich, wenn es darum geht, private Konkurrenz von den Öl- und Geldquellen zu verscheuchen. Venezuelas Präsident Hugo Chavez wandelte gleich 32 Ölfelder ausländischer Firmen am Orinoco per Gesetz in Joint Ventures um, an denen der staatliche Ölförderer PDVSA die Mehrheit halten musste. Wer sich nicht fügte, dem drohte Enteignung.

Rüde Methoden gegenüber "Big Oil"

Rüde Methoden gegenüber "Big Oil"

Russlands Präsident Wladimir Putin ließ seinerseits Royal Dutch Shell  die neuen Machtverhältnisse spüren. Shell hatte gemeinsam mit Partner mehr als 20 Milliarden Dollar in das weltweit größte Erdgas-Förderprojekt "Sachalin 2" auf der Halbinsel Sachalin gesteckt - und musste akzeptieren, dass der russische Gazprom-Konzern die Mehrheit an der Fördergesellschaft übernahm.

Inzwischen hat der Kreml per Gesetz vorgeschrieben, dass russische Konzerne bei der Vergabe von Förderrechten die Mehrheit an der Betreibergesellschaft halten müssen - Boliviens Präsident Evo Marales geht mit der Verstaatlichung des Energiesektors einen ähnlichen Weg. Private Ölfirmen seien "Partner, nicht Eigentümer", betonte Marales.

Auch Dubai ist inzwischen dem Beispiel Saudi Arabiens gefolgt und hat seine Ölindustrie im vergangenen Jahr verstaatlicht.

Für weiterhin steigende Einnahmen sorgen nicht nur die Hurrikan-Saison und zunehmende Spekulationen an der Rohstoffbörse ICE in Atlanta, sondern auch der wachsende Bedarf großer Schwellenländer. Ein Chinese verbraucht bislang durchschnittlich 1,7 Barrel Öl pro Jahr - nicht auszudenken, wenn die boomende Volkswirtschaft mit 1,3 Milliarden Menschen eines Tages den aktuellen Pro-Kopf-Verbrauch der USA (25 Barrel pro Jahr) erreichen sollte.

Kriegskassen gefüllt mit Petrodollars

Auch auf Grund der Krisen in Förderländern wie im Irak oder in Nigeria müssen sich die staatlichen Ölkonzerne wenig Sorgen darüber machen, dass der Ölpreis jemals wieder auf das Niveau von 2001 (20 Dollar pro Barrel) fallen sollte. Allein die Golfstaaten haben in den vergangenen fünf Jahren ihre Einnahmen aus dem Ölgeschäft auf 1500 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt.

Die Kriegskassen prall gefüllt mit Petrodollars, verfolgen staatliche Ölunternehmen wie ihre Eigentümer ehrgeizige Expansionsziele.

Globale Einkaufstour - und Hilfe für London

Globale Einkaufstour - und Hilfe für London

Der vom Kreml kontrollierte Ölkonzern Lukoil, mit mehr als 16 Milliarden Barrel nachgewiesenen Ölreserven bereits der größte börsennotierte Erdölförderer der Welt, will in den kommenden 10 Jahren rund 100 Milliarden Dollar investieren und auf diese Weise zum größten und profitabelsten Ölkonzern weltweit aufsteigen.

Staatsfonds der Ölländer investieren ihr Geld weltweit und quer durch alle Branchen: Kuwait hält rund 7,1 Prozent an DaimlerChrysler , Dubai 2,2 Prozent an der Deutschen Bank  und wäre über die Hafengesellschaft Dubai Ports liebend gerne bei der Hamburger HHLA sowie einigen US-amerikanischen Häfen eingesteigen - wenn Washington und Berlin nicht gebremst hätten.

Die Einnahmen aus dem Ölgeschäft fließen so reichlich, dass Venezuelas Präsident Hugo Chavez sogar Geld für imageträchtige PR-Aktionen in Westeuropa übrig hat.

Günstige Bustickets für bedürftige Londoner

Das Entwicklungsland aus Lateinamerika griff kürzlich der Finanzhochburg London finanziell unter die Arme: Chavez gewährte einen Treibstoff-Rabatt im Wert von schätzungsweise 24 Millionen Euro, damit finanziell schlecht gestellte Londoner künftig zum halben Preis in der Themsestadt Bus fahren können. Londons Bürgermeister Ken Livingstone nahm die mildtätige Gabe dankbar an.

Die westlichen Industrienationen sollten nicht damit rechnen, dass sich die wachsende Macht der staatlichen Ölkonzerne ähnlich segensreich auswirken wird im Londoner Nahverkehr. Ein weiter steigender Ölpreis stärkt die Macht der globalen Herausforderer, die auf Rohstoffreserven sitzen: Auch deutsche Unternehmen haben Grund, vor einer schwerwiegenden Hurrikan-Saison zu zittern.

Ölprofiteure: Die neuen sieben Schwestern

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