Wirtschaftsforschung Über den Wolken

Ökonomen raufen sich die Haare: Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes für das deutsche Wirtschaftswachstum hüpfen auf und ab, weil die Entwicklung eines ganzen Wirtschaftsbereichs für die Statistiker wie hinter einem Vorhang verläuft. Es ist ausgerechnet der dynamischste Sektor Deutschlands - und der mit Abstand größte.
Von Karsten Stumm

Düsseldorf - Beim Zählen sind sie Weltspitze. Niemand täuscht die Bundesstatistiker zum Beispiel darüber, wie viel Müll auf Deutschlands Deponien vergraben ist. Das weiß das Statistische Bundesamt. Auch, wie viele Passagiere von deutschen Flughäfen zuletzt nach Afrika flogen. Irrtum ausgeschlossen. Doch wie hoch ist das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands, die zentrale Zahl der Wirtschaftsstatistik? Das wissen die emsigen Statistiker nicht so genau. Und das ist das Problem.

Seit einigen Monaten muss das Statistische Bundesamt seine Schätzungen für die wirtschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik immer aufs Neue korrigieren, und das teils kräftig. Im letzten Quartal des Vorjahres etwa unterschätzten die Zählmeister den Wirtschaftsaufschwung im Lande so deutlich, dass sie das deutsche Wirtschaftswachstum nachträglich gleich mehrfach hinauf setzen mussten: von erst einmal 2,5 Prozent auf 2,8 Prozent und dann noch auf 2,9 Prozent. Vorläufig.

"Das ist kein Einzelfall", sagt Rolf Schneider, Leiter der Konjunkturabteilung der Dresdner Bank. "In den vergangenen zwei bis drei Jahren gab es teils heftige Revisionen der Statistik." Schwankungen von etwa einem halben Prozentpunkt am tatsächlichen Wirtschaftswachstum vorbei seien sogar seit Jahren üblich, haben Experten nachgerechnet. "Einen Trend dazu, dass die Statistik schlechter wird, gibt es deshalb nicht", sagt Roland Döhrn, Chef der Konjunkturabteilung des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen. Doch irgendwie scheint es auch nicht besser werden zu wollen, denn die Misere der Bundesstatistiker hat System.

"Bei der Berechnung des Bruttoinlandsproduktes gibt es für die Statistiker das große Defizit, dass sie nicht recht wissen, welchen Beitrag die Dienstleistungen dazu liefern", sagt Döhrn. Speziell die wirtschaftliche Aktivität von Anwaltskanzleien oder Unternehmensberatungen lässt die Statistiker ratlos zurück. Denn anders als etwa für Deutschlands Industrieunternehmen hat der Gesetzgeber den Dienstleistern insgesamt nur in wenigen Fällen Auflagen gemacht, das Statistische Bundesamt über ihr Geschäft zu informieren - und damit ausgerechnet den wirtschaftlich aktivsten Bereich der deutschen Volkswirtschaft nahezu ausgeklammert:

Waren im Jahr 1970 hierzulande nur knapp 45 Prozent der damals 26,6 Millionen Erwerbstätigen im Dienstleistungssektor tätig, ist es heute glatt anders herum. In ganz Deutschland sind mittlerweile mehr als 70 Prozent der Bundesbürger bei Dienstleistern beschäftigt, hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ermittelt. Der Anteil des Dienstleistungssektors am gesamten Bruttoinlandsprodukt der Republik mache längst weit mehr als zwei Drittel aus.

Von der Welt abgekoppelt

Von der Welt abgekoppelt

Für die Bundesstatistiker bleibt somit ein immer größerer Teil der wirtschaftlichen Entwicklung undeutlich, geben selbst die Experten des Bundesamtes zu. Erst wenn die Umsatzsteuerdaten bekannt sind verzieht sich der Nebel für die Statistiker zusehends. Die allerdings liegen jeweils erst im Folgejahr vor.

"Wir koppeln uns von der realen Welt ab, weil die statistischen Grundlagen immer zweifelhafter werden", sagt deshalb Karl Brenke, Konjunkturforscher am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.

Der Zahlensalat macht der Zunft der Konjunkturforscher in der Bundesrepublik längst Probleme. "Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes sind die Bibel für alle Wirtschaftsforscher, die können wir bei unseren eigenen Wachstumsprognosen nicht einfach beiseite wischen", sagt RWI-Konjunkturchef Döhrn. "Sollten aber beispielsweise die Daten des Bundesamtes über die Investitionstätigkeit deutscher Unternehmen weit daneben liegen, würden wir selbst das Ausmaß des Aufschwungs wahrscheinlich falsch einschätzen - sofern wir die anzweifelbaren Daten nicht durch eigene ein wenig abfedern können."

Die Volkswirte der Dresdner Bank begegnen der Wiesbadener Amtsstatistik offenbar bereits mit mehr Skepsis als sie sich darauf zu verlassen wagen. "Die schnell veröffentlichten Wachstumszahlen für das jeweils vorangegangene Vierteljahr sind einfach zu revisionsanfällig", sagt Rolf Schneider, Leiter der Konjunkturabteilung der Dresdner Bank.

Wie das deutsche Wirtschaftswachstum im laufenden dritten Quartal ausfallen wird, wollen die Forscher dann auch lieber noch nicht sagen. "Wir verschaffen uns gerade erst einen Überblick", sagt RWI-Konjunkturexperte Döhrn.

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