Währungen Der Kamikaze-Yen

In der Kreditkrise schießt der japanische Yen wie ein Kamikaze-Flieger kurz vor dem Angriff in die Höhe, um dann wieder etwas abzusacken. Und das könnte erst der Anfang sein, sagt Dekabank-Volkswirt Christian Melzer im Gespräch mit manager-magazin.de.
Von Arne Gottschalck

mm.de: Der Yen steigt tendenziell im Vergleich zum Euro - woher kommt das?

Melzer: Die Stärkung des Yen ist im Wesentlichen auf die Auflösung von "Carry Trades" zurückzuführen. Grund: gestiegene Volatilität an den Finanzmärkten seit Ende Juli im Zusammenhang mit der US-Hypothekenkrise führte zu erhöhtem Risiko bei Devisenspekulation.

mm.de: Gibt es das nur beim Yen?

Melzer: Diese Entwicklung ist auch bei anderen Niedrigzinswährungen wie zum Beispiel dem Schweizer Franken zu beobachten. Zusätzlichen Auftrieb erhielt der Yen durch die Erwartungen der Marktteilnehmer über die Geldpolitik in den wichtigsten Währungsräumen. Während die Bank of Japan (BoJ) an ihrem Kurs höherer Leitzinsen festhalten möchte, könnte es bei der EZB zu einem Aussetzen weiterer Zinserhöhungen kommen und bei der Fed wird sogar eine Senkung der Leitzinsen bis Ende des Jahres um bis zu 75 Basispunkte gesehen.

Insgesamt betrachtet kommt zu dem Carry Trade-Argument hinzu, dass die Wechselkursentwicklung von der fundamentalen Seite, der Zins-, Konjunktur- und Inflationsentwicklung in Japan, Euroland und den USA, unterstützt wird. Der Yen ist gegenüber dem Euro und dem US-Dollar immer noch fundamental unterbewertet.

mm.de: Was bedeutet das für die japanische Wirtschaft und was für die Weltwirtschaft?

Melzer: Die bisherige Aufwertung des Yen dürfte die wirtschaftliche Entwicklung Japans nicht stark beeinflussen. Das Wachstum in Japan wird derzeit stärker von der Binnennachfrage getragen, sprich dem Konsum und den Investitionen. Damit wird die Weltwirtschaft durch die Entwicklung in Japan nicht gebremst.

Keine Trendwende

mm.de: Sehen Sie darin eine nachhaltige Entwicklung?

Melzer: Nachhaltig ist sicherlich die höhere Risikoeinpreisung an den Devisenmärkten und damit auch eine nachhaltige Belastung für Carry Trades. Bei Betrachtung des Leitzinsausblicks für die EZB, die BoJ, die Bank of England und die Fed ist von einer nachhaltigen Entwicklung zu Ungunsten von Carry Trades auszugehen, weil sich die Zinsdifferenzen verringern.

Aber ich muss auch betonen, dass die bisherigen Wechselkursbewegungen nicht groß genug sind, um bereits von einer Trendwende beim Yen sprechen zu können. Die Aufwertung des Yen gegenüber dem US-Dollar und dem Euro von ungefähr 5 Prozent seit Ende Juli entspricht der Reaktion von Anfang März 2007 im Zuge der damaligen Aktienmarktturbulenzen.

mm.de: Wie stark können solche Korrekturbewegungen ausfallen?

Melzer: Einen Vorgeschmack auf die zu erwartenden Devisenkursbewegungen bei einer breiten Auflösung von Carry Trades bietet der Vergleich mit der Situation im Oktober 1998. Damals, vor dem Hintergrund der Russlandkrise und des Zusammenbruchs des LTCM-Hedge-Fonds, führten Auflösungen von "Carry-Trades" binnen weniger Tage zu einer Yen-Aufwertung um mehr als 15 Prozent gegenüber dem US-Dollar. In der gegenwärtigen Lage entspräche dies einem Kurs von 104 US-Dollar für den Yen.

mm.de: Wird die Bank of Japan also einschreiten - und wie?

Melzer: Die Bank of Japan zeigte sich in der ersten Hälfte 2007 besorgt über die Ausmaße der Carry Trades, daher dürfte sie die Auflösung dieser Geschäfte begrüßen. Die Auflösung verursachte bislang keine massiven Wechselkursbewegungen und die Kommunikation zwischen den Zentralbanken scheint gut zu funktionieren.

mm.de: Was sollen Anleger, die bereits im japanischen Aktienmarkt investiert sind, machen - und was jene, die es noch nicht sind?

Melzer: Der japanische Aktienmarkt bleibt aus unserer Sicht ein interessanter Markt. Auf Sicht von zwölf Monaten sehen wir steigende Kurse. Die konjunkturelle Lage in Japan bleibt robust. Die Wirtschaft dürfte 2007 und 2008 über ihrem Potenzialwert wachsen. Auch die BoJ ist von einem restriktiven geldpolitischen Kurs noch weit entfernt.

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