"Große Wachsamkeit" EZB signalisiert Zinserhöhung

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Märkte auf eine Zinserhöhung im September eingestimmt. Die Notenbank beobachte die Inflationsrisiken mit "großer Wachsamkeit", sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet. Mit dieser Formulierung hat die Zentralbank nahezu alle Zinserhöhungen seit 2005 vorbereitet.

Frankfurt am Main - Die Europäische Zentralbank (EZB) hat wie erwartet eine Zinserhöhung für September in Aussicht gestellt. Allerdings behalten die Währungshüter nach Worten von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet die von Nervosität geprägten Finanzmärkte im Auge. Es gebe weiter Risiken für die Preisstabilität, sagte Trichet am Donnerstag nach dem Beschluss des EZB-Rates, den Leitzins von 4 Prozent unverändert zu lassen.

"Es kommt auf große Wachsamkeit an, damit die Risiken für die Preisstabilität nicht eintreten", sagte der EZB-Chef und betonte zugleich, dass sich der EZB-Rat niemals vorab festlege. Mit dem Begriff "große Wachsamkeit" nutzte Trichet eine Formulierung, mit der die EZB fast alle ihrer acht Zinserhöhungen seit Ende 2005 einen Monat im Voraus angekündigt hatte.

Analysten hatten vor der spontan einberufenen Pressekonferenz auf das Schlüsselwort gewartet, mit dem die Prognosen einer Zinserhöhung im September auf wohl 4,25 Prozent bestätigt würde. Im Moment spreche alles für einen Zinsschritt im September, sagte Rainer Guntermann, Volkswirt bei Dresdner Kleinwort. "Trichet hat sich natürlich eine Hintertür offen gelassen." Wenn etwas Unvorhergesehenes an den Finanzmärkten passiere, könne die EZB sich auch anders entscheiden.

An den Finanzmärkten, die derzeit von Sorgen über Kreditausfälle am Hypothekenmarkt in den USA geschüttelt werden, lösten die Äußerungen Trichets keine größeren Reaktionen aus.

Normalerweise hätte der EZB-Rat im August nach der per Telefonkonferenz abgehaltenen Zinssitzung kein Pressegespräch abgehalten. Die EZB hatte dennoch am Mittag kurzfristig dazu eingeladen. Analysten begrüßten dies, da die Zentralbank die derzeit verunsicherten Finanzmärkte damit nicht länger im Ungewissen ließ über ihre aktuelle Einschätzung.

"Meine Botschaft ist große Wachsamkeit"

Trichet ergänzte, der Begriff Wachsamkeit sei nicht anders auszulegen als bisher. "Meine Botschaft ist große Wachsamkeit. Und wir legen uns niemals vorab fest", betonte Trichet. Der EZB-Rat handele immer auf Basis der aktuellen Daten und Fakten.

Diese lassen dem EZB-Chef zufolge darauf schließen, dass die Konjunktur weiter auf Erholungskurs ist. Von hohen Ölpreisen, knapper werdenden Kapazitäten in der Wirtschaft und dem starken Geldmengenwachstum gingen unterdessen Inflationsrisiken aus. Die EZB verdoppelte seit Dezember 2005 den Satz für ihre Kredite an die Geschäftsbanken in acht Schritten auf 4 Prozent, um den Preisanstieg während des Aufschwungs im Zaum zu halten. Mit höheren Zinsen soll die Kreditvergabe und preistreibende Nachfrage gedämpft werden. Trichet bekräftigte, die EZB wolle so die Inflationserwartungen auf einem niedrigen Niveau verankern.

"Wir rufen zu einer Neubewertung von Risiken auf"

Ziel der EZB sind Teuerungsraten etwas unter 2 Prozent. Seit September 2006 liegt die Inflationsrate auch in diesem Zielbereich. Doch die Währungshüter befürchten einen stärkeren Preisauftrieb ab Herbst und werden nach Vorhersagen von Analysten den Leitzins bis Dezember noch zwei Mal um je 25 Basispunkte heraufsetzen auf 4,5 Prozent.

Trichet ging auf die jüngsten Turbulenzen an den Finanzmärkten in einem Atemzug mit dem Versprechen großer Wachsamkeit über die Preisstabilität ein. "Wir werden große Aufmerksamkeit für die künftige Marktentwicklung haben." Es handele sich um eine Neubewertung von Risiken an den Finanzmärkten, die die Zentralbanken nach einer Phase, in der Verlustrisiken unterschätzt wurden, gefordert hatten. "Wir rufen zu einer geordneten und reibungslosen Neubewertung von Risiken auf, und wir bitten die Investoren, so erpicht wie möglich darauf zu sein, eine scharfe und abrupte Korrektur zu vermeiden." Die Anleger sollten einen kühlen Kopf bewahren.

manager-magazin.de mit Material von reuters