OECD-Studie "Im Alter zwangsläufig zum Sozialfall"

Das reformierte Rentensystem in Deutschland wird mehr Menschen in die Altersarmut treiben, warnt eine OECD-Studie. Vor allem Geringverdiener sind betroffen. Im internationalen Vergleich beziehen sie bereits heute die niedrigsten Altersrenten. Die Politik muss handeln, fordert Co-Autorin Monika Queisser und zeigt Wege auf.

mm.de: Frau Queisser, als Mitautorin der jüngsten OECD-Studie loben Sie die Reformen im deutschen Rentensystem. Der Studie zufolge muss ich als junger Mensch die kommenden 45 Jahre ununterbrochen in die gesetzliche Rentenkasse einzahlen, um als Rentner 39,9 Prozent meines durchschnittlichen Bruttoeinkommens zu erhalten. Das ist so wenig wie in kaum einem anderen OECD-Land. Was ist daran lobenswert?

Queisser: Bis vor wenigen Jahren zählten wir noch zu jenen sechs OECD-Staaten, die - gemessen am Bruttoinlandsprodukt - am meisten Geld für die Alters- und Hinterbliebenenversorgung aufgewendet haben. Angesichts der demographischen Entwicklung war aber jedem klar, dass etwas passieren muss. Das ist jetzt geschehen. Lobenswert ist, dass man eine Reform des Rentensystems in Deutschland überhaupt in Angriff genommen hat. Viele andere Länder tun sich damit deutlich schwerer. Gut gefällt mir an der deutschen Rentenreform vor allem, dass sie versucht, die Lasten zwischen Beitragszahlern und Rentnern zu verteilen. Das halte ich für völlig legitim.

mm.de: Die Rentner hier zu Lande stöhnen also auf hohem Niveau?

Queisser: So würde ich es nicht formulieren. Aber nach allen verfügbaren Daten der Einkommensverteilung geht es der gegenwärtigen Rentnergeneration nicht schlecht, liegt die Altersarmut in Deutschland sehr niedrig. Sie hat - wie übrigens in anderen OECD-Ländern auch - in der Vergangenheit stark von der Sozialpolitik und der wirtschaftlichen Entwicklung ihres Staates profitiert. Die ganz große Erfolgsstory der Sozialpolitik in den letzten Jahrzehnten war doch die deutliche Verringerung der Altersarmut. In manchen Ländern wurde sie nahezu komplett beseitigt.

mm.de: Ihre Studie schaut nach vorn, lassen Sie uns das auch tun. Mit knapp 40 Prozent des durchschnittlichen Bruttoeinkommens als gesetzliche Rente wird man im Jahr 2049 wohl kaum über die Runden kommen. Sorge ich parallel zusätzlich über Riester vor, käme ich zu Rentenbeginn laut Studie gerade auf 56 Prozent meines früheren Einkommens. Ihrer Prognose nach läge Deutschland damit aber immer noch unter dem OECD-Schnitt. Was also läuft schief in unserer Republik?

Queisser: Die Menschen sparen einfach nicht genug. Wer mehr will als die gesetzliche Rente, muss mehr sparen. Vier Prozent staatlich geförderte Gesamtsparleistung vom Bruttoeinkommen sind einfach sehr wenig.

mm.de: Welche Schlüsse kann man daraus ziehen, dass - analog zu den knapp 40 Prozent in Deutschland -, das Rentenniveau in Griechenland bei sagenhaften 95,7 Prozent des durchschnittlichen Bruttoverdienstes liegen wird?

Queisser: Das ist in der Tat eine unglaubliche Zahl, die sich allerdings schnell relativiert. Das Alterssicherungssystem in Griechenland hat seine Reform noch vor sich. Derzeit werden Leistungen aus dem gesetzlichen Rentensystem versprochen, die langfristig in dieser Höhe nicht finanzierbar sind. Indes beziehen schon jetzt die wenigsten Griechen eine Rente auf diesem Niveau.

mm.de: Heißt das, wenn man in Athen so weiter macht wie bisher, steht das System in naher Zukunft vor dem Kollaps?

Queisser: Ja, ganz eindeutig.

mm.de: Nehmen wir an, die OECD-Prognose trifft zu. Ermöglicht ein Rentenniveau von 56 Prozent in Deutschland vielleicht sogar einen auskömmlicheren Lebensabend als ein höheres Rentenniveau im Ausland - etwa weil die Bruttoeinkommen hier zu Lande deutlich höher liegen und ich für mein Geld womöglich auch noch mehr bekomme als der Rentner in Griechenland?

Queisser: Das könnte sein. Solche Betrachtungen waren aber nicht Gegenstand der Studie. Wir haben dafür auf Basis der landesspezifischen Durchschnittseinkommen das Rentenversprechen insgesamt errechnet und dann gefragt, wie viel Geld müsste der Staat im Schnitt jedem Rentner auf einen Schlag überweisen. Da kämen Sie in Luxemburg auf einen durchschnittlichen Gesamtrentenanspruch von einer Million Dollar. In Deutschland beliefe sich diese Summe auf 342.000 Dollar für Männer und 439.000 Dollar für Frauen. Letzteres erklärt sich aus der höheren Lebenserwartung von Frauen.

"Geringverdienern kann man nichts raten"

mm.de: All diese Berechnungen beruhen auf der Annahme von 45 Beitragsjahren. Nur die wenigsten Menschen in Deutschland erfüllen diese Vorgabe. Die meisten Menschen hätten demnach weniger als die besagten 39,9 Prozent zu erwarten. Würden Sie hier die Grenze zur vielzitierten Altersarmut ziehen, oder ab wann droht Altersarmut in Ihrem Verständnis?

Queisser: Altersarmut lässt sich nicht auf Basis der Prognose definieren, was ein Rentner ausschließlich aus der gesetzlichen Rentenversicherung zu erwarten hat. Womöglich spart er in jungen Jahren, erbt ein Haus oder andere Vermögenswerte. Deshalb ruft die OECD ja auch immer wieder zu einer systematischen Erfassung der Einkommenssituation der Menschen auf. Ob Menschen als arm gelten oder nicht, lässt sich nur aus den Daten der Einkommensverteilung ablesen ...

mm.de: ... und definierter Grenzen. Mit welchen Parametern arbeiten Sie?

Queisser: International werden verschiedene Messgrößen zur Bestimmung der Armutsgrenze verwendet. Von Armut sprechen wir zum Beispiel dann, wenn ein Mensch lediglich über 50 Prozent des Median-Einkommens verfügt. Der Median ist nicht das arithmetische Mittel, sondern wird definiert als die Grenze zwischen zwei Hälften und hat den Vorteil, dass er die Wirkung statistischer Extremwerte besser wegsteckt. Das Median-Einkommen liegt damit in der Regel unter dem arithmetischen Durchschnittseinkommen, weil es in der tatsächlichen Einkommensverteilung eines Landes deutlich mehr Menschen mit geringeren als höheren Einkommen gibt.

mm.de: Ist nun der Durchschnittsverdiener in Deutschland, der keine 45 Beitragsjahre aufweist, nicht privat vorgesorgt hat und damit von weniger als den prognostizierten 39,9 Prozent seines durchschnittlichen Bruttoeinkommens im Rentenalter leben müsste, ist dieser Mensch nach Ihrem Verständnis von Altersarmut bedroht?

Queisser: Wenn dieser Rentner über keine anderen Geldquellen verfügt, wäre er nach unserem Verständnis im Alter in der Tat einem starken Armutsrisiko ausgesetzt.

mm.de: Einer jüngsten repräsentativen Umfrage in Deutschland zufolge gab nahezu jeder Dritte an, ihm fehle schlicht das Geld zur privaten Altersvorsorge. In der Regel dürfte es sich dabei um Geringverdiener gehandelt haben. Was kann man Geringverdienern überhaupt raten, damit sie im Alter nicht zum Sozialfall werden?

Queisser: Geringverdienern, die sich Sparen nicht leisten können, kann man keinen guten Rat geben. Ihnen wird im Alter nichts anderes übrig bleiben als der Gang zum Sozialamt. Woher soll das Geld sonst auch kommen? Diese Menschen werden künftig zwangsläufig zum Sozialfall.

mm.de: Wohl auch deshalb ermahnt die Studie die deutsche Regierung, der Rentenentwicklung für Geringverdiener besondere Aufmerksamkeit zu widmen und einem Anstieg der Altersarmut vorzubeugen. Welche Instrumente würden Sie empfehlen?

Queisser: Als erstes muss die Einkommenslage aufmerksam analysiert werden, so dass zunehmende Armut rechtzeitig erkannt wird. Da gibt es gute Instrumente und in dieser Hinsicht ist Deutschland vielen anderen OECD-Ländern voraus. Wenn die Alterarmut zum Problem wird, kann man zum Beispiel eine Mindestsicherung in das System einbauen, so dass jemand, der sein Leben lang einbezahlt hat, automatisch einen Mindestbetrag erhält, auch wenn er oder sie nur wenig verdient hat.

"Nicht mehr als Lippenbekenntnisse"

mm.de: Könnte das Schweizer Modell ein Vorbild sein?

Queisser: Denkbar wäre auch ein Grundrentensystem wie in der Schweiz, das die gesamte Bevölkerung erfasst - Selbständige ebenso wie Arbeitnehmer, Studenten und Hausfrauen. Demnach steht jedem Bürger eine Basisrente zu, die nicht mit der Einheitsrente zu verwechseln ist. Es gibt vielmehr eine Mindestrente und eine Maximalrente, letztere ist auf das Doppelte der Mindestrente begrenzt. Und alle zahlen Beiträge in dieses System, das keine Beitragsbemessungsgrenze kennt. Es handelt sich also um ein stark umverteilendes System, das Gutverdiener relativ schlechter stellt als den Geringverdiener. Denn mehr als die doppelte Mindestrente bekommt der Gutverdiener nicht heraus, auch wenn er dreimal so viel in das System einzahlt.

mm.de: Welche Chancen räumen Sie so einem System in Deutschland ein?

Queisser: Gegner dieses Modells argumentieren, dass die deutsche gesetzliche Rentenversicherung Versicherungscharakter hat. Es soll also jener mehr herausbekommen, der mehr eingezahlt hat. Eine Entwicklung hin zu einer Einheits- oder Grundrente erscheint der politischen Mehrheit in Deutschland derzeit nicht angebracht.

mm.de: Sehen Sie Alternativen?

Queisser: Man könnte gleichwohl mehr Umverteilungselemente in das bestehende deutsche Rentensystem einflechten. Man könnte die Rentenberechnung progressiv gestalten, ähnlich wie die Einkommensteuer. Dann würde jemand, der wenig verdient, eine höhere Ersatzrate bekommen als ein Großverdiener. So funktioniert beispielsweise das amerikanische Rentensystem. Es ließe sich auch eine höhere Alterssicherung außerhalb des Systems für arme Rentner anbieten.

mm.de: Deutschland ist eines der ersten OECD-Länder, das eine Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre beschlossen hat. Wer früher geht, muss empfindliche Abstriche bei der Rente hinnehmen. Welche Chancen sehen Sie, dass man Menschen hierzulande überhaupt so lange arbeiten lässt?

Queisser: Gegenwärtig beurteilen wir das sehr pessimistisch. Zwar wird immer wieder öffentlich formuliert, wie wichtig die Erfahrungswerte älterer Arbeitnehmer für ein Unternehmen und die Volkswirtschaft im Allgemeinen sind. Doch das sind nicht mehr als Lippenbekenntnisse. Nach unserer Beobachtung werden ältere Arbeitnehmer oft als erste entlassen und bekommen weniger Fortbildungen oder Schulungen als jüngere Kollegen. Flexible Teilzeitmodelle werden in Deutschland zudem vorrangig dazu genutzt, ältere Arbeitnehmer früher in den Ruhestand zu schicken.

mm.de: Kennen Sie ein Positivbeispiel innerhalb der OECD, wo es besser läuft?

Queisser: In Finnland gibt es eine vom Staat groß angelegte Kampagne zur verstärkten Einstellung älterer Arbeitnehmer. Parallel hat die Regierung durch zahlreiche Maßnahmen das längere Arbeiten attraktiver gestaltet und den vorzeitigen Ruhestand erschwert. Allerdings muss man konstatieren, dass das Renteneintrittsalter im Vergleich zu anderen OECD-Staaten in Finnland zuvor wirklich sehr niedrig war.

mm.de: Und, wirkt es?

Queisser: Der Trend zur Frühverrentung in Finnland ist tatsächlich rückläufig, es werden auch mehr ältere Arbeitnehmer eingestellt.

mm.de: Welches der 30 OECD-Mitgliedsländer ist mit Blick auf das jeweilige Rentensystem am besten auf die demographischen Herausforderungen vorbereitet?

Queisser: Wir müssen eines festhalten: Nicht alle Länder verspüren in ihren sozialen Sicherungssystemen den gleichen demographischen Druck, weil ihre Geburtenrate höher ist als in Deutschland - Frankreich wäre dafür ein Beispiel.

Darüber hinaus sind natürlich jene Länder besser vorbereitet, die der Krise frühzeitig mit einem Kapital gedeckten System begegnen. Ein Land, das erst mitten in der Krise damit beginnt, dürfte es deutlich schwerer haben. Denn es braucht die Beiträge bereits jetzt, um laufende Renten zu bezahlen. In diesen Staaten tun sich die Menschen auch schwerer damit, neben dem abgeführten gesetzlichen Rentenbetrag eine private Altersvorsorge aufzubauen. Darin liegt ja gerade unter anderem in Deutschland das Problem: Der Rentenbeitrag ist mit mehr als 19 Prozent bereits sehr hoch, zugleich schießt der Bund etliche Milliarden in das System. Das heißt, finanziell ist also nur wenig Manövriermasse vorhanden.

mm.de: Wie können wir dem Dilemma entkommen?

Queisser: Auch wenn es sehr viele Länder ungern hören: Länger arbeiten hilft ihrem Rentensystem am besten - das bringt mehr Beiträge in die Kassen und spart zugleich Ausgaben ein.