Freitag, 19. April 2019

Solarwirtschaft "Lassen uns nicht in die Wüste schicken"

Zehntausende neue Jobs, Investitionen in dreistelliger Milliardenhöhe - die Solarwirtschaft wird die Boombranche in Deutschland, sagt ihr Cheflobbyist Carsten Körnig. Vehement verteidigt er die staatliche Förderung und erklärt zugleich, warum die Sonnenwirte nicht in die Wüste gehen, obwohl dort doch eigentlich mehr zu ernten wäre.

mm.de: Herr Körnig, sind Sie Ökostrom-Kunde?

"Sehe keinen Spielraum": Körnig vertritt den Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) als Geschäftsführer. 600 Unternehmen in Deutschland gehören dem Verband an
Körnig: Ja, selbstverständlich.

mm.de: Wissen Sie, was Sie je Kilowattstunde Ihrem Stromversorger zahlen?

Körnig: Nein, die genaue Zahl habe ich nicht griffbereit.

mm.de: Wir helfen Ihnen: rund 19 Cent je Kilowattstunde. Wenn Sie jetzt eine neue Solarstromanlage auf Ihrem Dach hätten, kassierten Sie gesetzlich garantiert 49,2 Cent für jede Kilowattstunde Sonnenstrom, die Sie in das Leitungsnetz abgeben - ein tolles Geschäft, eine Lizenz zum Gelddrucken, oder nicht?

Körnig: Nein. Wenn ich eine Fotovoltaik-Anlage betreibe, habe ich zunächst einmal Investitionskosten. Und die Vergütung nach dem Gesetz ist so gestrickt, dass in guten Sonnenlagen Deutschlands eine auskömmliche Betreiberrendite von 6 bis 7 Prozent erzielbar ist. Es ist keineswegs so, dass ich die Differenz zwischen dem herkömmlichen Strompreis und der Vergütung einstreichen kann. Die Produktionskosten für diesen Strom liegen leicht unter dieser Vergütung und müssen in den nächsten Jahren gesenkt werden. Das will der Gesetzgeber, deshalb verringert er auch diese Einspeisevergütung von Jahr zu Jahr für Neuanlagen.

mm.de: Nicht nur Ökostrom-Erzeuger, eine ganze dahinter stehende Industrie existiert überhaupt, weil das Erneuerbare-Energien-Gesetz hohe Einspeisevergütungen garantiert. Diese Vergütungen werden jetzt neu verhandelt. Wird Ihre Branche weniger als die 49,2 Cent akzeptieren?

Körnig: Für einen stabilen Binnenmarkt brauchen wir verlässliche Bedingungen, um in diese Technologie investieren und Kostensenkungen überhaupt erst ermöglichen zu können. Der Gesetzgeber hat die Grundlage dafür im Jahr 2004 geschaffen, und die Industrie hat die damit verbundene Herausforderung angenommen. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, die Preise jedes Jahr um durchschnittlich 5 bis 6 Prozent zu senken. Das ist nur mit erheblichen Investitionen in Entwicklung, Forschung und Produktion möglich. Darüber hinaus sehen wir keinen Verhandlungsspielraum. Wir sind zuversichtlich, dass die Politik das Gesetz deshalb mit Sorgfalt und Augenmaß evaluiert.

mm.de: Verhandelbar ist alles: eine Herabsetzung der Einstiegsvergütung für eingespeisten Solarstrom, ebenso eine veränderte Degression. Darum nachgehakt, werden Sie unter die Marke von 49,2 Cent gehen?

Körnig: Die Frage stellt sich so nicht. Die Einspeisevergütung wird bereits heute um 5 bis 6,5 Prozent jährlich reduziert und ist in ihrer Degression damit hoch ambitioniert. Erschwerend kommt hinzu, dass kein Inflationsausgleich im Gesetz vorgesehen ist. Das heißt, die Preise müssen real um jährlich 6 bis 7 Prozent sinken, damit Fotovoltaik-Investitionen für den Betreiber interessant bleiben.

Schon jetzt gibt es zudem eine gestaffelte Vergütung: 49,2 Cent werden nur für ein Anlagesegment gezahlt, Freiflächen- oder große Dachanlagen zur Solarstromerzeugung liegen deutlich unter dieser Marke. Der Gesetzgeber hat hier bewusst differenziert, um Mitnahmeeffekte zu vermeiden. Wir denken, dass weder an der Einstiegsvergütung noch an der Degression gedreht werden sollte.

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