Konjunktur Heulen und Zähneklappern

Mitten im Aufschwung ist Deutschlands Mittelschicht frustriert wie nie zuvor. Zu oft wurde die Bundesrepublik auf ihre Kosten modernisiert, glauben Beamte und Angestellte - und verfallen in erschöpftes Wehklagen. So setzen ausgerechnet jene die wirtschaftliche Erholung Deutschlands aufs Spiel, die sie bewerkstelligen sollen.
Von Karsten Stumm

Düsseldorf - Und dann war die Angst da, aus heiterem Himmel, wie eingeschaltet. Sie kroch in ihm hoch, mehr und mehr, Monat für Monat. Und mitten im Aufschwung, als es den anderen schon besser ging, merkte Raymond Siegel* plötzlich, dass er es nicht mehr aushalten konnte.

Es war an jenem sonnigen Mai-Tag als Siegel begann, dunkle Briefe an das Kanzleramt zu schreiben.

Siegel ist Abteilungsleiter bei der ehemaligen Henkel-Tochter Cognis, die mit chemischen Vorprodukten Milliardenumsätze erzielt, und Siegel wiederum verdient ganz ordentlich an Cognis: Etwas mehr als 60.000 Euro im Jahr bekommt er für seine 45-Stunden-Woche. Nicht überragend - und es wird weniger, schrieb er der "sehr verehrten Frau Bundeskanzlerin Merkel" in seinem Brief. "Weil Sie es zulassen, dass Ihre Sozialpolitiker mich ausplündern."

Er ist erst 35 Jahre alt, und seine Frau sagt, dass er nicht mehr wählen geht.

"Ich habe alles gemacht, was man von meiner Generation verlangt hat. Abitur, Wehrpflicht, Ausbildung, Studium, natürlich alles schnell, mit Auslandssemester. Praktika habe ich auch. Selbstverständlich sofort angefangen zu arbeiten auch. Und direkt in die Rentenkasse eingezahlt, die nur noch den jetzigen Rentnern nutzt, mir aber einmal viel weniger. Warum also ich?", fragt Siegel.

Siegel gehört zu Deutschlands Mittelschicht, "jenem Milieu in dem der Aufstiegsimperativ elementar ausgeprägt ist und identitätsstiftender als für jede andere Gesellschaftsschicht", sagt Franz Walter, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Göttingen. Doch jahrelang musste ausgerechnet diese Mittelschicht zurückstecken, wenn es darum ging, die Bundesrepublik moderner zu machen. Jetzt fühlt sie sich ausgeplündert.


*Name von der Redaktion geändert

Alles erduldet, was verlangt wurde

Alles erduldet, was verlangt wurde

Wer mit Siegel redet, bekommt schnell die Gründe dafür zu hören: Ging es den Bundesparlamentariern um Subventionsabbau, sei seiner Einkommensklasse die Eigenheimpauschale gestrichen worden. Doch an die steuervergünstigten Nachtarbeiterzuschläge der Fließbandarbeiter habe sich die Mehrheit der Abgeordneten nicht herangewagt, sagt Siegel.

Als es den Bundestagsmitgliedern dann um die Förderung der privaten Altersvorsorge gegangen sei, ließen die Abgeordneten Siegel und seine Bekannten zwar mitmachen beim Riester-Sparen. Aber sie bekamen weniger Zuschüsse als die vermeintlich darbende Arbeiterklasse. Und selbst als die Regierung unter Gerhard Schröder (SPD) die Einkommensteuern in Deutschland so stark senkte wie nie zuvor in der Geschichte der Republik, profitierten vor allem die Geringverdiener. Siegel und mit ihm die bürgerliche Mitte Deutschlands blieb wieder außen vor.

Tatsächlich will auch heute noch niemand die Steuerbelastung der deutschen Mittelschicht senken, weil dann zugleich der Spitzensteuersatz reduziert werden müsste. Das aber gilt als unsozial, weil die Schere zwischen armen und reichen Mitbürgern in der Bundesrepublik weiter auf geht. Die Parlamentarier haben deshalb wenig Lust, die Steuersätze zu überarbeiten. Deutschlands Bürgertum ist so irgendwie zwischen Amboss und Hammer geraten.

"Die hoch anpassungsbereite bürgerliche Mitte hat in den vergangenen Jahren fast alles mitgemacht, was die Eliten von ihnen herrisch verlangt haben: Sie haben fremde Sprachen gelernt, sich jede technologische Innovation angeeignet, Fortbildungskurse besucht, die Arbeitszeit nach Bedarf gestreckt und verlängert" sagt der Göttinger Professor Walter zu manager-magazin.de. "Jetzt aber sieht sich die bürgerliche Mitte als die eigentliche Verliererin der Sozialreformen."

"Wir beobachten auch in unseren Marktanalysen bereits seit Jahren einen wachsenden Pessimismus in dieser wichtigen Zielgruppe", sagt auch Paul-Otto Fassbender zu manager-magazin.de, Vorstandsvorsitzender des Arag-Versicherungskonzerns. Der Düsseldorfer wollte es jetzt genau wissen.

Die Wachstumsmotoren streiken

Die Wachstumsmotoren streiken

Die Angestellten und Beamten, die von dem Meinungsforschungsinstitut Emnid deshalb in den vergangenen Wochen im Auftrag des Versicherungschefs befragt worden waren, fürchten sich zu 93,7 Prozent vor dem sozialen Abstieg - das ist bundesdeutscher Rekord. Selbst in der schlechtesten Phase des Aufbaus in Deutschlands Osten waren die ehemaligen DDR-Bürger nicht so niedergeschlagen.

77,9 Prozent der Interviewten machen sich zudem Sorgen um die Zukunft der Kinder, 70,5 Prozent sehen aktuell das Risiko, durch Langzeitarbeitslosigkeit zum Hartz-IV-Empfänger zu werden. Und 66,1 Prozent der repräsentativ Befragten fürchten, dass das Einkommen nicht ausreicht, um den Lebensstandard zu halten - mitten im stärksten wirtschaftlichen Aufschwung, den die Republik seit Jahren erlebt.

Allein in den ersten drei Monaten des Jahres stieg das deutsche Bruttoinlandsprodukt um 3,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr, hat das Statistische Bundesamt ermittelt. Gleichzeitig sank die Arbeitslosenzahl so schnell wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Darüber hinaus werden seit langer Zeit wieder höhere reale Einkommen gezahlt, denn die meisten Unternehmen hierzulande haben im laufenden Jahr die Löhne und Gehälter ihrer Angestellten deutlich angehoben. In der Metall- und Elektroindustrie wurden zuletzt sogar Lohnerhöhungen um mehr als 4 Prozent pro Jahr vereinbart.

Doch davon zeigt sich die deutsche Mittelschicht offenbar unbeeindruckt. Und so zerfließen ausgerechnet jene Bürger vor Selbstmitleid, die das Land eigentlich nach vorn bringen sollen: Von keiner anderen gesellschaftlichen Gruppe in Deutschland hängt beispielsweise die Kauflaune in der Republik so ab, wie von der gehobenen Mittelschicht.

"Die Kaufneigung langlebiger Gebrauchsgüter wird von diesen Mitbürgern entscheidend geprägt", bestätigt Rolf Bürkl gegenüber manager-magazin.de, Experte der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg. Und nur, wenn die Stimmung unter Deutschlands Angestellten und Beamten nicht kippt, kann die GfK-Prognose aufrechterhalten werden.

Den Aufschwung ausgeblendet

Den Aufschwung ausgeblendet

"Wir haben unsere Jahresvorhersage für das Wachstum des privaten Konsums von ursprünglich 0,5 Prozent auf 1 Prozent nach oben revidiert", sagt Bürkl. Erst ab dann würde - neben den Milliardeninvestitionsneigungen der Unternehmen - auch der private Verbrauch hierzulande wieder zu einer maßgeblichen Stütze der gesamten deutschen Wirtschaftsentwicklung.

Doch genau an der zweifelt Deutschlands gehobener Mittelstand. "Der wirtschaftliche Aufschwung wird zwar wahrgenommen. Aber viele Bürger dieser Gruppe glauben offenbar nicht, dass er ihnen dauerhaft nutzen wird", sagt Martin Werding zu manager-magazin.de, Bereichsleiter Sozialpolitik und Arbeitsmärkte beim Münchener Ifo-Wirtschaftsforschungsinstitut.

"Im Gegenteil: Obwohl der laufende Aufschwung wahrscheinlich noch ein, zwei Jahre weitergeht, wird er nicht als Trendwende wahrgenommen, sondern nur als Atempause."

Viele Sozialforscher schütteln über die Niedergeschlagenheit der bürgerlichen Mitte dann auch den Kopf. Ihre Lage, so das Votum der Experten sei in vielen Fällen deutlich besser, als die Betroffenen wahrhaben wollen. Doch ihr Ärger trifft auch auf Verständnis: Im ewig quälenden Versuch, die Republik vorgeblich möglichst gerecht zu machen, mussten Bürger wie der Düsseldorfer Raymond Siegel besonders leiden - nicht zuletzt durch das deutsche Tarifrecht. Für junge Leute mit einem abgeschlossenen Hochschulstudium sei es beispielsweise schwerer geworden, einen angemessen bezahlten, unbefristeten Arbeitsvertrag zu bekommen, hat jetzt die Herbert-Quandt-Stiftung ermittelt.

Mehr noch: Die Einstiegsgehälter für Betriebswirte mit Fachhochschulabschluss beispielsweise liegen nur noch bei 35.000 bis 40.000 Euro pro Jahr. "Dafür würden die Maschinenführer in unserer Werkshalle gerade mal halbtags zur Arbeit erscheinen", sagt eine Managerin der deutschen Johnson&Johnson-Niederlassung hinter vorgehaltener Hand. Die hohe Bezahlung für Leute mit beruflicher Ausbildung lässt viele Studierte mittlerweile verzweifeln. Denn trotz aller Anstrengungen haben sie den Eindruck, stets für andere herhalten zu müssen - und dabei selbst mit ihren Familien unter die Räder zu kommen.

"Für die bürgerliche Mitte ist es unsicherer denn je, ob ihr Nachwuchs trotz einer akademischen Ausbildung den hart erkämpften familiären Status wird halten, gar ausbauen können", sagt Professor Walter.

Vielleicht ist auch das ein Grund, warum im vergangenen Jahr rund 155.000 Bundesbürger ausgewandert sind, wie jetzt das Statistische Bundesamt ermittelt hat. Das sind so viele wie nie zuvor - und viele davon auch so gut ausgebildet wie nie zuvor. "Die Angst kriecht in die mittleren Etagen der Bürotürme", sagt Albrecht Graf von Kalnein, Direktor der Herbert-Quandt-Stiftung.

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