Großanleger Die grauen Eminenzen

Großaktionäre schauen Managern immer stärker auf die Finger. Nichts, so scheint es, kann die institutionellen Anteilseigner stoppen. Vielleicht zu Recht: Die nächsten Skandale kommen sonst bestimmt, fürchten Experten. Auch in deutschen Unternehmen.
Von Deborah Sturman

Nie waren Aktionäre mächtiger als heute. Die Anteilseigner stoppen Übernahmen, die ihnen nicht genehm sind. Fordern höhere Ausschüttungen oder bringen Fusionen zum Stillstand - selbst gegen den Widerstand des Managements. Wie viel Macht die Aktionäre mittlerweile haben, erlebte zuletzt Hollands staunende Öffentlichkeit.

Die vorgeschlagene Fusion der niederländischen Bank ABN Ambo  mit dem britischen Finanzhaus Barclays  ist durch Aktionärsaktivismus zum Stillstand gebracht worden, obwohl Gespräche zwischen den beiden Geldhäusern weit fortgeschritten waren. Aktive Aktionäre haben ein niederländisches Gericht dazu gebracht, das Abkommen zu blockieren. Die Aktionäre werden nunmehr ausdrücklich über die kostspielige Aufspaltung von ABN Ambo abstimmen können, die die Großhandelsbereiche der Bank trennen würde. Der Antrag, der den Anlegern von dem aktiven Hedgefonds "TCI Tue Children's Investment Fund" vorgeschlagen wurde, hat die Unterstützung mancher großen institutioneller Anleger gewonnen.

Ein weiteres dramatisches Beispiel von Aktionärsaktivismus ist der Aufstand der Aktionäre der Deutschen Börse , die den vorgeschlagenen Erwerb der Londoner Börse blockierten und den damaligen Firmenchef Werner Seifert verdrängten.

Institutionelle Anleger profitieren vom Aktivismus - allerdings wollten bis vor kurzem auch bemerkenswerte Institutionen wie der kalifornische Staatsrentenfonds Calpers und der Rentenfonds für Universitätsprofessoren, TIAA-CREF, kaum aktiv einschreiten.

Warum also waren diese Aktionäre von Enron, Worldcom, Adelphia und Tyco so attentistisch eingestellt? Ihre Zurückhaltung ist leicht zu verstehen: sie standen dem kollektiven Wahlproblem gegenüber, denn fast jede mögliche Form an Aktivismus, wurde argumentiert, kostete etwas mehr Aufwand als die absehbare Rendite, während andere Aktionäre auch einen Nutzen als passive Trittbrettfahrer ziehen konnten.

Aber institutionelle Anleger, meistens Rentenfonds, Investmentfonds und Versicherungen, besitzen etwa die Hälfte der Aktien von öffentlich gehandelten Unternehmen. Sie haben die Zeit, die Mittel, die analytischen Kenntnisse und die Stärke, um fragwürdige Buchhaltungsmethoden und Geschäftsführergehälter zu überwachen und zu hinterfragen.

Früher sorgten sie sich um Interessenskonflikte, denn Aktivismus erzeugte manchmal Aufregung bei anderen Parteien, mit denen man Geschäfte eingehen mochte. Zum Beispiel würde wahrscheinlich weder ein Citibank Fondsmanager gegen das Belohungspaket eines Unternehmensgeschäftsführers stimmen wollen, wenn Citibank gerne die Rentenfonds dieses Unternehmens verwalten möchte, noch könnten man sich vorstellen, dass Siemens' Rentenfonds einem Aktionärsbeschluss zustimmen würde, der etwas gegen die Geschäftsführerbelohnung von Volkswagen  einwendet.

Neues Spiel für alte Banker

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Diese Einstellung hat sich nunmehr erkennbar geändert. Die großen institutionellen Anleger haben gemerkt, dass die Behauptung eines Interessenskonflikts einfach nicht mehr ausreicht. Studien haben belegt, dass Aktionärsaktivismus durch institutionelle Anleger in hohem Maße konkurrierende Renditen erzielt.

Eine Analyse durch eine Citigroup-Finanzstrategiegruppe von 31 Unternehmen, die von Aktionärsaktivismus betroffen waren, stellte fest, dass die Marktkapitalisierung dieser Unternehmen um 8 Prozent in den Wochen nach der öffentlichen Bekanntgabe der aktiven Handlungen anstieg.

In letzter Zeit haben Anleger, die in der Vergangenheit nie aktive Positionen eingenommen haben, begonnen, sich aktionärsaktive Taktiken anzueignen. Die Wall-Street-Bank Morgan Stanley  zum Beispiel lancierte vor kurzem eine Kampagne, um die zweistufige Anteilstruktur der New York Times Company aufzuheben, die der Sulzberger Familie die Steuerung der Mediengruppe übertrug.

Es besteht auch das Gebot der Sorgfaltspflicht. In der Theorie sind institutionelle Anleger als Treuhänder der Anleger nämlich juristisch verpflichtet, jene Aktionärsrechte auszuüben, die den Anlagen ihrer Kunden, deren Geld sie verwalten, zugute kommen.

In Großbritannien müssen institutionelle Anleger aktiv der Überwachung und Verständigung mit dem Management der investierten Unternehmen nachkommen; oder erklären, wie sie festgestellt haben, dass ein solcher Aktivismus nicht kosteneffektiv ist. Obwohl nicht aller Aktivismus von den institutionellen Anlegern aufgegriffen werden kann, können Kleinaktionäre jene Angelegenheiten übernehmen, die die Institutionellen nicht bearbeiten. Sie benötigen nicht die Beziehungen zu anderen Unternehmen, um ihnen Geschäfte oder politische Verbindungen zuzusteuern.

Unternehmensführer fühlen sich manchmal durch die Handlungen von aktiven Aktionären angegriffen. Aber eine solche Wachsamkeit ist nicht nur als Preis der Freiheit gerecht - es ist auch der Preis für das anvertraute Geld anderer Leute. Zumindest bereiten Aktionärsaktivisten den Geschäftsführern, die ihre Verpflichtungen gegenüber den Aktionären vergessen haben, berechtigt unbequeme Momente. Marc Tüngler, Geschäftsführer Deutschlands größter Anlegervertretung DSW, fasste dies vor kurzem wie folgt zusammen: Nicht jeder aktive Aktionär ist ein guter Aktionär, aber ein guter Aktionär ist aktiv.

Wenn Aktionäre nicht Nutzen aus ihren Rechten ziehen, können wir eine Fortsetzung von Enron, Parmalat, Worldcom, Adelphia und Tyco Skandalen erwarten.

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