Dax-Geflüster Nur noch wenige Punkte zum Rekord

Der deutsche Aktienmarkt schreibt Geschichte: Der Leitindex Dax ist kurz davor, sein historisches Hoch von 8067 Punkten zu übertreffen. So kurz, dass selbst die lange Zeit schwächste Dax-Aktie den dafür nötigen Schwung aufbringen könnte: die Titel der Deutschen Telekom. Ganz nebenbei ginge damit ein großer Börsenzyklus zu Ende.
Von Karsten Stumm

Manche Daten bleiben im Gedächtnis, weil sie für die Ewigkeit gemacht scheinen. Der 7. März 2000 war so ein Börsentag. Damals schloss der deutsche Aktienleitindex Dax  auf so hohem Niveau wie nie zuvor in seiner rechnerisch 48-jährigen Geschichte. Mit 8067 Zählern markierte er jenen Rekord, der Jahrzehnte hätte überdauern können. Tut er aber wohl nicht:

Der Dax ist kurz davor, seine alte Bestmarke einzustellen. Mittlerweile genügt dafür selbst ein einziger Kick der lange Zeit schwächsten deutschen Aktie, den Titeln der Deutschen Telekom . Es scheint nicht mal aussichtslos zu sein.

Sollten sich die Telekom-Titel in den kommenden Wochen von derzeit rund 14 Euro auf etwa 28 Euro verdoppeln, würde allein dieser Kursanstieg den Dax über seine bisherige Schlusskurs-Bestmarke von 8067 Indexpunkten hieven. Die übrigen 29 Dax-Aktien müssten sich dabei nicht einen einzigen Millimeter bewegen; allerdings dürften sie auch nicht an Wert verlieren.

"Das amüsante Rechenspielchen zeigt, wie verdammt nahe der Dax seinem Allzeithoch gekommen ist. Und das in ungewöhnlich kurzer Zeit", sagt der Kölner Vermögensverwalter Markus Zschaber.

Tatsächlich hat der Dax mit so hoher Geschwindigkeit zu alter Stärke zurückgefunden, wie er in den Börsenjahrzehnten zuvor nie zugelegt hat. Von seinem Tiefpunkt im März 2003 benötigte das bedeutendste deutsche Börsenbarometer gerade einmal ein gutes Jahr, um auf das doppelte Kursniveau zu steigen. In den folgenden 36 Monaten legte der Index auf das 3,5-Fache seines Ausgangsniveaus im März 2003 zu.

Zum Vergleich: In den Anfangsjahren der Dax-Geschichte dauerte es ein Vierteljahrhundert, von 1960 bis 1985, bis der Frankfurter Leitindex eine Verdoppelung seines Niveaus auf seinerzeit 1000 Zähler zustande brachte. Und weitere zwölf Jahre währte der folgende Anstieg auf das 3,5-fache, die 3500-Punkte-Marke - vier Mal so lange also, wie der Dax im laufenden Aufschwung für den ähnlich starken Zuwachs benötigte.

Das beeindruckt selbst Börsenkenner: "Die Finanzmarktprofis geben zum Mai eine klare Präferenz vor: Aktienbestände werden weiter aufgebaut" sagt Börsenpsychologe Patrick Hussy. Mittlerweile haben die fleißigen Aktienfachleute in Deutschlands höchsten Bankentürmen so viel Vertrauen in den deutschen Aktienmarkt, wie nie zuvor, wie in den Umfragen von Hussys Analysefirma Sentix herausgekommen ist. Selbst die historische Umfragehochstimmung aus dem Januar 2006 ist übertroffen worden, sagt Hussy. Und das unabhängig von der Entwicklung der Telekom-Aktie.

Berichtet die Presse, endet der Trend

Berichtet die Presse, endet der Trend

Schade eigentlich. Sonst könnte Deutschlands schillerndster Dax-Titel dem Leitindex seinen Stempel aufdrücken wie im Boom-März 2000. Damals kostete eine Telekom-Technologieaktie fast 100 Euro und die Marktkapitalisierung des rosa Riesen lag bei weit über 100 Milliarden Euro. Ein guter Teil der damaligen Dax-Rekordfahrt ging sogar auf das Konto des Bonner Unternehmens.

Mittlerweile kostet die Aktie nur noch 13,50 Euro, Europas größte Telefonfirma ist an der Börse gerade mal 59,5 Milliarden Euro wert und die aktuelle Dax-Rally kam bisher ohne entscheidendes Zutun der Telekom-Titel zustande.

Aber es gibt Hoffnung. Egal, ob Telekom-Chef René Obermann die bedeutendste europäische Telefongesellschaft tatsächlich wieder flottmachen und dem Telekom-Aktienkurs so auf die Sprünge helfen kann.

Die amerikanischen Finanzanalysten Tom Arnold, John Earl Junior und David North haben herausgefunden, dass sich die Aktienkurse prominenter Unternehmen nicht mehr viele Monate besonders gut oder ausgesprochen schlecht entwickeln, sobald es ihre Firmengeschichte auf die Titelblätter führender Wirtschaftszeitungen geschafft haben.

Nach der beschwingten Lektüre von 549 Titelgeschichten der Wirtschaftsmagazine "Business Week", "Fortune" und "Forbes" der vergangenen 20 Jahre stellten die Forscher vielmehr Überraschendes fest: Die Trends schliefen in den folgenden 500 Tagen nach Erscheinen der Artikel vielfach schlicht ein, die Aktien der Unternehmen im Rampenlicht entwickelten sich nicht mehr außergewöhnlich anders als der Durchschnitt aller vergleichbaren Aktien.

Sollten die Ergebnisse der amerikanischen Forscher auf Deutschland übertragbar sein, ist das eine gute Nachricht für alle Telekom-Aktionäre. Denn die Geschäftsentwicklung der Deutschen Telekom ist längst zum Thema aller Wirtschaftsmagazine hierzulande geworden, immer wieder. Und derzeit gibt es kaum ein Aktienblättchen, das seinen Lesern nicht rät, die Finger von der Telekom-Aktie zu lassen; wie übrigens auch die meisten Wertpapierspezialisten der Banken. Die US-Analysten Arnold, Earl Junior und North würden aber genau deshalb jetzt nicht mehr auf weiter sinkende Telekom-Kurse setzen.

Ob das dann der Beginn der Telekom-Trendwende ist, und der Dax dadurch jetzt tatsächlich Schwung für seine neue Rekordfahrt bekommt, kann zwar niemand ernsthaft vorhersagen. Aber die Zuversicht der Börsenkenner ist groß. "Ich rechne damit, dass der Frankfurter Leitindex sogar sein bisheriges Verlaufshoch von 8136 Zählern, aufgestellt an jenem berühmten 7. März 2000, noch in diesem Jahr überbieten wird. Vermutlich in der zweiten Jahreshälfte", sagt immerhin Carsten Klude, Chefvolkswirt bei MM Warburg.

Sollte er recht behalten, wird dieser Tag wohl auch lange in Erinnerung bleiben.

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