Thilenius-Kolumne Abgekoppelt

Die Konjunktur entwickelt sich in Europa besser als in Amerika. Speziell in Deutschland geht es voran. Und sollte der neue französische Präsident Nicolas Sarkozy die richtigen Reformen durchziehen, hat auch Frankreich die Chance auf ein Comeback. Ausgewählte Aktien aus diesen beiden Ländern scheinen deshalb empfehlenswert.

In diesen Monaten erleben wir eine seltene und interessante Verschiebung des Gleichgewichts in der Weltwirtschaft. Zum ersten Mal seit langer Zeit entwickelt sich die Wirtschaft in Europa, insbesondere in Deutschland, dynamischer als in den USA. Das Wirtschaftswachstum in Amerika ist im ersten Quartal dieses Jahres auf 1,3 Prozent zurückgegangen, unter anderem durch die Immobilienkrise und die kurzfristigen Zinsen, die zurzeit 5,25 Prozent betragen. Für das Gesamtjahr 2007 wird für die USA, nach einem Anstieg der wirtschaftlichen Tätigkeit im zweiten Halbjahr, ein Wirtschaftswachstum von etwa 2,2 Prozent erwartet.

In Europa sieht die Welt dagegen ganz anders aus. Die kurzfristigen Zinsen liegen hier mit 3,75 Prozent wesentlich niedriger als in Amerika. Gleichzeitig profitiert die europäische Wirtschaft stark vom Sog der Industrialisierung in den aufstrebenden Ländern Asiens und insbesondere Osteuropas. Auf dieser Basis wird für das Jahr 2007 ein Wirtschaftswachstum im Euroraum von 2,6 Prozent erwartet. Damit ist die Erwartung für das Wirtschaftswachstum in Europa zum ersten Mal seit vielen Jahren höher als in den USA.

Es gibt auch eine beachtliche Divergenz in den politischen Entwicklungen, die das Wirtschaftswachstum wesentlich mitbestimmen. In USA geht die Amtszeit von Präsident Bush nächstes Jahr zu Ende. Wesentliche wirtschaftliche Weichenstellungen sind bis dahin nicht zu erwarten. Die europäische Wirtschaft dagegen empfängt gleich aus den beiden größten Ländern deutliche Impulse: Der neue französische Präsident Nicolas Sarkozy hat sich bereits in früheren Tätigkeiten in der Politik einen Namen als Marktwirtschaftler erarbeitet.

Die Finanzmärkte erwarten von ihm, zurecht, wie wir meinen, die erforderlichen Reformen um die Wirtschaft voranzubringen. Dazu gehört die Abschaffung der 35-Stundenwoche, umfassende Privatisierungen zur Reduzierung der in Frankreich ebenfalls wie bei uns drückenden Staatsverschuldung sowie diverse Maßnahmen zur Liberalisierung und zum Bürokratieabbau. Davon sollen vor allem kleine und mittlere Unternehmen profitieren, deren Chancen zur Teilnahme an der Industriealisierung Chinas und Indiens aufgrund ihrer Größe sehr begrenzt sind. An dieser Stelle ist, ähnlich wie in Deutschland, großer aufgestauter Reformbedarf.

Das Wachstum der deutschen Wirtschaft sowie die Entwicklung der Frühindikatoren lassen selbst erfahrene Fachleute staunen. Nach der Exportkonjunktur ist jetzt auch die Binnenkonjunktur angesprungen. Die Senkung der Unternehmensteuern dürfte einen weiteren, und bisher in die Projektionen für das Wirtschaftswachstum noch nicht eingerechneten Schub im Wachstum bringen.

Dies ist allerdings nur eine vorübergehende Perspektive. Zum Ende des Jahres hin werden in Amerika Zinssenkungen und eine Beschleunigung des Wirtschaftswachstums erwartet. Gleichzeitig ist die europäische Wirtschaft stark von zyklischen Unternehmen geprägt. Eine Abschwächung des derzeit starken Wirtschaftszyklus ist nach aller Erfahrung in den Jahren 2009 bis 2010 zu erwarten.

Der bewegliche Investor kann in dieser Lage mit einiger Aussicht auf Erfolg auf zyklische Unternehmen in den beiden großen Wirtschaftsräumen Deutschland und Frankreich setzen. Zu bevorzugen sind dabei Unternehmen, die sich in einer erfolgreichen Restrukturierung befinden. Interessante Kandidaten sind dabei die beiden Autohersteller Peugeot  und DaimlerChrysler , die durch neues Management wie bei Peugeot und Restrukturierung wie bei DaimlerChrysler in den nächsten Jahren deutlich höhere Gewinne erzielen dürften.