Strommarkt Die Hitze steigt

Kaum ist die letzte Strompreiserhöhung verdaut, droht die nächste: Das schöne Wetter hat in den vergangenen Wochen sensible Strompreise an der Strombörse nach oben getrieben. Ausgerechnet jene, die indirekt die Stromrechnungen vieler Verbraucher beeinflussen. Die Hitze packt die Stromkunden.
Von Karsten Stumm

Düsseldorf - Manche Fotos sind immer aktuell. Weil sie jeder kennt. Peter Leibing hat so eines geschossen, damals, beim Mauerbau in Berlin. Er drückte auf den Auslöser als der DDR-Grenzer über den Stacheldraht sprang und - erinnern Sie sich? - dabei sein Gewehr wegschmiss. Im vergangenen Sommer schien auch Franz-Peter Tschauner etwas Unvergängliches gelungen zu sein. Er brannte den ausgezehrten Rhein ins Gedächtnis der Deutschen, nahezu ausgetrocknet von der heißesten Sommerhitze seit einhundert Jahren.

Zehn Monate später ist klar, dass dem DPA-Fotografen die Ehre des Ewigen verwehrt bleibt. Der Rhein führt schon wieder wenig Wasser. Schade für Tschauner. Und die Bundesbürger. Denn die Folge der neuerlichen Trockenheit könnten bald viele Verbraucher hierzulande zu spüren bekommen - mit der Stromrechnung im nächsten Jahr. Denn das schöne April-Wetter hat die Stromhändler in Deutschland nervös gemacht.

Der Rhein-Pegel bei Düsseldorf beispielsweise ist nach dem überwarmen April schon wieder auf laue 1,50 Meter gefallen; normal wären etwa 3,30 Meter. Solch niedrige Flusswasserstände können aber die gesamte Strombranche in die Bredouille bringen, schließlich benötigen viele Kraftwerke das kalte Wasser dringend zur Kühlung ihrer Anlagen. Doch je weniger Wasser da ist, desto mehr erhitzen die Kraftwerke mit ihrem Kühlprozess die Flüsse - bis irgendwann Schluss ist. Die Stromwerke müssen ihre Anlagen herunterfahren, um die Fischbestände nicht durch immer höhere Wassertemperaturen zu gefährden.

Das ist gut für die Umwelt, aber unter Umständen schlecht für die Verbraucher. Bleibt ihre Stromnachfrage hoch, etwa aufgrund bollernder Klimaanlagen, steigt der Strompreis. Denn die gedrosselten Kraftwerke liefern nicht genug Energie, um die Nachfrage zu decken.

Das trifft beispielsweise auch auf Kohlekraftwerke zu, die mit steigender Außentemperatur immer ineffizienter arbeiten. Entsprechend feinfühlig reagieren Stromhändler auf hohe Temperaturen - und ausgezehrte Flussläufe. "Wetteränderungen sind zuletzt in der Tat signifikant auf die Strompreise durchgeschlagen", bestätigt Tobias Federico manager-magazin.de, Geschäftsführer des Berliner Energieberatungsunternehmens Energy Brainpool.

Wie stark, kann man derzeit an den Notierungen der Strombörse Leipzig ablesen. Seit Mitte Februar steigen die Future-Preise für Spitzenlastlieferungen im kommenden Jahr. Denn Mitte des eigentlich kältesten Wintermonats wurde immer klarer, dass die üblichen niedrigen Wintertemperaturen ausblieben. Im hochsommerähnlichen April bekam der Strompreis dann seinen entscheidenden Kick: Mittlerweile kostet eine Spitzenlast-Megawattstunde etwa 83 Euro, im Februar waren es gerade mal 70 Euro. Das entspricht einem Preisschub von mehr als 12 Prozent binnen weniger Wochen.

Stromhändler sind wetterfühlig

Stromhändler sind wetterfühlig

Deutschlands Verbraucher könnten das leicht abtun, würden diese Futures nicht ein tückisches Zwillingsleben führen. "Auch wenn der Spitzenlast-Futurepreis oft sehr viel stärker auf Nervosität im Markt reagiert: Die Spitzenlast-Futurepreisentwicklung und der Grundlast-Futurepreis unterliegen doch einer gewissen Parallelität", sagt Sebastian Siebers zu manager-magazin.de, Analyst bei Markedskraft Deutschland.

Der Grundlast-Futurepreis aber beeinflusst indirekt die Strompreise vieler Verbraucher. Denn die Großhandelspreise für Grundlastlieferungen der kommenden Monate schlagen sofort auf die Einkaufspeise zig deutscher Stadtwerke durch, die sich für das nächste Jahr mit ausreichend großen Stromlieferungen für ihr Versorgungsgebiet eindecken müssen - sofern die Regionalversorger keine oder nicht genügend eigene Kraftwerke besitzen.

Die meisten Stadtwerker haben ihre Einkäufe für das kommende Jahr aber noch nicht abgeschlossen, weil sie - eigentlich zur Risikominimierung - ihre Orders oftmals in vielen kleinen Tranchen über das Jahr verteilt abgeben. "Diese Einkaufsstrategie würde bei der momentan herrschenden Preisentwicklung zu vergleichsweise teureren Einkäufen führen", sagt Siebers.

Die Taktiererei müssen dann wohl Deutschlands Stromkunden ausbaden, denn nicht selten schlagen die Versorger ihre höheren Kosten einfach auf den Strompreis ihrer privaten Kundschaft drauf - zum Ausgleich für die sonst drohenden Gewinneinbußen. Schließlich wollen die Besitzer der Stadtwerke, viele klamme deutsche Städte und Gemeinden, nicht auf den dicken Scheck ihrer Stromwerke verzichten.

Brainpool-Geschäftsführer Federico hat immerhin Trost für einige Bundesbürger: "Manche Stadtwerke haben erkannt, dass der Strom- und Gasmarkt mittlerweile mehr Handelsgeschick erfordert als in der Vergangenheit. Deshalb legen sie ihren Handel mit anderen Stadtwerken zusammen und vergrößern ihn. Oder sie lassen gleich fremde Handelsspezialisten das Ganze für sich regeln."

Die meisten Stadtewerke allerdings spielen bisher weiter mit kleiner Mannschaft und auf eigene Kappe im Markt der Großen mit. Koste es, was es wolle: Die um fast 30 Prozent überzogenen Strompreiserhöhungen in Deutschland seit 2005 hätten dazu geführt, dass hierzulande 100.000 Menschen weniger einen Arbeitsplatz haben als bei wettbewerbsgerechten Preisen möglich wäre, hat jetzt das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut ermittelt.