Wirtschaftsforscher Mein Haus, mein Park, mein Golfplatz

Selten sorgte ein Arbeitspapier zweier Professoren für so viel Wirbel an der Börse. David Yermack und Crocker Liu fanden heraus, dass die Größe amerikanischer Topmanager-Villen viel über den künftigen Geschäftserfolg ihrer Firmen sagt - und den Aktienkurs der Unternehmen in den nächsten Monaten. Den Analysten an der Wall Street stockt der Atem.
Von Karsten Stumm

New York - David Yermack wirkt nie klein, wenn er spricht. Das mag an den übersichtlich großen Räumen liegen, in denen er seine Vorlesungen hält oder an den Decken in diesem Teil der New York University, die nicht sehr hoch sind. Oder an seinem Selbstbewusstsein. Manche Studenten halten den Finanzprofessor für unerträglich eingebildet.

Wenn er es je gewesen sein sollte, hätte er jetzt allen Grund dazu: Yermacks neuestes und skurril anmutendes Werk hat die etablierten Wertpapierexperten an der Wall Street in eine schwere Selbstbewusstseinskrise gestürzt.

Der Professor schlägt gemeinsam mit seinem Kollegen Crocker Liu von der Arizona State University eine höchst unorthodoxe und schnelle Methode vor, den zukünftigen wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens zu bestimmen - und praktischerweise nebenbei die baldige Entwicklung des Aktienkurses. Ein einziger Blick auf die Wohnhäuser der Vorstandsvorsitzenden genüge, um Bescheid zu wissen, wie es um die Wertpapiere stehe.

"Wir haben beobachtet, dass sich die wirtschaftliche Perspektive vieler Firmen verschlechtert, sobald sich der Chef extrem große oder teure Anwesen kauft", sagt Yermack. "Darüber hinaus entwickeln sich die Aktienkurse der Unternehmen nach einem aufwendigen Kauf weniger gut als die durchschnittlichen Notierungen der übrigen Werte im S&P-500-Aktienindex."

Wie bitte? Was soll die Quadratmetergröße der Chef-Villen über die Aktienkursentwicklung ihrer Unternehmen verraten können, haben sich Aktienhändler und Analysten der großen amerikanischen Investmentbanken gefragt - und die beiden Wirtschaftsprofessoren schlichtweg für verrückt gehalten. Doch mittlerweile sind die Börsenprofis stiller geworden, denn Yermack und Liu wussten mit einem beachtlichen Zahlenwerk zu ihrer Verteidigung zu überraschen.

20 Prozent Extrarendite

20 Prozent Extrarendite

Die beiden Forscher haben ihre These anhand des Standard-&-Poor's-500-Aktienindex überprüft, in dem die Aktien der 500 größten und bedeutendsten amerikanischen Aktiengesellschaften enthalten sind; an diesem Börsenbarometer orientieren sich auch viele Fondsmanager. "Wir suchten für jeden einzelnen der 500 Topmanager der S&P-500-Firmen die entsprechenden Hauskäufe zum Zeitpunkt ihres Dienstantritts heraus, etwa anhand von Steuerunterlagen, öffentlich einsehbaren Dienstverträgen oder anderen Quellen", sagt Yermack.

"Schließlich bestätigten unsere Daten die These, dass die kostspieligen und zeitaufwändigen Immobilienkäufe eher Zeichen für die Verschanzung der Chefs in ihren Wohnungen sind als ein Vertrauensbeweis in die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung ihrer Unternehmen."

Das Ergebnis ihrer ungewöhnlichen Analyse: Wer am Tag der Immobilienkäufe jene Aktien kaufte, deren Chefs unterdurchschnittlich große Häuser erwarenb, strich in den kommenden 36 Monaten erheblich höhere Kursgewinne ein als mit den Anteilscheinen der S&P-500-Unternehmen im gleichen Zeitraum im Schnitt drin war; der Mehrertrag überstieg die 20-Prozent-Marke.

Auch umgekehrt habe diese Handelsstrategie funktioniert. Die Aktien jener Gesellschaften, deren Chefs sich besonders eindrucksvolle Residenzen zulegten, schnitten zuverlässig schlechter ab als der Marktdurchschnitt. Das Minus touchierte beinahe die rote 25-Prozent-Linie - und spätestens jetzt erheblich das Selbstbewusstsein der etablierten Aktienstrategen mit ihren aufwendigen und komplexen Aktienanalysen. Konnte es tatsächlich sein, dass der junge Professor mit seiner scheinbar wirren und lächerlich einfachen Entscheidungshilfe für oder gegen den Kauf bestimmter Aktien durchgängig bessere Ergebnisse erzielte als sie selbst mit ihren ausgetüftelten Unternehmensanalysen?

Bei näherem Hinsehen wurde den Bankern schnell klar, dass Yermacks und Lius Methode nicht völlig losgelöst von der klassischen Unternehmensanalyse ist. Es gibt zumindest indirekt Berührungspunkte: "Unsere Daten zeigen beispielsweise deutlich die Neigung vieler Topmanager, im Jahr ihres Dienstantritts als Firmenchef neue Häuser zu kaufen", sagt Yermack. Die private Entscheidung, die eigenen Lebensumstände zu ändern, fiel also nicht unabhängig von der beruflichen Situation der Manager. Und der anschließende Blick darauf, wie sie ihre Erwerbungen finanzierten, brachte die Professoren endgültig auf bekanntes Analystengebiet.

Schlösser mit 36 Zimmern

Schlösser mit 36 Zimmern

"Die herrschende Meinung ist, dass Manager tendenziell eher geneigt sind, Aktien der eigenen Firma zu verkaufen, wenn die Geschäftsaussichten des Unternehmens schlechter werden. Wir schauten uns deshalb an, ob und wann die Manager auch Aktienbestände ihrer eigenen Firmen zur Finanzierung ihrer Häuser einsetzten", sagt Arizona-State-Professor Crocker Liu.

Damit hatten die beiden Forscher die etablierte Wall-Street-Analystenschar endgültig für sich eingenommen. Die 40 Seiten umfassende Analyse der Wirtschaftsforscher avancierte binnen weniger Tage zur begehrtesten und am häufigsten gelesenen Studie - und die ersten Analysten schauten sich mit einem scheuen Blick tatsächlich einmal die Häuser der Topmanager näher an. Das lohnte sich auch optisch, denn über mangelnde Beinfreiheit müssen sich offenbar weder die vergleichsweise bescheidenen amerikanischen Manager noch die prunksüchtigen klagen.

Mittelgroße Chefvillen weisen in Amerika elf Wohnräume sowie gut vier Bäder auf, haben Yermack und Liu ermittelt. Die Firmenlenker und ihre Familien nennen 520 Quadratmeter Wohnfläche und ein 5050 Quadratmeter großes Gründstück ihr Eigen. Wie, werden Sie jetzt vielleicht fragen, sehen dann die großen Anwesen der S&P-500-Firmenlenker aus?

Yermack und Liu wissen die Antwort. Es sind gepflegte Kleinode mit bis zu 36 Wohnräumen, zwölf Bädern und 1800 Quadratmetern Wohnfläche, die eben noch eine Spur mehr Bewegungsmöglichkeit bieten. Ihre Gärten sind von Landschaftsgenies formal gestaltet worden, und die Könige unter diesen Residenzbesitzern kriegen auf ihrem Managergrundstück noch einen Golfplatz unter. Den großen 18-Loch-Parcours, versteht sich. Hatten wir den obligatorischen Seeblick oder eigenen Strandzugang erwähnt?

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