Thilenius-Kolumne Der Rubel rollt nach Westen

Russisches Kapital expandiert in westeuropäische Unternehmen. Für Anleger bietet die Einkaufstour der Oligarchen große Chancen. Sie können sich an die Fersen der reichen Russen heften.

In den letzten Tagen haben zwei Meldungen Schlagzeilen gemacht, die für langfristige Anleger sehr interessante Möglichkeiten eröffnen. Zwei russische Unternehmer haben sich in europäische Unternehmen eingekauft und damit neue Perspektiven geschaffen.

Der Unternehmer Vekselberg ist zusammen mit österreichischen Partnern beim Schweizerischen Industriekonzern Sulzer  mit etwa 32 Prozent eingestiegen. Das interessanteste Geschäft von Sulzer mit einem Umsatzanteil von etwa 50 Prozent sind Pumpen für die Ölindustrie. Dieser Geschäftsbereich profitiert ohnehin von der sehr guten Konjunktur in der Erschließung neuer Lagerstätten weltweit.

Der Einstieg eines russischen Investors mit erstklassigen Verbindungen in einem Land, in dem sehr viele Geschäftsmöglichkeiten auf persönlichen Verbindungen beruhen, eröffnet große neue Möglichkeiten für Sulzer. Nicht, dass Sulzer bisher etwas versäumt hätte, aber ein großer und bestens verdrahteter russischer Anteilseigner ist schon etwas Besonderes.

Für den nächsten Quartalsbericht darf sich der Anleger allerdings noch keine großen Hoffnungen auf sensationelle Umsatzzuwächse machen. So schnell bewegen sich die Verhältnisse auch in Russland nicht. Ebenso ist es viel zu früh, die Ertragsprognosen für das Gesamtjahr oder auch 2008 anzuheben. Zunächst müssen neue Aufträge ausgehandelt werden und dann können die zusätzlichen Gewinne in die Ertragsprognosen eingehen. Ein geduldiger Anleger kann hier mit einer Zeitperspektive von etwa ein bis zwei Jahren vermutlich gut verdienen.

Dieselbe Investorengruppe ist auch vor längerer Zeit schon beim Maschinenbaukonzern Oerlikon eingestiegen. Dies ist dem Oerlikon-Kurs  übrigens auch nicht schlecht bekommen. Daher gilt auch ein Zusammenschluss von Sulzer und Oerlikon als später einmal denkbare Möglichkeit.

Auf der Lauer bei Strabag

Auf der Lauer bei Strabag

Die zweite russische Investition in europäische Unternehmen lässt sich mangels Börsennotiz noch nicht zum Aktienkauf nutzen. Die Aufnahme der Notiz ist jedoch nur eine Frage der Zeit. Das IPO war schon in den Startlöchern, da kam ein großer anderer. Interessierte Anleger können sich dennoch schon auf die Lauer legen. Die Rede ist von der österreichischen Strabag-Bauunternehmung.

Dort ist der russische Unternehmer Oleg Deripaska eingestiegen und hat eine große Kapitalerhöhung gezeichnet. Die Deripaska-Gruppe baut unter anderem in Russland Wohnungen, was wegen der großen Temperaturschwankungen von plus 45 Grad im Sommer auf minus 45 Grad im Winter eine sehr anspruchsvolle Tätigkeit ist. Die Spezialisierung von Strabag ist Industriebau und Straßenbau. Auch hier ist es eine Frage der wahrscheinlich nicht langen Zeit, bis Deripaska der Strabag neue Türen in Russland öffnet.

In nicht allzu ferner Zeit ist das jetzt verschobene Strabag-IPO zu erwarten. Hier heißt es dann ganz genau den Prospekt zu studieren. Daraus wird sich ergeben, wie viel Prozent der Bauleistung in Russland erbracht wird. Das russische Geschäft ist wesentlich riskanter, aber auch wesentlich lukrativer als das europäische. Mutige Investoren haben hier interessante Chancen.

Dieses Strabag-IPO hat nichts mit der deutschen Strabag AG  zu tun. Diese ist eine Tochtergesellschaft der österreichischen Strabag-Holding. Ob und inwieweit die bereits börsennotierte deutsche Strabag von russischen Aufträgen profitieren wird, kann auch mit den besten prognostischen Fähigkeiten nicht beurteilt werden. Der vorsichtige Anleger sollte auf das IPO der österreichischen Gesellschaft warten.

In einer vergleichbaren Situation hat das Scheichtum Kuwait in den 1970er Jahren die Gunst der Stunde ergriffen und Beteiligungen an der damaligen Daimler-Benz AG und der damaligen Hoechst AG günstig gekauft. Natürlich können wir den Zusammenhang nicht beweisen, aber wer heute in den Ländern des Nahen Ostens unterwegs ist, mag schon über die relativ hohe Anzahl von Mercedes-Pkw und insbesondere -Lkw staunen. In Russland könnte es mit Sulzer und Strabag ähnlich ausgehen.

Dr. Georg Thilenius ist geschäftsführender Gesellschafter der Dr. Thilenius Management GmbH in Stuttgart und Berater des Challenger Global Four Fonds . Das Unternehmen unterliegt der Bafin. Im Fonds sind Sulzer-Aktien enthalten.