Siemens Kleinfelds Messlatte

"Hervorragend", "Superleistung". Analysten sind für den scheidenden Siemens-Chef voll des Lobes. Die Zukunft des Konzerns sehen sie positiv - auch ohne Klaus Kleinfeld. Grund zum Groll hätte der Manager. Doch er gönnt sich lediglich einen Anflug von Wehmut. Auch daran wird sich sein Nachfolger messen lassen müssen.

Hamburg - Als Klaus Kleinfeld am Donnerstag vor die Kameras tritt, kann sein gewohnt jugendliches Lächeln die Anspannung der letzten 16 Stunden kaum verschleiern. Mit aufrechter Haltung, aber müden Augen präsentiert er sich dem Blitzlichtgewitter. Die Hände sind fest aneinander gedrückt. Er ist gekommen, um hervorragende Zahlen eines Unternehmens näher zu erläutern, das er künftig nicht mehr führen wird, dessen Aufsichtsrat ihn Tage zuvor durch Indiskretionen demontiert und ihm damit den Hut in die Hand gedrückt hat. "Ein unglaublicher und in der Siemens-Geschichte einmaliger Vorgang", sagen selbst hartgesottene Analysten.

Grund zu öffentlich geäußertem Unmut hätte der kontrolliert wirkende Manager allemal. Aber das ist nicht sein Stil. Allenfalls einen Anflug von Wehmut gönnt er sich und den Heerscharen von Journalisten. Er bedaure es, ein Unternehmen verlassen zu müssen, "das so ein wichtiger Teil meines Lebens in den letzten 20 Jahren war", sagt der 49-Jährige. Und die Entscheidung sei ihm nicht leicht gefallen. "Aber so ist es halt."

In den Worten schwingt zugleich Erleichterung mit, denn der Mann hat sein Versprechen gehalten, die zum Dienstantritt vor gut zwei Jahren gesetzten wirtschaftlichen Ziele erreicht.

Und als hätte man ihm den Führungsstab nicht schon längst aus der Hand genommen, setzt Kleinfeld an diesem Tag noch einen drauf, hebt die Margen- und Renditeziele des Konzerns für die kommenden Jahre kurzerhand kräftig an. "Für jemanden der gerade gekündigt hat, ist es schon sehr ungewöhnlich, so zu tun, als ob die Sache einfach so weiterläuft", merkt ein Beobachter im Gespräch mit manager-magazin.de an.

Eine kleine Gemeinheit zum Schluss?

Ist sie das doch, die kleine Gemeinheit zum Schluss? Schließlich muss Kleinfeld nicht mehr dafür geradestehen, wenn sein Nachfolger patzt und die heute gesetzten Marken nicht erreicht.

Analysten winken ab. "Ich sehe da keine Bösartigkeit. Diese Ziele sind über Monate von einem Stab von Menschen ausgearbeitet worden und werden heute schlicht präsentiert", sagt Theo Kitz von Merck Finck. Für Stefan Schöppner von der Dresdner Bank sind die neuen Vorgaben zwar "ambitioniert, aber nicht unerreichbar". Auch er schließt aus, dass Kleinfeld seinem potenziellen Nachfolger damit das Leben bewusst schwer machen wolle.

Ein Nachfolger für Kleinfeld ist noch immer nicht in Sicht. Es wird zwar viel spekuliert, aber sogleich knallhart dementiert, zum Beispiel, dass der neue Aufsichtsratschef Gerhard Cromme vorübergehend Kleinfelds Job ausfüllen könnte. Das wäre auch keine gute Idee, meint Schöppner. Bei der Suche nach einem geeigneten Nachfolger sollte Siemens  eine lange Hängepartie vermeiden und schnell Klarheit schaffen. Ein Übergangskandidat würde die Investoren nur verunsichern. "Der Markt will eine klare Perspektive, und dazu gehört auch ein Kandidat mit einer längerfristigen Perspektive", sagt der Analyst der Dresdner Bank.

Analysten erwarten kein Führungschaos

Analysten erwarten kein Führungschaos

Kurzfristig dürfte der spektakuläre Abgang des offiziell noch bis September amtierenden Vorstandschefs das Unternehmen belasten, heißt es auch von anderen Analysten. Denn Kleinfeld genieße durch seine geleistete Arbeit ein hohes Ansehen im Kapitalmarkt. "Insofern ist sein Abgang zu bedauern", sagt Schöppner.

Von einem drohenden Führungschaos an der Spitze des Konzerns will er aber ebenso wenig sprechen wie der Kollege von Merck Finck. Denn so unerfreulich die Begleitumstände von Kleinfelds Abgang auch seien, man müsse davon ausgehen, dass im Hintergrund eine Nachfolgediskussion bereits längst geführt werde. "Alles andere wäre aus meiner Sicht grob fahrlässig", sagt Schöppner.

Allzu lange werde der Markt vermutlich nicht auf den neuen Siemens-Chef warten müssen. "Ich schätze die Situation so ein, dass wir womöglich schon in ein paar Wochen einen neuen Vorstandsvorsitzenden bei Siemens  sehen werden", ist der Experte der Dresdner Bank überzeugt. Auf einen möglichen Nachfolger will sich jedoch keiner der Analysten festlegen.

"Das ist eine Superleistung"

Es mag an diesem Tag wie Balsam für Kleinfeld wirken, dass der Markt trotz der Führungswirren an der Konzernspitze seine Leistung mit kräftigen Aktienkäufen honoriert und die neuen Ziele nicht für aus der Luft gegriffen hält: Nach zunächst schwachem Start verbuchte die Siemens-Aktie im Handelsverlauf ein Plus von mehr als 2 Prozent.

"Das ist das Bild, von dem wir alle geträumt haben", sagt Kleinfeld. Die Renditeziele seien auf allen Ebenen erreicht worden. In dem Konzern seien "tolle Teams am Werk". Sie hätten unter Beweis gestellt, dass der breit aufgestellte Konzern "auf allen Zylindern performen" könne.

Für das abgelaufene Quartal finden die Analysten dann auch nur lobende Worte. "Hervorragend", sagt Schöppner. "Das ist eine Superleistung, das hätte ich nicht erwartet", meint auch Kitz. Beide Analysten empfehlen die Aktie zum Kauf. Das Geschäft "läuft sehr, sehr gut", sagt Kitz. Und dabei dürfte es nach Einschätzung der Experten vorerst auch bleiben. Dies zeigten nicht zuletzt die Auftragseingänge.

"Siemens kann Strafen verkraften"

"Siemens kann Strafen verkraften"

An dem positiven Ausblick für Siemens  werde sich auch durch Kleinfelds Weggang nichts ändern, sagt Kitz. "Die Restrukturierungsprogramme sind aufgelegt. Jeder Mitarbeiter weiß, was er zu tun hat." Und es sei nicht ersichtlich, warum ein neuer Vorstandschef personell in die einzelnen, sehr erfolgreich laufenden Bereiche eingreifen sollte. Laut Merck Finck dürfte Siemens die Märkte auch in den kommenden Quartalen überzeugen.

Sicherlich werde ein neuer Vorstandschef versuchen, eigene Akzente zu setzen, sagt Schöppner. Insofern seien die von Kleinfeld ausgegebenen Ziele "nicht in Stein gemeißelt." Sie seien aber eine Benchmark, die ein Nachfolger nicht gänzlich ignorieren könne, dafür werde der Druck des Kapitalmarktes schon sorgen. "Dieser Druck ist auch bei Siemens so hoch, dass ein Vorstand nicht mehr so autark agieren kann wie vielleicht noch vor fünf Jahren", sagt Schöppner.

Erheblicher Druck für den Konzern baut sich indes auf der anderen Seite des Atlantiks auf. Die US-Börsenaufsicht hat im Zusammenhang mit den Schmiergeldzahlungen bei Siemens ihre Ermittlungen gegen das Unternehmen verschärft und jetzt eine formelle Untersuchung eingeleitet. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, drohen Siemens Strafzahlungen in dreistelliger Millionenhöhe, sagen Insider.

Über die möglichen Konsequenzen gehen indes die Meinungen auseinander. Für Analyst Kitz kommt die Entwicklung zwar "nicht unerwartet". Den Strafzahlungen an die SEC könnten sich jedoch Sammelklagen anschließen, und dann dürfte die Affäre für Siemens in den USA "noch richtig teuer werden".

Schöppner von der Dresdner Bank sieht dem sich in New York zusammenbrauenden Unheil gelassener entgegen. Strafzahlungen in dreistelliger Millionenhöhe oder mehr hörten sich zwar drastisch an, dürften Siemens aber nicht dauerhaft belasten. "Siemens kann das verkraften. Man wird diese Zahlungen in einem Quartal verbuchen, und danach ist die Sache im Kapitalmarkt vergessen", sagt der Analyst. Selbst bei sich anschließenden Sammelklagen in den USA seien Siemens' Zukunftsperspektiven damit nicht nachhaltig getrübt.

Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.