Konjunktur Der deutsche Konter

Spanien begeistert mit hohem Wirtschaftswachstum. Daher glaubten Ökonomen bisher, dass die Südeuropäer den Wohlstandsvorsprung der Bundesbürger bald ausgleichen werden. Doch die Deutschen haben in nur einem Jahr den gesamten Wohlstandsgewinn wettgemacht, den die Spanier in fünf Jahren zuvor erwirtschaftet haben. Jetzt gehen die Deutschen sogar in Führung.
Von Karsten Stumm

Düsseldorf - José Luis Rodríguez Zapatero ist ein stolzer Mann. Er hat es zum spanischen Ministerpräsidenten gebracht. Und er regiert ein Land, auf dessen Wirtschaftsentwicklung die Deutschen bald mit Neid blicken werden, sagte Zapatero der spanischen Tageszeitung "El País". Schließlich würden Spaniens Bürger schon in zwei bis drei Jahren eine höhere Wirtschaftsleistung pro Kopf erwirtschaften als die Deutschen. "Wir packen sie uns", sagte er den verdutzten "El País"-Journalisten.

Soweit ist es noch nicht, Deutschland hat ein außergewöhnliches Comeback geschafft. Zwar gelang es den Unternehmen des südeuropäischen Staates seit dem Jahr 2001 stets so kräftig zuzulegen, dass Spanien im europäischen Vergleich zur Spitze der Konjunkturlokomotiven vorrücken konnte. Und mit Wachstumszahlen zwischen 2,7 und 3,9 Prozent ließ Spanien die Bundesrepublik mit ihrer lange Zeit mickrigen Wirtschaftsentwicklung auch tatsächlich weit hinter sich; nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) schrumpfte die Wirtschaft hierzulande beispielsweise im Jahr 2003 um 0,2 Prozent, Spaniens Volkswirtschaft aber habe im gleichen Jahr um 3 Prozent zugelegt.

Doch ein einziges Jahr hat alles verändert.

Die Bundesbürger haben in den zwölf vergangenen Monaten den gesamten finanziellen Vorsprung der Spanier wettgemacht, den die in den fünf Jahren zuvor erwirtschaftet haben. Dank des hiesigen Wirtschaftswachstums von zuletzt 2,7 Prozent trieben die Bundesbürger ihre Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung im Jahr 2006 auf 26.544 Euro, hat der IWF errechnet. Das reichte, um die hunderte Euro mehr als wett zu machen, die Spaniens Bürger zuvor gegenüber den Deutschen seit dem Jahr 2001 gut gemacht hatten.

Auch der Kaufkraft-Vergleich spiegelt den wirtschaftlichen Erfolg wider, auf den die Bundesbürger so viele Jahre gewartet haben. Nach Meinung der IWF-Experten hat jeder Deutschen am Ende des Vorjahres rechnerisch eine Kaufkraftleistung von 31.095 Euro zustande gebracht; das sind umgerechnet 1545 Euro mehr als im Jahr 2005. Spaniens Bürger mussten sich dagegen mit 27.522 Euro begnügen, sofern sich die Währungsfonds-Ökonomen nicht verrechnet haben. Das aber entspräche nur einem Pro-Kopf-Plus in Höhe von 1226 Euro gegenüber 2005.

Deutlich wird durch diesen Vergleich noch mehr. Die Bundesbürger haben nicht nur mit einem einzigen guten Jahr die kontinuierlich gute fünfjährige Wirtschaftsentwicklung Spaniens mehr als ausgeglichen. Sie gehen jetzt auch noch in Führung - und das mit zunehmendem Tempo.

Wachstum wächst weiter

Wachstum wächst weiter

Sofern die IWF-Experten Recht behalten, werden die Bundesbürger ihren Pro-Kopf-Kaufkraftvorsprung bis Ende dieses Jahres um weitere 352 Euro ausbauen, bis Silvester 2008 könnten sie die Differenz um zusätzliche 920 Euro erweitern (siehe Grafik). Besser noch: Die Chance auf noch mehr ist nicht schlecht, denn die Währungsfonds-Ökonomen kalkulierten zuletzt mit vorsichtigen Wachstumsprognosen für Deutschland.

So erwarten sie etwa für das Jahr 2007 nur ein Wirtschaftsplus von 1,8 Prozent hierzulande. Dagegen sind Deutschlands Wirtschaftsforscher weit zuversichtlicher für die deutsche Konjunktur gestimmt: Die bedeutendsten Wirtschaftsforschungsinstitute hierzulande haben ihre Gemeinschaftsprognose heute auf ein Wachstumsplus von 2,4 Prozent hochgeschraubt. Das besonders optimistische Kieler Institut für Weltwirtschaft hält sogar einen Zuwachs von 2,8 Prozent für möglich - das ist ein ganzer Prozentpunkt mehr als die IWF-Experten annehmen.

Spaniens selbstbewusstem Ministerpräsidenten Zapatero wird deshalb wohl nicht gelingen, was er Spaniens Bürgern zuvor als Kleinigkeit in Aussicht stellte: "Das Manöver, Deutschland zu überholen, wird leicht fallen", sagte er den spanischen Journalisten. Doch Deutschlands Konter ist offenbar erfolgreicher als von ihm gedacht, und er scheint kein einmaliges Aufbäumen gewesen zu sein.

"Die Lage hierzulande ist noch besser als in den Wochen zuvor gedacht. Nach der Delle im Januar und Februar hat Deutschlands Volkswirtschaft wieder Schwung geholt, wobei sie zuvor eigentlich gar nicht viel Schwung verloren hatte. Deutschland wächst weiter sehr robust", sagt Dirk Schumacher, Chefvolkswirt der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs für das deutsche Wirtschaftsgebiet.

Zudem ist die wirtschaftliche Basis der bedeutendsten Volkswirtschaft Europas so groß, dass selbst geringere prozentuale Wachstumsraten ausreichen, um die höhere Wachstumsgeschwindigkeit kleinerer Staaten mehr als wett zu machen.

Verlorenes Terrain

Verlorenes Terrain

Allerdings kam den Bundesbürgern zuletzt auch ein rechnerischer Effekt zur Hilfe. Denn während die Bevölkerungszahl hierzulande seit dem Jahr 2001 bei gut 82 Millionen stagniert, stieg die Einwohnerzahl Spaniens im gleichen Zeitraum um etwa vier Millionen oder 10 Prozent auf rund 44 Millionen. Somit verteilte sich das spanische Wirtschaftswunder der vergangenen fünf Jahre auf mehr Menschen, so dass jeder einzelne Spanier rechnerisch weniger schnell vorangekommen ist.

Doch auch dieser statistische Effekt ändert nichts daran, dass die Bundesbürger wirtschaftlich wieder Tritt gefasst haben. "Der Aufschwung in Deutschland ist stark und robust", errechnete Hans-Werner Sinn erst kürzlich, Chef des Münchener Ifo-Wirtschaftsforschungsinstituts. Einzig das Tempo ihres Aufholprozesses wirkt weniger rasant, diese Daten eingerechnet. Von Hochkonjunktur kann hierzulande deshalb nicht gesprochen werden, das zeigt auch der Vergleich mit Irland, Europas Meister in Sachen Wachstum.

Die Deutschen können mit dem Tempo der Iren noch immer nicht mithalten. Nach Meinung der IWF-Experten bauen die Inselbewohner ihren Wohlstandsvorsprung vor den Bundesbürgern sogar weiter aus, trotz des kräftigen Aufholprozesses hierzulande. Schon jetzt erwirtschaftet jeder Ire rechnerisch eine jährliche Kaufkraft von 44.087 Euro, Bundesbürger kommen dagegen schon heute auf 12.991 Euro weniger. Und bis zum Ende des Jahres 2008 werden die Iren ihren Kaufkraftvorsprung wohl auf dann 16.593 Euro ausbauen, so der IWF.

Darüber allerdings müssen sich die Bundesbürger nicht grämen. Nach Expertenmeinung nähert sich das Wirtschaftswachstum der beiden Nationen erstmals seit vielen Jahren wieder an. Die Iren müssen sich nach Angaben des Internationalen Währungsfonds wohl im Jahr 2008 mit einem Plus von etwa 3,7 Prozent zufrieden geben; für irische Verhältnisse nicht gerade üppig, im Jahr 2006 legte die Inselwirtschaft noch um 6,0 Prozent zu. Deutschland dagegen wird sein Wachstum nach Einschätzung der meisten deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute bei 2,4 Prozent stabilisieren können.

So nahe kamen die deutschen den Iren zwar schon lange nicht mehr. Doch von einem Konter wie gegen Spanien entfernen sich die Bundesbürger immer weiter. Der würde allerdings auch durch das deutlich höhere Ausgangsniveau der Iren schwierig, so, wie Deutschlands Wohlstandsvorsprung zuletzt den Spaniern zu schaffen machte. Vielleicht bessert das die Laune des spanischen Ministerpräsidenten Zapatero ein wenig auf.

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