Lanxess "Klares Interesse an Degussa"

Die Bayer-Abspaltung Lanxess hat die Wende geschafft. Der Chemiekonzern hat nun sogar die Kraft, Milliarden für Zukäufe auszugeben. Lanxess-Chef Axel Heitmann sagt im Gespräch mit manager-magazin.de, welche Firmen gut zu Lanxess passen würden und wie viele Jobs durch die jüngste Tariferhöhung jetzt gefährdet sind.
Von Karsten Stumm

mm.de: Herr Heitmann, vor zweieinhalb Jahren wurden Sie von 3000 Leuten ausgepfiffen, als Sie Ihre Mitarbeiter informierten, zwei Drittel aller Lanxess-Gesellschaften seien unprofitabel. Wie viele sind es jetzt?

Heitmann: Etwa 20 Prozent sind noch unter Wasser, aber 60 Prozent profitabel. Das zeigt die Gesundung des Unternehmens, aber auch, was unser Programm für die kommenden Jahre ist - auch, wenn wir zuletzt erstmals in der Firmengeschichte einen Überschuss in Höhe von 197 Millionen Euro in der Kasse hatten, nachdem 2005 noch ein Minus von 63 Millionen Euro angefallen war ...

mm.de: ... und Sie deshalb für 2006 eine Dividende in Höhe von 25 Cent pro Aktie zahlen wollen. Das ist aber nicht mehr als eine Geste, oder?

Heitmann: Es ist ein Symbol dafür, dass es gelungen ist, mit Lanxess  einen neuen Namen für Chemie in Deutschland und in der Welt zu positionieren.

mm.de: Der Name könnte bald auch für eine gewisse Größe stehen, denn Sie haben jetzt sogar Spielraum für Zukäufe. Wie viel Geld haben Sie dafür zur Verfügung?

Heitmann: Das hängt immer von den Übernahmezielen ab. Aber unter Ausschöpfung der verschiedensten Finanzierungsmöglichkeiten und kleinerer Firmenverkäufe könnten wir Zukäufe in Höhe mehrerer Milliarden Euro stemmen.

mm.de: Haben Sie ein Unternehmen im Auge, das Sie besonders interessiert?

Heitmann: Erstmal ist uns wichtig, dass wir der aktive Part in solchen Geschäften sein wollen, und dass wir ein weiteres großes Chemieunternehmen in Deutschland schaffen wollen.

mm.de: Mit welcher Übernahme wäre das möglich?

Heitmann: Sollte die Möglichkeit bestehen, die Degussa  zu kaufen, wäre ich daran interessiert.

mm.de: Das ist ein gehöriger Brocken, mehr als zehn Milliarden Euro schwer.

Heitmann: Lanxess fühlt sich stark genug, auch für ein Unternehmen dieser Größe zu bieten.

Keine Jobgarantie nach Tariferhöhung

mm.de: Und dann ist die Degussa derzeit fester Bestandteil des Börsenplans der RAG. Wie wollen Sie an Degussa herankommen?

Heitmann: In den vergangenen Jahren sind schon zu viele Chemieunternehmen in der Bundesrepublik übernommen worden, die jetzt vom Ausland aus geleitet werden. Sollten wir deshalb gefragt werden, ob wir mit Degussa Verantwortung für den Chemiestandort Deutschland übernehmen wollen, würde ich diese Frage klar mit "Ja" beantworten.

mm.de: Nur macht sich ausgerechnet Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) für den Börsengang der RAG stark, um einen großen Ruhrgebietskonzern zu erhalten. Das aber schließt das Herauslösen der Degussa aus der RAG und deren Verkauf an Lanxess doch aus, oder?

Heitmann: Da haben Sie recht. Daher stellt sich mir die Frage nicht konkret. Aber ich sage zu unserem Ministerpräsidenten: Lanxess fühlt sich gegebenenfalls stark genug, in die Bresche zu springen - und einen Chemie-Dax-Konzern mit starken Wurzeln in Nordrhein-Westfalen entstehen zu lassen, der unter den weltweit zehn größten Chemiefirmen überhaupt rangieren würde.

mm.de: Welche Zukaufmöglichkeiten stellen sich Ihnen denn dann konkret? RAG-Chef Müller will jetzt die Rütgers Chemical zum Kauf anbieten. Hat Lanxess Interesse?

Heitmann: Da kann ich nur kurz und knapp antworten: kein Kommentar.

mm.de: Ist ein großer Zukauf denn jetzt überhaupt noch sinnvoll, nachdem Lanxess seit der Lohnrunde vor wenigen Tagen deutlich höhere Gehälter zahlen muss? Sie wollten bisher doch stets Ihre Kostenseite erheblich verbessern, bevor überhaupt an anderes gedacht werden sollte.

Heitmann: Die Tariferhöhung führt bei uns in der Tat zu einer Mehrbelastung. Und wir werden erhebliche Anstrengungen unternehmen müssen, um diese Mehrbelastungen zu kompensieren. Das wird uns allerdings auch gelingen, deshalb sind auch Zukäufe weiterhin vertretbar.

mm.de: Werden Sie Leute entlassen, um die Tariferhöhungen auszugleichen?

Heitmann: Darauf wird es nicht unmittelbar hinauslaufen. Auch Programme zur Effizienzsteigerung sind denkbar.

mm.de: Das hört sich für Ihre Angestellten am Heimatstandort Leverkusen nicht nach einer Jobgarantie an. Und dabei arbeiten auf den 3,4 Quadratkilometern, die das Bayer- und Lanxess-Gelände umfasst, nur noch 19.000 Menschen. Vor einigen Jahren waren es noch 40.000.

Heitmann: Jobgarantien kann ich nicht geben, nur den Weg begleiten, wie wir international wettbewerbsfähiger werden. Dazu haben wir beispielsweise kräftig in moderne Anlagen und Arbeitsplätze investiert, und stehen auch jetzt wieder davor. Das ist meiner Meinung nach die beste Möglichkeit, um unseren Angestellten langfristig ein Zuhause bei Lanxess zu bieten.

Investitionen in Leverkusen überdacht

mm.de: Die Tariferhöhungen ändern nichts an Ihrem Plan, 50 Millionen Euro in Anlagen in Leverkusen zu stecken?

Heitmann: Wir haben unser Investitionsbudget für 2007 deutlich erhöht im Vergleich zu 2006, und ein Großteil des Geldes wird den Standorten hierzulande zugute kommen. Die Entscheidung, eine große Summe in Leverkusen zu investieren, ist aber noch nicht gefallen - auch aufgrund der Tariferhöhung. Grundsätzlich wollen wir an unserem Investitionsprogramm aber festhalten.

mm.de: Auch dann, wenn die derzeit gute Chemiekonjunktur bald kippen würde?

Heitmann: Auch dann. Aber ich rechne gar nicht damit. Im Gegenteil, dieses und auch kommendes Jahr sollten erneut gute Jahre für die Chemieindustrie werden.

mm.de: Reicht der Rückenwind um die beiden besonders gefährdeten Lanxess-Geschäftsbereiche profitabel zu machen, die Feinchemiesparte "Saltigo" und das ABS-Geschäft? Beide Unternehmensbereiche sind weit von Ihrer eigenen Gewinnmargenvorgabe von 5 Prozent entfernt.

Heitmann: So gut könnte die Konjunktur kaum werden, wie wir es bräuchten, um unser ABS-Geschäft allein flottzubekommen. Und das, obwohl wir schon große Fortschritte erzielt haben. Aber wir müssen in diesem Bereich erkennen, dass wir dafür starke Partner brauchen, die das nötige Investitionsvolumen gerade im asiatischen Markt mittragen können. Allein schaffen wir das nicht.

mm.de: Suchen Sie ausschließlich Partner aus dem Chemiegeschäft? Oder können Sie sich auch eine Beteiligung von Finanzinvestoren vorstellen?

Heitmann: Da sind wir noch nicht festgelegt. Mir scheint, dass es weniger wichtig ist, wer sich beteiligt. Sondern vielmehr, wie groß die gemeinsamen Erfolgschancen wären.

mm.de: Bestehen Sie auf der wirtschaftlichen Führung, wenn Sie nach einem Partner für die Geschäftszweige suchen?

Heitmann: Nein. Entscheidend ist, dass das Geschäft gestärkt wird.

mm.de: Bis wann werden Sie eine Entscheidung getroffen haben?

Heitmann: Innerhalb dieses Jahres. Wir prüfen bereits, welche Möglichkeiten wir für die Geschäftssparte Lustran Polymers haben. Bis dahin versuchen wir selbst, noch besser zu werden. Denn es ist immer gut, möglichst stark in solche Partnerverhandlungen zu gehen.

mm.de: Wie viele Lanxess-Angestellte wären betroffen?

Heitmann: Weltweit arbeiten in der Sparte Lustran Polymers rund 1600 Mitarbeiter, davon etwa 180 in Deutschland.

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