Goldman-Sachs-Kolumne Viel Lärm um Nichts?

Die vergangenen Börsenwochen waren turbulent. Nachdem in Shanghai Ende Februar der Aktienmarkt einbrach, kam es zu heftigen Kursbewegungen an den meisten Finanzmärkten. Doch was ist davon eigentlich geblieben?
Von Dirk Schumacher

Der gemeinsame Nenner dieser Kursbewegungen war ein plötzliches Nachlassen des Risikoappetits der Investoren rund um den Globus. So erhöhte sich beispielsweise die Risikoprämie für Unternehmensanleihen stark. Und auch die sogenannten Carry Trades kamen stark unter Druck; das sind Devisengeschäfte bei denen Geld in Ländern mit niedrigem Zinsniveau geliehen und in Ländern mit hohem Zinsniveau angelegt wird.

Es waren nicht unbedingt Neueinschätzungen der konjunkturellen Lage, die zu den Marktbewegungen geführt haben. Zumindest kann man damit viele Kursbewegungen nicht erklären. Amerikanische Wachstumsaktien zum Beispiel, die besonders zyklisch reagieren, haben sich im Vergleich zu anderen Titeln gut geschlagen.

Mittlerweile hat sich die Lage an den Märkten wieder deutlich beruhigt und es stellt sich die Frage, was sich denn nun außer einem kurzfristigen Anstieg der Volatilität geändert hat?

Zum einen ist das Risikobewusstsein unter den Investoren nun trotz der eingetretenen Beruhigung immer noch höher als etwa Mitte Februar. Beispielsweise ist der Risikoaufschlag für Unternehmensanleihen in Europa immer noch über dem Niveau von Ende Februar. Dieses geschärfte Risikobewusstsein ist für sich genommen positiv. Eine zu große Sorglosigkeit an den Finanzmärkten birgt immer die Gefahr von Übertreibungen, die letztlich zu schmerzhaften Korrekturen führen.

Eine andere Frage ist, ob die Turbulenzen an den Finanzmärkten Vorbote größerer konjunktureller Probleme sind oder sogar selbst der Auslöser solcher Probleme sein könnten? Hierfür gibt es wenig Anhaltspunkte. Das globale Konjunkturbild bleibt nach wie vor intakt.

Zwar entwickelt sich das Wachstum in den USA in den vergangenen Quartalen eher lustlos, und Amerikas Immobiliensektor schwächelt immer mehr. Dieses sind aber keine überraschenden Entwicklungen, sondern war von vielen erwartet worden, einschließlich unserer Kollegen in den USA. Auch die Verschärfung der Situation im so genannten Subprime-Bereich der Hypothekenfinanzierung, die ebenfalls Auslöser der Turbulenzen war, sieht bei näherer Betrachtung weniger gefährlich aus als vermutet.

Außerhalb der USA bleibt das Wachstum zudem robust. Weder in Asien noch in Europa gibt es Anzeichen für eine Abkühlung der Konjunktur - sieht man in Deutschland einmal von der Wachstumsdelle im ersten Quartal in Folge der Mehrwertsteuererhöhung ab. Es gibt also aus fundamentaler Sicht wenige Gründe, warum die Turbulenzen an den Finanzmärkten der Vorbote größerer konjunktureller Verwerfungen sein könnten.

Es spricht auch wenig dafür, dass die Turbulenzen und das erhöhte Risikobewusstsein der Investoren dem realen Teil der Weltwirtschaft dauerhaften Schaden zufügen könnten. Auch ein Überspringen der Probleme des US-Immobiliensektors auf die Kreditmärkte für Unternehmen ist unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, dass die Bilanzen des Unternehmenssektors in fast allen Ländern in sehr guter Verfassung sind.

Obwohl es also keine Anhaltspunkte für eine spürbare Abkühlung der Weltkonjunktur gibt, kann sich das Wachstum in den USA natürlich dennoch stärker abschwächen, als wir dies erwarten und damit auch die Konjunktur in anderen Ländern belasten. Solange aber die Geldpolitik mit Zinssenkungen gegensteuern kann, bleibt das Risiko beschränkt. Dies bedeutet aber, dass die größte Gefahr für die Weltwirtschaft von einer negativen Überraschung bei der Inflation ausgeht.

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