Bankenfusion 47 Millionen Kunden, 160 Milliarden Börsenwert

Die britische Barclays Bank und die niederländische ABN Amro passen gut zusammen, sagen Analysten. Sollten die beiden Banken fusionieren, entstünde ein wahrer Finanzgigant. Weitere Fusionen in Europa schließen die Experten nicht aus. Deutsche Banken blieben aber außen vor.

Hamburg - Es kommt wieder Bewegung in die europäische Bankenlandschaft, und was sich da abzeichnet, dürfte die Konkurrenz schon angesichts der schieren Größe beunruhigen. Sollten die britische Großbank Barclays  und die niederländische ABN Amro  tatsächlich fusionieren, entstünde eine Finanzriese mit 47 Millionen Kunden und rund 160 Milliarden Euro Marktkapitalisierung. Das wäre Rang fünf der Weltrangliste. Zum Vergleich: Der deutsche Branchenprimus Deutsche Bank  bringt es auf rund 50 Milliarden Euro Börsenwert.

Nun ist die britische Traditionsbank in der Vergangenheit schon oft mit klangvollen Namen und hochprofitabel arbeitenden Banken in Verbindung gebracht worden. Und Barclays  hat aus seinem Expansionsbestreben in der Vergangenheit auch nie ein Hehl gemacht. Diesmal aber scheint es ernst zu sein, führen die Briten "exklusive" Verhandlungen mit ABN Amro .

Dabei dürfte die jetzt zutage tretende Gesprächsbereitschaft der Niederländer zweifelsohne von aggressiven Hedgefonds wie TCI befördert worden sein, die zuletzt unverblümt eine Aufspaltung der Bank gefordert haben. "ABN Amro ist eine hochinteressante Bank, leidet aber unter dem Problem, dass ihre Einzelteile vermutlich mehr wert sind als das Ganze - das ist ein gefundenes Fressen für Hedgefonds", sagt ein Kenner der europäischen Bankenszene in Gespräch mit manager-magazin.de.

Beide Banken ergänzen sich gut

Einigkeit herrscht gleichwohl unter Experten, dass die sich abzeichnende niederländisch-britische Allianz Sinn macht. Die beiden Banken ergänzten sich sehr gut, und es gebe nur wenig Überschneidungen, sagt zum Beispiel Investmentstratege Jörn Lange von der Dresdner Bank im Gespräch mit manager-magazin.de. Barclays sei stark in Großbritannien und nach dem Erwerb der südafrikanischen Absa zugleich auch größte Bank in Afrika. Sehr gut aufgestellt seien die Briten im Asset Management, Investmentbanking und im Kreditkartengeschäft - Bereiche, die nicht gerade zu den großen Stärken der Niederländer zählen. "Dafür ist ABN Amro stark positioniert in den Retailmärkten der Niederlande, Brasiliens, der USA oder auch Italien", sagt der Experte.

Wo sich Geschäftsbereiche ergänzen und nicht überlappen, lassen sich bekanntlich geringere Kostensynergien heben, die für eine Fusion nicht unbedeutend sind. So gibt es Schätzungen, dass etwa eine Citigroup  bei einer Übernahme der ABN Amro  Synergien in Höhe von 16 Prozent der Kostenbasis von ABN heben könnte, die britische Großbank HSBC  käme auf eine ähnlich hohe Quote. Die Royal Bank of Scotland  oder die spanische Banco Santander  erreichten zwischen 10 und 12 Prozent. Barclays  wiederum könnte lediglich 9 Prozent geschätzte Kostensynergien heben. Gleichwohl halten Experten angesichts des hohen Grads der sich ergänzenden Geschäftsbereiche die niederländisch-britische Kombination langfristig für Erfolg versprechender.

Weitere Konsolidierung nicht ausgeschlossen

Analysten schließen weitere Konsolidierung nicht aus

Sollte es tatsächlich zu der Fusion kommen, schließen Analysten nicht aus, dass dies die Konsolidierung der europäischen Bankenlandschaft erneut antreiben könnte. "Das ist gut möglich", sagt Analyst Lange. Allerdings habe man damit auch schon vor einigen Jahren gerechnet, als die spanische Banco Santander  in Großbritannien eingestiegen war oder zuletzt die italienische Unicredit  die HypoVereinsbank  übernommen hatte. "Eine grenzüberschreitende Fusionswelle ist aber ausgeblieben."

Deutsche Banken dürften bei einer Konsolidierung des europäischen Bankensektors ohnehin eine untergeordnete Rolle spielen, heißt es unter Analysten. Zwar hatten die jüngsten Meldungen einige deutsche Bankenwerte - allen voran Aktien der Commerzbank  - beflügelt. Übernahmen deutscher Banken halten die Experten aber für vergleichsweise unwahrscheinlich.

Die Commerzbank gilt seit Jahren als potenzieller Übernahmekandidat. Deshalb reagiert ihr Aktienkurs auf sich im europäischen Ausland anbahnende Fusionen zumeist sehr sensibel. Und wie andere Experten auch hält Lange die Commerzbank im europäischen Vergleich langfristig gesehen für "wenig überlebensfähig".

Deutsche Banken zu unprofitabel

Allerdings: Auch wenn der Abstand zur Konkurrenz geschrumpft ist, die Commerzbank hinkt in puncto Rentabilität den europäischen Spitzenbanken immer noch hinterher, womit sich die Rendite eines potenziellen Interessenten in jedem Fall verschlechtern würde. So erreichen eine Société Générale , BNP Paribas  und insbesondere auch Banco Santander bereits jetzt eine Eigenkapitalrendite nach Steuern von weit mehr als 20 Prozent. Die vergleichbare Kennziffer der Commerzbank liegt derzeit bei etwa 14 Prozent. Vor allem vor diesem Hintergrund hätten potenzielle Interessenten vor einer Übernahme der Commerzbank in der Vergangenheit immer wieder zurückgeschreckt, heißt es unter Bankanalysten.

"Drei-Säulen-Struktur schreckt ab"

"Drei-Säulen-Struktur schreckt ab"

Mitverantwortlich für die vergleichsweise geringere Rentabilität der deutschen Banken machen die Experten die Drei-Säulen-Struktur des deutschen Bankenmarkts. "Darunter leidet die Rentabilität, das schreckt ausländische Investoren ab", erklärt Konrad Becker von Merck Finck im Gespräch mit manager-magazin.de. Lediglich Banken wie die Deutsche Bank, die den Großteil ihres Ergebnisses im Ausland erzielt, könnten sich diesen Marktbedingungen entziehen, nicht aber eine Commerzbank.

Angesichts dieser Strukturen kämen die deutschen Institute nicht auf den notwendigen Marktanteil im deutschen Geschäft, der eine vergleichbare Rendite ermögliche, meint auch Lange von der Dresdner Bank. Profitablere ausländische Wettbewerber verzeichneten dagegen längst zweistellige Marktanteile in ihren Heimatländern.

Deutsche Bank winkt ab

Stellt sich die Frage nach anderen deutschen Banken. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hatte für sein Haus erst kürzlich einen Zusammenschluss mit einer anderen europäischen Großbank ausgeschlossen. Für ihn komme eine Fusion mit einer europäischen Großbank nicht infrage, da mögliche Partner zu einem Umzug nach Deutschland nicht bereit seien. Und bei der vor allem im Privatkundengeschäft starken Postbank  hat die Deutsche Post als Mehrheitsaktionär mit mehr als 50 Prozent noch den Daumen drauf. "So lange die Post nicht bereit ist, zu verkaufen, passiert da nichts", lautet die einhellige Meinung unter Analysten.

"Der deutsche Bankenmarkt insgesamt wird erst dann für ausländische Interessenten attraktiv, wenn mit hinreichender Sicherheit davon auszugehen ist, dass er sich ändert - sprich die Drei-Säulen-Struktur fällt", erklärt Analyst Becker. Ähnlich sieht man dies bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Mögliche Übernahmeofferten in der kommenden Zeit dürften sich daher eher auf Italien, Holland oder Spanien konzentrieren, mutmaßt LBBW-Analyst Olaf Kayser.

So schnell wie die erneut aufkeimende Fusionsfantasie deutsche Bankentitel am Vortag erfasst hatte, so wenig war davon noch am Dienstag zu spüren. Aktien der Commerzbank  etwa, die am Dienstag noch um mehr als 4 Prozent gestiegen waren, gaben am Dienstagnachmittag wieder nach.