Sturman-Kolumne Stoppt Amerikas Abkassierer

Amerikas Topmanager hat die Gier ergriffen. Selbst wenn ihre Konzerne Milliarden Dollar hohe Verluste einfahren, profitieren sie von üppigen Bonusprogrammen, wie beispielsweise Aktienoptionen. Dagegen müssen die Aufsichtsräte und der Gesetzgeber etwas unternehmen.
Von Deborah Sturman

Aktuelle Studien decken auf: Seit Mitte der 70er Jahre stieg die mittlere Vergütung der jeweils drei höchstbezahlten Manager von öffentlich gehandelten US-Unternehmen von 850.000 auf 4,35 Millionen Dollar. Und jetzt scheinen die Europäer nachzuziehen.

Die viel besprochenen Bezüge 2006 der Manager der Deutschen Telekom zeigen bereits, mit welcher Selbstverständlichkeit extrem hohe Vergütungen trotz ausbleibenden Unternehmenserfolgs ausgezahlt werden. Doch bevor US-Vergütungspakete auch in Europa üblich werden, sollte ihren Auswüchsen und ihren Auswirkungen auf den Aktienwert Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Die dreisteste Missbrauchsmöglichkeit bei Managervergütungen, die auch profunde ökonomische sowie soziale Auswirkungen hat, bieten Aktienoptionen. Obwohl gerade die die Bezahlung des oberen Managements an seine eigene Leistung binden sollte. Doch wegen des Insiderspiels mit Aktienoptionen und der Weise ihrer Bewilligung ist ihr anspornender Gedanke größtenteils neutralisiert worden.

Die tief greifenden Auswirkungen der übermäßig großzügigen Bewilligung von Aktienoptionen spiegeln sich in der Verminderung der Aktienwerte wider. Die unökonomische Vergütung des oberen Managements bringt ebenfalls die Schwächen und die Wirkungslosigkeit der Corporate Governance hervor.

Wie die unabhängige Organisation "The Corporate Library" jüngst berichtet, hat sie in den vergangenen fünf Jahren elf führende US-Aktiengesellschaften begutachtet. Die Experten stellten fest, dass jene Unternehmen ihren Topmanagern insgesamt 865 Millionen Dollar zahlten, davon den größten Teil in Aktienoptionen, obwohl dieselben Unternehmen im gleichen Zeitraum Verluste im Wert von 640 Milliarden Dollar zu verzeichnen hatten.

Der Bericht schloss eine ausführliche Prüfung der leistungsmotivierenden Politik der elf Firmen mit ein, die hohe Anteile an festgelegten Vergütungen, schlecht gewählte Leistungsbemessungen und Belohnungen für ein unterdurchschnittliches Unternehmensergebnis berücksichtigte.

Einer der Autoren des Reports, Paul Hodgson, sagte: "Unsere Forschung zeigt, dass die Verbindung zwischen langfristigem Wertwachstum und langfristig anspornender Vergütungspraxis bei zu vielen Unternehmen defekt ist - wenn sie an erster Stelle überhaupt richtiggestellt wird."

Ethisch fragliche Bezahlung

Ethisch fragliche Bezahlung

Der Anreizzweck von Aktienoptionen ist anscheinend völlig zerstört. Zusätzlich sind diese durch Insidermanipulationen systematisch missbraucht worden. Die Rückdatierung von Optionen ist in mehr als 120 US-Unternehmen aufgedeckt worden: Technologieunternehmen aus Silicon Valley bis hin zu Fortune-500-Unternehmen haben zugegeben, dass sie wegen der Rückdatierung von Optionen entweder durch US-Bundesbehörden untersucht werden oder interne Untersuchungen über ihre Aktienoptionspraxis leiten.

Andere, schwer identifizierbare und versteckte Aktienoptionsbewilligungen, die jüngst noch zugelassen waren, obgleich sie ethisch fraglich sind, schließen Reload-Optionen mit ein - das Äquivalent des finanziellen Perpetuum mobile. Reload-Optionen sind jene, die automatisch ersetzt werden, wenn sie ausgeübt werden. Wenn ein Manager etwa eine Option von 1000 Aktien erhielt, die einen Abschlusskurs von zehn Dollar pro Anteil betrugen und sie später für 20 Dollar pro Anteil einlöste, erhielt er sofort 1000 weitere Optionen mit einem neuen Abschlusskurs von 20 Dollar.

Einige Reloads hatten sogar eine spezielle Klausel, die die Steuerkosten betraf und bei Verwendung der Aktie in Kraft trat. In diesen Fällen wurden mehr Ersatzaktienoptionen als ursprüngliche erteilt, um die Steuerkosten zu decken, die entsprechend weiter den Wert der öffentlich gehandelten Aktien verdünnen.

Bis 2001 hatte jedes fünfte US-Unternehmen Reload-Optionen erteilt; über die Hälfte von diesen verwendete Steuer-Reloads. Sanford I. Weill erhielt über die Jahre unterschiedliche Optionsbewilligungen, ein Teil davon mit Reload-Eigenschaften. Diese Reloads trugen dazu bei, dass sich die Bezüge Weills auf über eine Milliarde Dollar summierten, die er über 17 Jahre entgegennahm, in denen er Chef von Citigroup und von einigen der Vorgängerunternehmen war.

Aktienoptionen sollen auf Leistung bezogen sein; als Prämie für relative anstatt absolute Leistungen - dennoch sind sie das in der Praxis nur selten. Die heutige fast uniforme Feststellung vom Aktienpreis als Ausübungspreis ist kontraproduktiv wie auch die allgemeine Praxis, die es Managern erlaubt, ihre Optionen zu verkaufen, sobald sie dies wollen. Das unökonomische Gewähren von leistungsschwachen Managern, ihre Aktienoptionen auf einen niedrigeren Wert zurückzustellen, untergräbt vollständig den Anreizeffekt, den jene Optionen haben sollen.

Aufsichtsräte in der Pflicht

Aufsichtsräte in der Pflicht

Alternativen sind vorgeschlagen worden; unter anderem von den Autoren Lucian Bebchuk und Jesse Fried in "Pay Without Performance", nach denen Optionen zum Beispiel nicht mit der Leistung des Unternehmens selbst, sondern mit einem industrieverbundenen Index verknüpft werden sollten.

Letztendlich obliegt es der Verantwortung, mit der Aufsichtsräte die Initiative ergreifen sollen, um Vergütungspakete völlig transparent und leistungssensibel zu gestalten, welche nicht durch Insiderspiele manipulierbar sind.

Aufsichtsräte und Gesetzgeber müssen die Interessen der Aktionäre besser gegen überhöhte Vergütungsschemen schützen und dadurch den Minderheitsaktionären beistehen. Dies zu tun, erfordert die Annahme eines Standards der Corporate Governance, der die hartnäckigen, weitverbreiteten und systematischen Probleme von Managervergütungsschemen anspricht.

Aufsichtsräte und Gesetzgeber sollen versuchen, das Bestehen von versteckten, leistungsunempfindlichen Vergütungsschemen auszuschließen, den Missbrauch von Vergütungsschemen, die von Insidern manipuliert werden können, zu untersagen und Vergütungsschemen, die Aktionärswerte nicht maximieren und inadäquate, interne Überwachungssysteme haben, zu unterbinden.

Verantwortungsbewusste Aufsichtsräte sollen ihre uneingeschränkte Unterstützung für eigennützige Topmanager aufgeben und sich weigern, Vergütungspaketen zuzustimmen, deren wahrer Wert den Aktionären verborgen bleibt.

Eine Rückkehr zu einer Beurteilung zwischen fair und redlich sowie einer ethisch akzeptablen Vergütungspraxis ist notwendig, um das Vertrauen der investierenden Öffentlichkeit in die Gerechtigkeit des Marktes aufrechtzuerhalten.