Friedens-Nobelpreis Zwei Milliarden im Wartezimmer

Gelassen reagiert die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" auf den Friedens-Nobelpreis: "Wir waren doch seit zehn Jahren dafür im Gespräch", heisst es.

Stockholm - Der Friedensnobelpreis 1999 ist am Freitag der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" zuerkannt worden. Die Mediziner-Organisation hat seit ihrer Gründung 1971 mit mehr als 2 000 Freiwilligen in mehr als 60 Ländern Krisenhilfe geleistet.

Nach der ersten Vergabe des Friedens-Nobelpreises 1901 sind die "Ärzte ohne Grenzen" die 19. Organisation, die ausgezeichnet wird. Im letzten Jahr hatten die nordirischen Politiker David Trimble und John Hume den Friedensnobelpreis erhalten.

Der schon seit langem vergessene Krieg im nigerianischen Biafra und eine Flutkatastrophe in Bangladesch (damals Ostpakistan) führten 1971 zur Gründung der "Medecins Sans Frontieres". Aus den «Hippie-Ärzten» der ersten Jahre wurde rasch eine schlagkräftige Hilfsorganisation auf internationaler Ebene geworden.

Auch wenn der Beiname "Französische Ärzte" geblieben und das Hauptquartier in Paris ist - die an vielen Brennpunkten tätigen Ärzte sind weit über Frankreich hinausgewachsen.

Medizinische Hilfe dort, wo sie gebraucht wird, und zwar ohne Kuschen vor den Mächtigen dieser Welt, das ist die Devise der Ärzte. Von Afghanistan bis Kongo reicht die Liste der Länder, in denen sie geholfen haben - derzeit sind es 84 solcher Einsatzorte.

1995 wurden die "störenden Zeugen" beispielsweise aus Ruanda ausgewiesen, da sie über Massaker und Hinrichtungen berichteten. Weil "Völkermord nicht von den Ärzten gestoppt werden kann", hatten sie für ein bewaffnetes Eingreifen plädiert - ungewöhnlich für eine humanitäre Organisation. Zehn Jahre zuvor hatten sie Äthiopien verlassen müssen, nachdem sie über Zwangsumsiedlungen und Missbrauch von Hilfsgeldern berichteten.

"In unserem Wartezimmer sitzen zwei Milliarden Menschen", so beschrieben Notärzte, die zuerst aus der Generation der 68er kamen, ihren Auftrag. Neben die Nothilfe für Menschen in Krisen, Kriegen und Katastrophen ist die umfassende medizinische Vorsorge und Versorgung getreten.

Die Organisation, die jährlich 2 000 Freiwillige ins Feld schickt, leitete beispielsweise am Tag der Vergabe des Nobelpreises zusammen mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Paris eine Konferenz über die Behandlung ansteckender Krankheiten.

In Belgien, Spanien und den Niederlanden, in Luxemburg und in der Schweiz sind nationale Verbände der «Ärzte ohne Grenzen» entstanden. In inzwischen 14 Ländern, darunter Deutschland, Japan sowie die USA, gibt es Büros der "MSF".

Das internationale Budget der Organisation lag 1997/98 bei 231 Millionen Dollar. Stolz sind die "French Doctors" aber auch darauf, dass von 100 Franc, die überwiegend von privaten Spendern kommen, 80 für Hilfeinsätze ausgegeben werden.

Die schwierige Gratwanderung neutraler Hilfsaktionen konnte nicht folgenlos bleiben: Ein Streit um die Einbeziehung der Öffentlichkeit während der Betreuung der sogenannten Boat-People im Südchinesischen Meer führte 1980 zur Abspaltung einer Gruppe von 15 Dissidenten um den heutigen UN-Beauftragten für das Kosovo und MSF-Mitbegründer Bernard Kouchner: Diese "Ärzte der Welt" ("Medecins du Monde") wollen pflegen und dabei Zeugnis ablegen, befürworten also eine stärkere Informationsarbeit.

Die "Ärzte ohne Grenzen" sind an Auszeichnungen für ihre humanitäre Hilfe gewöhnt und galten wiederholt als heiße Anwärter für den Friedensnobelpreis. Dass sie erneut als Favoriten genannt wurden, kommentierte Pressesprecherin Cecile Guthmann vor der Bekanntgabe eher gelassen: "Wir waren dafür doch schon seit zehn Jahren im Gespräch."