Deutsche Börse "Ein Trauerspiel"

Schluss mit den Allgemeinplätzen, fordert Rolf-E. Breuer. Die Fusion der New York Stock Exchange und der Vierländerbörse Euronext könnte für die Deutsche Börse dramatische Folgen haben, warnt der ehemalige Aufsichtsratschef des Dax-Konzerns und fordert eine schonungslose Analyse.
Von Rita Syre

Frankfurt am Main - Eigentlich wollte sich Rolf-E. Breuer ja nicht öffentlich zur Fusion der Vierländerbörse Euronext  und der New York Stock Exchange  (Nyse) äußern. Hatte er zuvor doch überlegt, diesen Punkt aus seinem Vortrag zu streichen. Breuer referierte jetzt über die "Pax Americana an den Finanzmärkten - Folgen und Risiken". Aber irgendwie scheint das Thema den Mann nicht loszulassen.

Und "Mister Finanzplatz Frankfurt", wie er während seiner Zeit als Vorstandssprecher der Deutschen Bank  und Aufsichtsratschef der Frankfurter Börse genannt wurde, findet deutliche Worte. "Wenn es Nyse und Euronext auch nur einigermaßen geschickt anfangen, dann wird die Fusion der beiden Börsen dramatische Folgen haben", warnt der Kapitalmarktexperte. Denn das transatlantische Bündnis werde eine Menge Anziehungskraft ausüben.

Den Amerikanern und Franzosen scheint nun das zu glücken, was die Deutsche Börse  ursprünglich anstrebte: die Schaffung einer Europa-Börse. Die Frankfurter waren mit ihren Fusions- oder Übernahmeversuchen sowohl in London als auch in Paris gleich mehrfach gescheitert. Dabei fielen zwei fehlgeschlagene Versuche der Deutschen Börse, die London Stock Exchange  (LSE) zu übernehmen, in die Amtszeit von Breuer als Aufsichtsratschef des Unternehmens. Der letzte Versuch zusammen mit Börsenchef Werner G. Seifert kostete zunächst Seifert und schließlich Breuer den Posten.

Paris als Eingangstor für den US-Kapitalmarkt

Breuer geht wegen der großen Anziehungskraft des transatlantischen Börsenverbundes von Nyse und Euronext davon aus, dass sich ihm andere europäische Börsen anschließen werden. Frankfurt werde aber auch auf anderem Wege weiter ins Hintertreffen geraten: "Mit Blick auf eine Börsennotierung werden Unternehmen Paris als eine Art Eingangstor für den amerikanischen Kapitalmarkt begreifen", erwartet der Kapitalmarktexperte. Damit sei Paris so attraktiv wie sonst kein anderer Börsenplatz in Europa. Breuers Resümee: "Das Ganze ist für Frankfurt ein Trauerspiel."

In Frankfurt ist man derweil nach der jüngsten Übernahmeschlappe wieder zum Tagesgeschäft übergegangen. Der Vorstandssprecher der Deutschen Börse, Reto Francioni, lenkt den Blick ab von den Konsequenzen der Fusion Nyse/Euronext und hin zu den Stärken im eigenen Haus: Wenige Tage zuvor hat er für das Geschäftsjahr 2006 ein Rekordergebnis präsentiert.

Allerdings machen die Finanzinvestoren wieder Druck - allen voran der US-Hedgefonds Atticus. Bereits wenige Stunden nach den vorgelegten Bilanzzahlen geißelte der Fonds die Ausschüttungspolitik der Deutschen Börse als "zu konservativ" und forderte darüber hinaus die sofortige Abspaltung der Abwicklungstochter Clearstream. Atticus ist mit mittlerweile 11,68 Prozent einer der größten Aktionäre des Frankfurter Marktbetreibers. Weitere Großaktionäre sind die Finanzinvestoren TCI (10,06 Prozent), Lone Pine Capital (4,93 Prozent) und Capital Group (4,91 Prozent).

"Trost mit Allgemeinplätzen"

"Man tröstet sich mit wohlfeilen Allgemeinplätzen"

Für Breuer kommt die Forderung von Atticus keineswegs überraschend. "Die Hedgefonds bewerten die Deutsche Börse wie eine Cashflow-Maschine", sagt er. In seiner Zeit als Aufsichtsratschef der Deutschen Börse habe er die Denkweise der Finanzinvestoren genau kennengelernt. Strukturelle Fragen wie die des Finanzplatzes interessierten die Finanzinvestoren nicht, sagt Breuer.

Die Hedgefondsmanager sähen den Frankfurter Börsenbetreiber quasi als Monopolisten, der deshalb einen höheren Cashflow als andere Unternehmen generieren könne, erklärt Breuer. "So lange die Börse viel ausschütten kann, ist sie ein ideales Anlagevehikel für diese Investoren", sagt der Experte und erklärt damit aus seiner Sicht, warum die Finanzinvestoren die Aktien des Marktbetreibers noch immer besitzen, obwohl die Fusions- und Übernahmefantasie derzeit aus den Titeln raus ist.

Und dann holt der Kapitalmarktexperte noch zu einem kleinen Seitenhieb aus. "Frankfurt kann nicht mehr länger für sich beanspruchen, mit seinem Handelssystem der Paradeplatz in Europa zu sein", hebt er an. Der hiesige Kassamarkt sei im Vergleich zu dem der Pariser Euronext  "wenig effizient".

Für Breuer steht fest, dass die Frankfurter Finanzplatzinitiative in die falsche Richtung steuere. Überlegungen zur Zukunft Frankfurts sollten sich nicht mit der Frage beschäftigen, wie man das Niveau der Londoner Börse erreichen könne.

Denn angesichts des transatlantischen Börsenverbunds aus Nyse und Euronext hält Breuer die London Stock Exchange  lediglich für einen Handelsplatz mit geringem Zukunftspotenzial. "Statt die Konsequenzen aus der Fusion von Euronext und Nyse  ausreichend zu analysieren, tröstet man sich mit wohlfeilen Allgemeinplätzen", kritisiert Breuer.

Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.