Neuer Handelssaal Kulisse Parkett

Seit Wochenbeginn wird auf dem frisch renovierten Frankfurter Parkett wieder gehandelt. Die Deutsche Börse AG hat sich das Bekenntnis zum Parketthandel und dem Finanzplatz Frankfurt etwa fünf Millionen Euro kosten lassen.
Von Rita Syre

Frankfurt am Main - Es war eine schwierige Suche. Drei Monate lang haben Mitarbeiter der Deutschen Börse  nach der Handelsglocke gesucht. Er habe sogar drohen müssen, dass er eine Schweizer Glocke in den Frankfurter Börsensaal mitbringen würde, scherzt Börsenchef Reto Francioni. Pünktlich um 9.00 Uhr läutet der Schweizer Börsenmanager am Montagmorgen symbolträchtig mit der Originalglocke, wie er betont, den Handel auf dem frisch renovierten Frankfurter Börsenparkett ein. Zuvor hat er auf eine hochmoderne Atomzeituhr schauend die letzten zehn Sekunden bis 9.00 Uhr runtergezählt.

Hightech auf der einen Seite, nostalgische Reminiszenz an die mehr als 400-jährige Tradition des Börsenhandels in der Stadt am Main per Glocke - das ist das Frankfurter Parkett heute. Mehr als 90 Prozent des Handels in den 30 Aktien im deutschen Leitindex Dax werden schon seit Jahren auf dem elektronischen Handelssystem Xetra abgewickelt. Und auch auf dem Parkett beherrscht seit Längerem statt wildem Gestikulieren und lautem Zurufen nur mehr das leise Klicken der Tastaturen und der Zahlenplättchen auf der Kurstafel das Geschehen.

Die Anzeigetafel mit dem Dax-Verlauf nimmt zwar unter den Kurstafeln den größten Raum ein. Aber der Handel in den 30 liquidesten Aktien auf dem deutschen Börsenzettel findet schon längst in den Räumen der Wertpapierdienstleister und der Banken außerhalb der Parkettbörse statt. Die Vorstände aus den Banken am Finanzplatz Frankfurt sucht man denn auch an diesem Morgen vergeblich auf dem Parkett. Das Management des Börsenbetreibers selbst ist bereits im Jahr 2000 aus der obersten Etage des Neorenaissance-Baus im Herzen der Stadt ausgezogen. Die "Neue Börse" residiert seither am Stadtrand in einem Glasbau.

Die Kursmakler haben das Ringen um das Parkett keineswegs vergessen. Nicht nur die ausrangierten roten Handelsschranken sollten einst ins Museum geschickt werden, sondern gleich der gesamte Handelssaal. So loben denn auch die Makler die Investition des Börsenbetreibers. Und im Gegenzug versichert der zuständige Managing Director der Börse, Rainer Riess, dass "die Investition von etwa fünf Millionen Euro ein Bekenntnis der Deutschen Börse AG zum Finanzplatz Frankfurt und zum Parkett" sei.

Eine ominöse Litfasssäule

Die Makler nutzen die Gelegenheit des großen Interesses anlässlich der Wiedereröffnungszeremonie, um fürs Parkett zu trommeln. "Wir führen vor allem die Kauf- und Verkaufsaufträge für die Privatanleger aus", erläutert Dirk Müller von der ICF Kursmakler AG die neue Nische, die sie gefunden haben. Sie könnten den Privatanlegern den besten "Schutz" bei der Orderausführung geben. Schließlich würden hier Menschen handeln.

Von den Menschen auf dem Parkett ist dagegen wenig zu sehen. Die 70 Kursmakler verbergen sich hinter den zumeist zweistöckigen Aufbauten aus schwarzen Flachbildschirmen. Sie sitzen nun nicht mehr hinter drei roten ovalen Handelsschranken, sondern hinter fünf blauen runden und zwei halbrunden Theken. Auf einen dieser Halbkreise ist man bei der Börse besonders stolz. Direkt unter dem Dax-Chart gibt es eine eigene Handelsschranke für die Börsenneulinge. Die Funktion der ein paar Meter entfernt stehenden neuen, sich drehenden Litfaßsäule mit Kurscharts erschließt sich zwar nicht. Aber ein Vertreter der Börse versichert, dass sie bald direkt am Eingang zum Handelssaal platziert werde und man mit ihr noch etwas ganz Besonderes vorhabe.

Im Nebenjob Komparsen

Die Vorteile nach knapp fünfmonatiger Renovierungsarbeit springen dem Besucher beim Gang über die kerngeräucherte, aufgrund einer besonderen Behandlung nun rutschfestere Eiche nicht sofort ins Auge. Wohl aber den Maklern. "Vor allem ist es nun heller und sauberer", nennt ein Skontroführer von der Wertpapierhandelsbank N. M. Fleischhacker die aus seiner Sicht wichtigsten Neuerungen. Ein Kollege hebt die ergonomische Gestaltung der Stühle hervor. Das sei auch dringend notwendig gewesen, schließlich müsse man ja nicht mehr drei Stunden handeln, sondern bis zu elf. Das sind Verbesserungen, die mit Sicherheit keine fünf Millionen Euro verschlingen. Der Großteil des Geldes ist denn auch unsichtbar in die IT-Struktur, die Elektronik und in eine Klimaanlage geflossen.

Direkt auf dem Parkett sind die meisten Kursmakler hinter den Schranken zwar nicht mehr zu sehen. Aber das ändert sich sofort beim Blick von der Empore oder der Besuchergalerie. Dann werden die Menschen erkennbar, und es entsteht zuweilen der Eindruck eines geschäftigen Treibens. "Die Börse AG hat durch die Renovierung die notwendige Visualisierung des Börsengeschehens verbessert", erklärt Rüdiger von Rosen, Chef des Deutschen Aktieninstituts. Der Handelssaal ist also vor allem zur Kulisse für die Foto- und Fernsehberichterstattung von der Börse geworden - mit Kursmaklern, die im Nebenjob Komparsen sind.