Schwarzbuch Börse Skandale im Dax

Infomatec, Intershop, EM.TV - diese Namen sind vielen gebeutelten Anlegern noch gut im Gedächtnis. Hatten die Aktionärsschützer in der Vergangenheit vor allem die Skandale kleinerer Unternehmen im Blick, fühlt das "Schwarzbuch Börse 2006" verstärkt Großkonzernen auf den Zahn. manager-magazin.de präsentiert eine Auswahl.

Hamburg - Man mag es gar nicht glauben. Aber es gibt sie immer noch, die einstigen Neue-Markt-Stars wie Intershop . Auch oder vielleicht gerade weil die Softwarefirma das 15. Geschäftsjahr in Folge wohl mit einem Verlust abschließen wird, taucht ihr Name noch im "Schwarzbuch Börse 2006" auf. Und ebenso die leidgeprüften Aktionäre der Infomatec AG dürfen noch einmal nachlesen, wie schlecht es "ihrem" Unternehmen eigentlich geht.

Berichtete das "Schwarzbuch" der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) in den vergangenen Jahren primär über die Skandale kleiner Gesellschaften und die späten Nachwehen des Neuen Marktes, finden sich in der jüngsten Ausgabe jetzt auffallend viele Berichte aus der ersten Börsenliga von Dax und Co. Es sei das "Jahr der großen Sünder" gewesen, kommentierte SdK-Chef Klaus Schneider am Montag bei der Vorstellung des jüngsten Reports.

So geißelt der Aktionärsverband diesmal unterschiedliche Fehlentwicklungen auch von rund einem halben Dutzend Dax-Konzernen. Bei dem Rumpfunternehmen Altana  etwa kritisiert die SdK den Verkauf der Pharmasparte an die dänische Nycomed. Damit sei nur noch ein Bruchteil des einstigen Unternehmens übrig geblieben. Nicht zuletzt aus steuerrechtlicher Sicht wäre ein "Spin-Off" wie zum Beispiel nach dem Vorbild Bayer  (Chemiesparte Lanxess ) und HypoVereinsbank  (Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate ) womöglich die bessere Lösung gewesen, heißt es. Auf Kritik stößt bei der SdK auch, dass der Verkaufserlös von rund 4,6 Milliarden Euro nahezu komplett als Sonderdividende ausgeschüttet werden soll. Sei die Großaktionärin Susanne Klatten doch die einzige, die sich ganz und gar über die Sonderdividende von 32 Euro je Aktie freuen könne, "weil sie die nicht versteuern muss".

Als den aus Anlegersicht "wohl größten Börsenskandal" 2006 bewertet die SdK den Kursverlust der EADS-Aktie  von rund 25 Prozent, nachdem der europäische Luft- und Raumfahrtkonzern die Probleme beim A380 bekannt gegeben hatte. Binnen eines Tages lösten sich seinerzeit im Juni 2006 mehr als fünf Milliarden Euro Marktkapitalisierung in Luft auf. Der bislang unbewiesene Verdacht: EADS-Manager, leitende Angestellte und Großaktionäre hätten mit ihrem Insiderwissen über die Probleme ihre Aktien noch rechtzeitig verkaufen können, während bei anderen Aktionären der Kursverlust voll zu Buche schlug.

Als einen der größten Unternehmensskandale sehen die Aktionärschützer die Entwicklung bei dem Mischkonzern Siemens . Hier gerät die Konzerspitze vor allem mit ihren Reaktionen auf die bekannt gewordenen Schmiergeldzahlungen an den Pranger. Nachdem Siemens seinen Ruf bereits mit einer unangemessen Erhöhung der Vorstandsvergütung um rund 30 Prozent sowie dem Verkauf seines Mobilfunkgeschäftes an die BenQ-Gruppe  belastet habe, sei der Ruf durch die Existenz schwarzer Kassen dann "gänzlich ramponiert" worden.

Beim Touristik-Konzern Tui  fordert die SdK ganz unverblümt gleich den Rücktritt von Vorstandschef Michael Frenzel - wegen dessen angeblich erfolgloser Konzernstrategie. Letztere habe sich im Jahr 2006 mit einem Kursverlust von 12 Prozent niedergeschlagen, während der Dax  zugleich auf Jahressicht um 22 Prozent zulegte.

VW und ThyssenKrupp im Kreuzfeuer der Kritik

Der Aktionärsverband geht in seinem "Schwarzbuch" auch mit Volkswagen  und ThyssenKrupp  scharf ins Gericht.

Bei dem Stahlkonzern ist der SdK vor allem die Machtstruktur ein Dorn im Auge. Die Großaktionäre profitierten gegenüber den Privatanlegern von Sonderrechten, da die Krupp-Stiftung das Recht besitze, über die Köpfe anderer Anteilseigner hinweg, Aufsichtsratsmitglieder zu bestimmen. Ausgerechnet mit Hilfe von Gerhard Cromme, dem Vorsitzenden der Regierungskommission Corporate Governance und Aufsichtsratschef von ThyssenKrupp, sei es gelungen, den Großaktionären Sondervorteile zuzuschanzen, kritisieren die Aktionärsschützer. Gegen den Widerstand von Aktionärsverbänden hatte die Krupp-Stiftung zuletzt einen weiteren Aufsichtsratsposten erhalten.

"Staatsstreich bei Volkswagen"

Auch zu der Politik des VW-Aufsichtsrates äußert sich die SdK kritisch. Die Neubesetzung des Vorstandspostens bei dem Wolfsburger Autobauer durch VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Pi?ch sei einem "Staatsstreich" gleichgekommen. "Wessen Interessen Pi?ch bei VW vertritt, ist klar: Die von Porsche, wo er als Enkel von Firmengründer Ferdinand Porsche Stammaktionär ist", ist der SdK-Vorsitzende Schneider überzeugt.

Neben einzelnen Unternehmen thematisiert das "Schwarzbuch" erneut den Markt für Zertifikate. Beim Handel mit Zertifikaten herrsche ein weitgehend "rechtsfreier Raum", behauptet SdK-Vorstandsmitglied Markus Straub. Es gebe zwar freiwillige Regelungen des Deutschen Derivate Forums, diese würden aber "nicht funktionieren". Die SdK fordert deshalb eine gesetzliche Regelung für den Handel mit diesen so genannten Inhaberschuldverschreibungen.

Zudem seien die Kosten für viele Produkte auf dem Zertifikatemarkt nicht transparent. Zahlreiche Anleger wüssten überdies nicht, welchem Risiko sie sich mit ihrem Zertifikate-Investment womöglich aussetzten. So könne der Anleger bei einer Insolvenz des Emittenten sein eingesetztes Kapital vollständig verlieren. In der Werbung der Finanzbranche werde auf diese Risiken aber nur in den seltensten Fällen hingewiesen, warnt die SdK.

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