Energiepreise Das Gas-Werk

In Deutschland startet die erste Börse für den Handel mit Gas. Sie soll in einigen Jahren für mehr Wettbewerb und niedrigere Energiepreise in der Bundesrepublik sorgen. Vorerst aber erhöhen viele Firmen ihre Gaspreise noch - bis auf den Branchenprimus Eon. Der macht Deutschlands Verbrauchern sogar kurzfristig Hoffnung.
Von Karsten Stumm

Leipzig - Deutschlands Strombörse macht ein neues Geschäft auf. Die European Energy Exchange (EEX) in Leipzig will im Oktober den Börsenhandel mit Gas starten - und das gleich mit einem Rundumangebot: Die Energiebörse richtet nicht nur einen Spotmarkt für Gas mit hohem Brennwert ein, sondern auch Handelsbereiche für Termingeschäfte mit dem Rohstoff dieser Klasse.

Damit kann das Gasgeschäft künftig ähnlich umfangreich über die Börse abgewickelt werden, wie schon heute der Stromhandel in Leipzig. Denn beide Handelsbereiche zusammen ermöglichen nicht nur kurzfristige Gasgeschäfte, mit denen sich Energiefirmen spätestens für den Folgetag mit Gaslieferungen etwa zu ihren Kraftwerken eindecken. Auch der spekulative Gashandel wird dann an der Leipziger EEC starten, etwa mithilfe von Futures auf bestimmte Standardgasprodukte. Die Details sollen am 6. Februar auf der Energiebranchenmesse E-World in Essen vorgestellt werden.

Nach Ansicht des Bundesverbands der deutschen Gas- und Wasserwirtschaft werden an der neuen deutschen Gasbörse zuerst Industriefirmen wie etwa Bayer  auf die Jagd nach Preisschnäppchen gehen, die an der Leipziger EEX ihren kurzfristigen und langfristigen Gasbedarf decken wollen.

Darüber hinaus erwarten Markt-Insider, dass Unternehmen aus der Finanzbranche handeln werden, unter anderem um eigene Kunden gegen Energiepreisrisiken abzusichern. Auf dem Strommarkt sind einige große Geldhäuser schließlich schon aktiv, darunter die Barclays Bank , BNP Paribas , die Deutsche Bank , Goldman Sachs , J. P. Morgan und die schweizerische UBS .

Verzagte Stadtwerker

Verzagte Stadtwerker

Aber auch Importgesellschaften sollten gleich zu Beginn mit dem Börsenhandel starten - so, wie auch die großen Energiekonzerne selbst; nach Informationen von manager-magazin.de hat zuletzt vor allem der Energieriese RWE  versucht, seine Belegschaft für das Gasgeschäft insgesamt deutlich aufzustocken und diesen Unternehmensbereich auszubauen.

Zum Vergleich: Noch vor einigen Monaten stellten etwa rheinische Stadtwerke ihre Gasanalysten kalt, da sich die Unternehmensführung der kommunalen Energieversorger nicht zum spekulativen, aber gewinnversprechenden Gashandel durchringen konnte; die deshalb überflüssigen hoch qualifizierten Angestellten wurden stattdessen häufig einfach im Stromhandel eingesetzt.

Jetzt aber startet die EEX in Leipzig gleich ein ganzes Börsensegment für dieses Geschäftsfeld, das einigen Stadtwerkern trotz Jahre langen Abwägens bis heute unüberschaubar geblieben ist.

Bis Deutschlands Verbraucher allerdings von den Vorteilen des neuen professionellen Gashandels profitieren können, wird es noch dauern. Denn die Gasbörse kann den Gasmarkt hierzulande nicht allein in Schwung bringen. Zu groß sind die Hürden, die den Wettbewerb in diesem Bereich beschränken. Welche das sind, hat zuletzt noch einmal das Mannheimer Stadtwerk MVV Energie  untersuchen lassen; das Gutachten liegt manager-magazin.de vor.

Deren externe Fachleute beklagen beispielsweise, dass Deutschlands Gasnetz nach wie vor in 19 Marktgebiete zersplittert ist - auch wenn der Düsseldorfer Eon-Konzern  zuletzt angekündigt hat, wenigstens drei seiner Versorgungsgebiete zu einem großen zusammenlegen zu wollen.

Wer den Rohstoff aber selbst danach einmal quer durch die Republik transportiert bekommen möchte, muss dafür auch weiterhin von zig Netzbetreibern grünes Licht bekommen. Das dauert, weil kaum jemand weiß, welche Firma überhaupt gerade eine freie Pipeline hat. Und teuer ist die Lieferung obendrein. Zudem sind selbst Großkunden wie regionale Stadtwerke auf einige wenige Gaslieferanten angewiesen.

Neuer Preisschub

Neuer Preisschub

Die Bundesnetzagentur warnt deshalb die Verbraucher hierzulande davor, schnell auf kräftig sinkende Gaspreise zu spekulieren. "Wettbewerb ist ein langfristiges Ziel", sagte Matthias Kurth auf Nachfrage, der Chef der Behörde.

Tatsächlich müssen Millionen Bundesbürger für ihre Energielieferung derzeit tief in die Tasche greifen. 1355 Euro überweist ein bundesdeutscher Haushalt aktuell beispielsweise für seinen jährlichen Gasbedarf an sein Versorgungsunternehmen. Für viele Bürger ist die Nebenkostenabrechnung der eigenen Wohnung somit zur zweiten Miete geworden - und die Preise steigen weiter.

Wie viel Geld die Bundesbürger in den vergangenen Monaten etwa für ihre Gaslieferungen zusätzlich lockermachen mussten, hat jetzt der Branchenspezialist www.verivox.de errechnet.

Allein zwischen Jahresbeginn 2006 und Mitte Januar 2007 erhöhten zum Beispiel die Stadtwerke Soest ihren Gaspreis um mehr als 12 Prozent, bezogen auf einen jährlichen Verbrauch von 20.000 Kilowattstunden und einer Heizleistung von zehn Kilowatt. Kaum besser waren zuletzt die Stadtwerke Bernau bei Berlin und die Städtischen Werke Magdeburg, die jeweils gut 10 Prozent für diesen Gasverbrauch mehr haben wollten als in der entsprechenden Vorjahresperiode.

Das es auch anders geht, zeigen indes die Stadtwerke Hilden, nahe Düsseldorf: Sie gaben sich mit fast 5,5 Prozent weniger als im Vorjahr zufrieden.

Das zu wissen, ist für Verbraucher allerdings eher frustrierend. Denn der Wechsel zum derzeitigen Preisbrecher war für ortsfremde Verbraucher durch die anfallenden Kosten bisher praktisch unrentabel. Und so galt: Nur in Hamburg, Berlin und Stuttgart haben Deutschlands Haushalte eine größere Energielieferanten-Auswahl; das niederländische Unternehmen Nuon, frisch fusioniert mit dem zweiten bedeutenden holländischen Energiekonzern Essent, sorgt dort für mehr Wettbewerb.

Jetzt aber kommt ein Energieriese dazu: Die Düsseldorfer Firma Eon  plant, Verbrauchern künftig deutschlandweit vergleichsweise günstige Angebote für Strom und Gas zu machen. Würde sich Eon dabei an den Preisen des derzeit günstigsten Gasanbieters E-ben aus dem südhessischen Bensheim orientieren, dürften sich darüber vor allem die Kunden der Stadtwerke Leipzig freuen: Die fordern nach Expertenangaben schließlich für die gleiche Gaslieferung 502,22 Euro pro Jahr mehr als die Tochterfirma der Darmstädter HSE. Da würde der Wechsel lohnen.

Soweit will Eon dann aber doch nicht gehen. Die Düsseldorfer wollen den Preis des örtlichen Anbieters beim Strom stets um einen Cent pro Kilowattstunde und bei Gas um zwei Cent pro Kubikmeter unterbieten. Da lohnt der Wechsel des Energielieferanten wieder nur für die Sparfüchse unter den Bundesbürgern.

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