Konjunktur Lokomotive Deutschland

Die Bundesrepublik kann sich auf ihre Industrie verlassen. Der Wirtschaftssektor verzeichnet derzeit so viele Orders wie lange nicht mehr. Entsprechend stark zieht die Produktion hierzulande an. Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat seine Wachstumsprognosen für 2006 und 2007 erhöht.

London - Die deutsche Industrie startet in guter Form ins neue Jahr. Der entsprechende Einkaufsmanagerindex legte im Dezember auf das Halbjahreshoch von 59,4 nach 58,3 Punkten im Vormonat zu, wie das britische Forschungsinstitut NTC mitteilte. Damit zeigt dieser Frühindikator des zweitwichtigste Wirtschaftssektors hierzulande nach dem Dienstleistungsgewerbe eine höhere Wachstumsdynamik an als im Boomjahr 2000; damals notierte der Einkaufsmanagerindex der Industrie bei 58,1 Punkten. Jetzt sind viele Volkswirte optimistisch: Die gute Ausgangslage erhöhe die Chancen, dass Deutschlands Industrie die gestiegene Mehrwertsteuer verkrafte.

Zum Jahresende waren die Auftragsbücher der rund 400 monatlich befragten Unternehmen erneut gut gefüllt. Nicht nur die Nachfrage aus dem Inland, sondern auch die aus dem Ausland zog weiter an. Bestellungen kamen vor allem von Kunden aus der Europäischen Union, aus Osteuropa, Südostasien und den USA.

Die hohen Orders machen sich mittlerweile auch in der Produktion bemerkbar. Viele Firmen weiteten ihre Fertigung aus und stellten dafür verglichen mit dem entsprechenden Vorjahreszeitraum auch Menschen ein. Der Beschäftigungsindex lag deshalb im Dezember 2006 mit 53,6 Zählern nur wenig unter dem Fünfjahres-Hoch, das im Vormonat mit 53,8 Punkten erreicht worden war. Der Indikator zeigt ab 50 Zählern Wachstum an.

Die Umfrageteilnehmer gaben an, die guten Umsätze und die vielen Aufträge hätten sie zu Neueinstellungen veranlasst. "Dessen ungeachtet nahmen die unerledigten Aufträge im Dezember stark zu, was auf weiteres Produktionswachstum in den nächsten Monaten schließen lässt", hieß es.

Banken-Experten erwarten eine anhaltend kräftige Industriekonjunktur. "Die Industrie hat einen guten Lauf", sagte Bernd Weidensteiner von der DZ Bank. "Das spricht dafür, dass die Delle durch die Mehrwertsteuererhöhung nicht so tief ausfallen wird wie einmal gedacht." Und Matthias Rubisch von der Commerzbank ergänzt: "Das unverändert starke Expansionstempo lässt auf einen guten Start im neuen Jahr schließen."

Der Aufschwung in Deutschland ist mittlerweile so stark, dass er die gesamte Euro-Zonbe nach vorne bringt. Die gute Verfassung der Industrie in der Bundesrepublik half zuletzt, den EMI-Frühindikator für Euroland mit 56,5 Punkten zum Jahresende 2006 nahezu auf dem November-Niveau von 56,6 Zählern konstant zu halten - und das, obwohl Frankreichs Industrie spürbar an Tempo verliert.

Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone habe über Jahre hinweg an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt, während Deutschland jetzt von der Lohnzurückhaltung der vergangenen Jahre profitiere, kommentiert Sebastian Wanke von der Deka-Bank das Umfrageergebnis. Er glaubt, dass Deutschland keine Wachstumsdelle befürchten muss, obwohl sein wichtigster Handelspartner Schwäche zeigt. "Der deutsche Aufschwung ist derzeit so stark, dass er sich weder von schwächelnden Nachbarn noch von der höheren Mehrwertsteuer kleinkriegen lässt", sagte Wanke.

Bankenexperten hatten im Mittel mit einem Anstieg des Einkaufsmanagerindex in der Euro-Zone auf 56,8 Punkte gerechnet. Im Gesamtjahr 2006 erreichte das Konjunkturbarometer im Schnitt 56,3 Punkte und damit deutlich mehr als im Vorjahr mit 51,2. Zuletzt wirtschaftete die Industrie europaweit nur im Boomjahr 2000 schwungvoller.

Prognosen vom DIW erhöht

Prognosen vom DIW erhöht

Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat seine Wachstumsprognosen für Deutschland für 2006 und 2007 erhöht. Wie die Wissenschaftler am Mittwoch in Berlin mitteilten, erwarten sie für dieses Jahr eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,7 Prozent nach bislang 1,4 Prozent. 2008 werde eine Zunahme von 2,5 Prozent erwartet. Hier lag bislang keine Prognose des DIW vor. Für 2006 sei die Prognose von bislang 1,8 auf 2,3 Prozent angehoben worden.

Die Mehrwertsteuererhöhung wird das Wachstum 2007 den Angaben zufolge bremsen, bevor es 2008 wider ansteigt. Die Zahl der Arbeitslosen könne im Jahresdurchschnitt 2008 die Marke von vier Millionen unterschreiten. Die Entwicklung der Verbraucherpreise bleibe moderat, auch wenn die Teuerung 2006 vorübergehend auf 2,2 Prozent angestiegen sei.

Die Entwicklung des europäischen Umfeldes und der Weltwirtschaft blieben positiv, prognostizieren die Experten weiter. Die deutsche Wirtschaft habe in den vergangenen Jahren ihre internationale Konkurrenzfähigkeit gesteigert und damit einen soliden Grundstein für ein robustes Wachstum gelegt. Den entscheidenden Beitrag dazu habe die moderate Entwicklung der Löhne geliefert.

Im vergangenen Jahr hätten sich die Anzeichen verstärkt, dass der konjunkturelle Auftrieb in Deutschland an Nachhaltigkeit gewinnt, teilten die Experten mit. Bei weiter kräftig steigenden Exporten habe auch die Nachfrage aus dem Inland spürbar angezogen. Insgesamt sei die wirtschaftliche Entwicklung 2006 deutlich besser verlaufen als noch im Sommer erwartet.

Für 2006 sagen die Forscher eine Wachstumsrate von 2,9 Prozent für die EU-27 und von 2,6 Prozent für den Euroraum voraus. Schwächer als Deutschland mit prognostizierten 2,3 Prozent hätten sich lediglich Frankreich mit 2,1 Prozent sowie Italien und Portugal mit jeweils 1,8 Prozent entwickelt.

manager-magazin.de mit Material von ddp und reuters

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