Deutsche Telekom Obermann kommt - die Skepsis bleibt

René Obermann ist neuer Chef der Telekom. Die sonst zu solchen Anlässen typische Kursexplosion fällt aus, die Investoren bleiben skeptisch. Die Analysten sind es ohnehin. Im Gespräch mit manager-magazin.de erklären die Experten, was Obermann jetzt anpacken muss.

Hamburg - Die Kursreaktion der T-Aktie  ist eindeutig, doch Sprünge von bis zu 10 Prozent wie seinerzeit beim Abgang von DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp sind den Telekom-Aktionären am Montag nicht vergönnt. Zu widersprüchlich scheinen da die Interessen, die der neue Telekom-Chef René Obermann bündeln muss, zu groß die Aufgaben, als dass sie sich von heute auf morgen erledigen ließen.

"Die vergleichsweise verhaltenen Kurszuwächse spiegeln die Skepsis des Marktes wider", sagt Telekom-Analyst Theo Kitz vom Bankhaus Merck Finck. Obermann werde Entscheidungen womöglich schneller und härter umsetzen als sein Vorgänger. An große Veränderungen im Konzern glaube er aber nicht, erklärt der Experte im Gespräch mit manager-magazin.de. Der Kollege von der Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP) hält das Kursplus von 3,50 Prozent in der Spitze gar für "opportunistisch motiviert". "Die trüben, fundamentalen Voraussetzungen dürften sehr schnell wieder Alltagsrealität werden", mutmaßt LRP-Experte Per-Ola Hellgren.

"Zufriedene und loyale Kunden" seien die beste Voraussetzung für zufriedene Aktionäre, sagt Obermann an diesem denkwürdigen Tag. Deshalb wolle die Telekom "Marktführer in Sachen Service" werden - und trotzdem die Kosten senken. Dass dem 43-Jährigen da ein echter "Spagat" bevorsteht, weiß er nur zu gut. Trotzdem spricht er es aus. Er tut dies so, als wolle er jene Zweifler überzeugen, die ihm die sprichwörtliche Rolle des neuen Besens, der bekanntermaßen gut kehrt, nicht zutrauen. Schließlich hat der langjährige Weggefährte und Freund von Kai-Uwe Ricke die Strategie des Vorstandschefs ja über Jahre mitgetragen.

Obermann ist ein Hausgewächs der Telekom, und er hat in dem Bonner Konzern blitzschnell Karriere gemacht. Vermutlich auch deshalb, weil er "sämtliche Regeln, die bei der Telekom eingehalten werden müssen, verinnerlicht hat", wie ein Unternehmenskenner im Gespräch mit manager-magazin.de sagt. Mit anderen Worten: Man lege sich tunlichst nicht mit den Großaktionären an, verderbe es sich weder mit dem Bund noch den Gewerkschaften.

Das wirft Fragen auf: Kann ein Manager, der zwar als entscheidungsfreudig gilt, den Beobachter aber zugleich als "umgänglichen Menschen" charakterisieren, "der sich niemanden absichtlich zum Gegner macht und mit allen arrangiert" - kann so ein Mann mit der Faust auf den Tisch hauen? Das wünschten sich sicherlich viele Aktionäre. Doch bei manchem Analysten kommt da Skepsis auf.

Was Obermann jetzt tun muss

Merck Finck: Externer Kandidat wäre die bessere Wahl

Merck-Finck-Experte Kitz zum Beispiel hätte viel lieber einen externen Kandidaten als Nachrücker für Ricke gesehen. Jemanden, "der einfach das tut, was er für richtig hält", ohne Rücksicht auf jene Zwänge, die zweifellos bestehen. Das gilt zum Beispiel für das Thema Personalabbau. Der Bund als Großaktionär würde zwar von einem steigenden Aktienkurs profitieren, einem radikaleren Stellenabbau als unter Ricke vermutlich aber den Riegel vorschieben. Hier würde nicht zuletzt die starke Gewerkschaft im Konzern auf die Barrikaden gehen. Die Beteiligungsgesellschaft Blackstone wiederum würde vermutlich noch viel stärker an der Kostenschraube drehen, wenn sie es denn könnte, sagen Analysten.

Diese zum Teil widersprechenden Interessen sind nur schwer auf einen Nenner zu bringen. Die Deutsche Telekom sei nicht gerade bekannt für unternehmerische Führung, sagt LRP-Analyst Hellgren. Obermann werde im Laufe der Zeit vielleicht das Management nach seinen Vorstellungen umbauen können. "Aber man kann so ein Unternehmen nicht binnen kurzer Zeit revolutionieren", sagt der Analyst.

Was also sind die zunächst wichtigsten Aufgaben Obermanns, welche Ziele lassen sich überhaupt verwirklichen?

• Stichwort Personalabbau: Nach Einschätzung von Analysten muss der neue Konzernlenker den von Ricke eingeschlagenen Kurs beim Personalabbau fortsetzen. Und er muss die angepeilten Ziele "möglichst schnell umsetzen", fordert LRP-Experte Hellgren. Doch allein das dürfte laut Merck Finck schon schwer genug werden. Die geplante Auslagerung von 45.000 Mitarbeitern in sogenannte Serviceeinheiten einhergehend mit einer deutlich niedrigeren Bezahlung der Mitarbeiter werde auf scharfen Widerstand der Gewerkschaften stoßen.

• Stichwort Kundenschwund: Der Massenexodus von Festnetzkunden zur Konkurrenz muss aufhören oder zumindest stark eingedämmt werden. "Wenn die Telekom noch zwei oder drei Quartale weiter jeweils bis zu einer halben Million Kunden verliert, dann hat auch Herr Obermann ein ernsthaftes Problem", warnt Hellgren. Eine adäquate Strategie, den Kundenschwund zu stoppen, sehen weder der LRP-Experte noch der Kollege von Merck Finck. "Herr Obermann wird nicht verhindern können, dass die Festnetzsparte weiter Kunden verliert", zeigt sich Kitz skeptisch.

• Stichwort Erlösquellen: Das Deutschland-Geschäft der Telekom tritt auf der Stelle, lediglich im Ausland kann der Konzern noch nennenswertes Wachstum generieren. Auf der Suche nach neuen Erlösquellen und Wachstumschancen sollte Obermann deshalb im Gegensatz zu seinem Vorgänger Ricke den Blick stärker nach außen richten. "Die Telekom muss sich viel mehr nach draußen orientieren", sagt Analyst Kitz. Auf dem russischen oder brasilianischen Markt böten sich derzeit Chancen der Kooperation oder gar des Zukaufs. Obermann sollte diese Optionen möglichst schnell prüfen und nicht aus den Augen verlieren.

Aus den Augen verlieren dürfe Obermann auch nicht den US-Markt. Die Telekom investiert hier Milliarden in den Mobilfunkmarkt, nicht zuletzt in neue Lizenzen und eine neue Infrastruktur. "Obermann muss sehr schnell beweisen, dass sich die Milliardeninvestitionen auch rechnen", sagt Analyst Hellgren. Der Markt sei kurzfristig orientiert und wolle keine fünf Jahre warten. Spätestens in der zweiten Jahreshälfte in 2007 müssten sich erkennbare Ergebnisse dieser Investitionen einstellen.

• Stichwort Konzernumbau: Anfang 2005 hatte die Telekom ihre Vier-Säulen-Struktur auf die drei Geschäftsfelder Breitband/Festnetz, Mobilfunk und Geschäftskunden reduziert. "Die Telekom sollte sich Gedanken machen, ob sie wirklich noch alle drei Säulen braucht", regt Analyst Kitz an. Seiner Meinung nach sei es durchaus eine Überlegung wert, die Geschäftskundensparte T-Systems abzustoßen und die Ressourcen auf das eigentliche Kerngeschäft zu reduzieren.

• Stichwort Regulierung: Die Telekom wird wohl kaum verhindern können, dass die Preise für Mobilfunkgespräche im Inland durch Eingriffe der Bundesnetzagentur weiter fallen werden. Bei dem schnellen Breitbandnetz VDSL sollte sich Obermann von Brüssel aber möglichst nicht die Butter vom Brot nehmen lassen und mit Hilfe des Bundes versuchen, die eigene Position gegen die europäischen Wettbewerbshüter durchzusetzen. Nur so könne der Konzern sicherstellen, für einige Jahre die Pioniergewinne des schnellen Netzes einzustreichen. "Hier ist die Situation heillos verfahren, da muss Obermann für Klarheit sorgen", fordert Merck-Finck-Analyst Kitz.

Eine Menge Arbeit also für den neuen Chefpiloten der Deutschen Telekom. Mit einem Spagat allein dürfte es da wohl nicht getan sein. LPR-Analyst Hellgren bemüht ein anderes Bild: "Ein Chef der Deutschen Telekom ist von einem Testpiloten der 40er Jahre nicht so weit entfernt. Entweder durchbricht der Kandidat die Schallmauer und erntet kurzfristig den Ruhm, oder er verliert sich als Nobody in der Geschichte."