Solarbranche Ab in den Süden

Der Solarboom verliert an Schwung. Hohe Preise für Solarzellen haben im Sommer die deutschen Kunden vergrault. Ob der Staat die Technologie in gleicher Höhe weiter subventionieren wird, ist zudem unsicher. Analysten sehen daher die Zukunft der deutschen Hersteller fernab der Heimat.
Von Martin Hintze

Hamburg - "Der Solarboom ist bereits zu Ende", konstatiert Analyst Theo Kitz von der Münchener Privatbank Merck Finck. Die Nachfrage nach Solaranlagen litt in den vergangenen Monaten stark unter hohen Preisen. "Durch einen anhaltenden Nachfrageboom sind die Preise über einen Zeitraum von zwei Jahren gestiegen", sagt auch Patrick Hummel von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Jetzt sei allerdings die Schraube überdreht, die Nachfrage gehe zurück und es herrsche ein Überangebot, wodurch die Preise seit einigen Monaten rückläufig seien.

Lag nach Hummels Einschätzung der Preis für Solarzellen pro Watt Spitzenleistung (Wp) im Frühjahr 2006 noch bei 3,70 Euro, ist er nun auf 3,20 Euro gefallen. Für 2007 rechnet der Analyst mit einem Wp-Preis von drei Euro. Schuld an den hohen Preisen hatte nach Meinung der Experten nicht allein der Mangel am Rohstoff Silizium – dem Grundstoff für Solarzellen. "Alle haben sich ein Stückchen mehr vom Kuchen abgeschnitten und ihre Margen aufgebläht", sagt Hummel.

So verbuchten noch im Februar dieses Jahres die Aktien des im TecDax  gelisteten Unternehmens Q-Cells , das erst im Herbst 2005 das Börsenparkett betreten hatte, ebenso wie die des Index-Nachbarn Conergy  einen Kursschub von 70 Prozent. Noch mehr war für Solarworld-Aktionäre drin. Nach dem Tiefstkurs bei zwei Euro im Frühjahr 2003 hatte Solarworld  zwischenzeitlich mehr als 5000 Prozent zugelegt. Seit Juni knickten die Kurse jedoch teilweise deutlich ein.

"Generell hängt die Kursentwicklung der Unternehmen kurz- und mittelfristig am Tropf der Öl- und Gaspreise", sagt Axel-Adrian Roestel, Experte bei der Hamburger Berenberg Bank. Er rechnet bei den konventionellen Energieträgern mittelfristig nicht mit deutlichen Preissteigerungen, daher dürfte sich kaum Aufwärtspotenzial für die Solarwerte ergeben. Die Abschläge der letzten Wochen seien schon sehr stark gewesen, so dass Roestel nicht mit einem fortgesetzten Kursverfall rechnet.

Die Branche ist jedoch nicht allein von der Preisentwicklung bei Öl und Gas abhängig. Ein weiterer wichtiger Faktor sind die Subventionen durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Derzeit erhalten die Betreiber von Fotovoltaik-Anlagen je nach Leistung und Art der Anlage knapp 50 Cent pro Kilowattstunde als Vergütung, wenn sie den gewonnenen Strom in das Leitungsnetz einspeisen. Die Subvention ist auf einen Zeitraum von 20 Jahren angelegt, wobei der Preis, den die Betreiber erhalten, in jedem Jahr um 5 Prozent abnimmt. Folglich handelt es sich um eine degressive Förderung.

Subventionen auf dem Prüfstand

Subventionen auf dem Prüfstand

Im kommenden Jahr steht eine Überprüfung des EEG an. Wie die Unterstützung in Zukunft ausgestaltet sein wird, ist noch unklar. "Die Subvention wird 2007 verringert, indem die Degression erhöht wird. Das ist die herrschende Meinung", sagt Analyst Kitz. Dem schließt sich auch LBBW-Experte Hummel an: "Ich rechne damit, dass Änderungen am EEG 2008 in Kraft treten. Wahrscheinlich wird der Degressionsfaktor für Neuanlagen erhöht."

Ein Branchenvertreter ist dagegen anderer Meinung: "Der Überarbeitung des EEG im kommenden Jahr sehen wir gelassen entgegen. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) und auch die Union wollen die positive Entwicklung absichern", sagt Carsten Körnig, Geschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft (BSW). Das Bundesumweltministerium wollte sich zu diesem Thema bislang nicht äußern. Auch die umweltpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Marie-Luise Dött, hielt sich zurück: "Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist es noch zu früh, bereits über konkreten Änderungsbedarf am EEG zu diskutieren."

In einem Punkt sind sich die Branchenkenner dagegen einig: Auf eigenen Beinen kann die Solartechnologie noch lange nicht stehen. "In Deutschland muss die Förderung noch 15 Jahre lang weiterlaufen", fordert Peter Thiele, Deutschland- und Österreich-Chef der Solarsparte von Sharp . Der japanische Mischkonzern ist der größte Solarzellenhersteller weltweit, gefolgt von Q-Cells aus Thalheim, dem deutschen "Solar Valley" in Sachsen-Anhalt.

Unabhängig von der zukünftigen Ausgestaltung des EEG scheint der deutsche Markt derzeit zu erlahmen. "Das Wachstum der installierten Megawatt wird in diesem Jahr stagnieren oder sogar abnehmen und im kommenden Jahr weiter zurückgehen", schätzt Merck-Finck-Analyst Kitz. Auch die Fachzeitschrift "Photon" rechnet nach einer Umfrage für dieses Jahr mit einem deutlichen Rückgang des Zubaus. Offizielle Daten zu den deutschen Solarstromanlagen gibt es derzeit nicht, denn die Bundesnetzagentur steckt bei der Erhebung noch in der Vorbereitung.

Bessere Wachstumsaussichten bietet dagegen das Ausland: "Für die Unternehmen ist es wichtig, die Exportquote zu erhöhen. Zukunftsmärkte sind Spanien, Griechenland oder Portugal. Hier gibt es EEG-ähnliche Regelungen", sagt Kitz. Die deutschen Hersteller könnten vor allem mit ihrem Technologie- und Wachstumsvorteil punkten, ist sich Verbandschef Körnig sicher. "Wir sind für zunehmende Exporte bestens aufgestellt."

Trotz der derzeitigen Schwierigkeiten und der Ungewissheit beim EEG sind die langfristigen Aussichten sonnig. "Das Thema Umweltschutz und damit auch regenerative Energien werden in Zukunft stetig an Bedeutung gewinnen - nicht nur in den Industrieländern", sagt Analyst Roestel von der Berenberg Bank. Es dürfe aber nicht ausgeblendet werden, dass es immer wieder Rückschläge geben werde. So rät auch LBBW-Experte Hummel den Anlegern, den Prozentanteil im Depot im einstelligen Bereich zu halten.