Goldman-Sachs-Kolumne Neue Phase der Globalisierung

Mit dem Buch des SPIEGEL-Redakteurs Gabor Steingart "Weltkrieg um Wohlstand" hat die Debatte um Vor- und Nachteile der Globalisierung Fahrt aufgenommen. Da die Globalisierung über die nächsten 10 Jahre hinweg das bestimmende wirtschaftspolitische Thema sein wird, ist es nicht falsch, die wesentlichen Argumente aufzulisten.
Von Dirk Schumacher

Die Debatte scheint oft zwischen Untergang und uneingeschränktem Optimismus zu schwanken. Die Pessimisten verweisen auf den riesigen Unterschied zwischen den Lohnkosten und dem rücksichtslosen Umgang der Schwellenländer, speziell Chinas, mit der Umwelt und dem 'Faktor Arbeit'.

Dazu wird dem Westen, im Besonderen den verweichlichten Ländern Europas, ein hoher Grad an Naivität im Umgang mit diesen Ländern unterstellt. Letztlich, so auch Steingart, ist dies ein Rennen, das Deutschland nicht gewinnen kann und der Aufstiegs Chinas und anderer Schwellenländer wird zwangsläufig auf Kosten des Westens gehen.

Für die Optimisten ist die Globalisierung nichts Neues, sondern eigentlich schon immer Teil des wirtschaftlichen Geschehens seit der industriellen Revolution. Außerdem habe schließlich schon Ricardo mit seinem berühmten Beispiel des Wein - und Tuchhandels zwischen England und Portugal gezeigt, dass internationale Arbeitsteilung für alle Seiten von Vorteil ist.

Beide Sichtweisen sind hier karikiert dargestellt und in ihrer Einfachheit schwer aufrechtzuerhalten. Die interessante Frage ist, welche der beiden Seite die Wirklichkeit der Globalisierung näher kommt? Hier ein paar Argumente, die die Beantwortung dieser Frage nicht notwendiger leichter machen, aber zumindest vor einer Vereinfachung warnen:

  • Eine neue Phase der Globalisierung. Zwar ist Globalisierung, die Reduzierung von Barrieren für den grenzüberschreitenden Austausch von Waren, Kapital und Arbeit nichts Neues. Dennoch wäre es falsch die jetzige Entwicklung einfach als eine Wiederholung abzutun. Die Unterschiede etwa beim Pro-Kopf-Einkommen der beteiligten Länder sind heute viel größer als etwa zu Beginn des vorherigen Jahrhunderts. Auch ist Kapital heute, dank technologischer Fortschritte und Deregulierungen der Kapitalmärkten beweglicher als jemals zuvor.

  • Ricardo ist nicht hilfreich. Das Modell der komparativen Vorteile nach Ricardo ist in seinen Annahmen derart simpel, dass es bei der Übertragung auf die Realität nur von begrenztem Nutzen ist. Schon wenn man die Anzahl der betrachteten Länder und der gehandelten Güter erhöht - Ricardo untersucht nur den Fall zweier Länder und zweier Güter - wird die Sache komplizierter. Zwar sind volkswirtschaftliche Modelle zwangsläufig grobe Vereinfachungen, das Model Ricardos ist dennoch zu einfach gestrickt, um in der heutigen Globalisierungsdebatte hilfreich zu sein.

  • Mehrere mögliche Gleichgewichte. Weicht man die starre Annahme des klassischen Modells auf, ist die Beurteilung der Vorteile der internationalen Arbeitsteilung nicht notwendigerweise mehr ganz so eindeutig. So kann es beispielsweise aus theoretischer Sicht zu einer Situation kommen, in der es mehrere verschiedene Handelsgleichgewichte gibt, die für die beteiligten Länder unterschiedlich vorteilhaft sein könne. Hier kann dann gelten: des einen Freud' ist des Anderen Leid.

Deutschlands Comeback

  • Anpassung ist notwendig, kann aber schmerzen. Unabhängig davon, welches theoretische Modell man der Analyse zugrunde legt, ist eine Anpassung der volkswirtschaftlichen Strukturen immer notwendig. In der Theorie verlaufen diesen Anpassungen schnell und geräuschlos. In der Praxis sind sie oft mit vielen Problemen verbunden, nicht zuletzt weil die spezifische Qualifizierung der Arbeitnehmer eine Weiterbeschäftigung in anderen Sektoren oft schwierig macht.

  • Deutschland ist wettbewerbsfähig. Der deutsche Unternehmenssektor ist wettbewerbsfähig. Ein einfacher Vergleich der Lohnstückkosten greift zu kurz, da ein ganzes Bündel an Faktoren über die Wettbewerbsfähigkeit entscheidet. Das starke Exportwachstum der vergangenen Jahre zeigt, dass die Furcht unbegründet ist, Deutschland könne nicht mithalten. Zwar muss noch einiges getan werden, um auch in Zukunft die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts zu garantieren. Es ist allerdings keineswegs so, als sei dies unmöglich.

  • Der Verbraucher gewinnt. Traditionell stehen die Interessen der Produzenten in der wirtschaftspolitischen Debatte in Deutschland im Vordergrund. Die Vorteile, die die Globalisierung den private Haushalten durch eine grössere Auswahl und Preisrückgänge beschert, sollten allerdings nicht vergessen werden. Diese Vorteile stellen einen erheblichen Wohlstandsgewinn dar.

  • Offenheit erhöht die Produktivität. Der Zwang zur Anpassung, der durch die Globalisierung ausgelöst wird, ist ein Garant für dauerhafte Produktivitätssteigerungen. Der Druck der ausländischen Konkurrenz zwingt Unternehmen zu Effizienzsteigerungen, die langfristig an die privaten Haushalte weitergegeben werden.

  • Protektionismus wäre fatal. Protektionistische Maßnahmen können leicht nach hinten losgehen. Es bedarf keiner großen Fantasie, um zu erkennen, dass der Exportweltmeister Deutschland am Ende eines Wettlaufs der Strafzölle den größten unmittelbaren Schaden nimmt.

Den exakten Nettoeffekt der Globalisierung für ein Land zu bestimmen ist nicht möglich. Zwar gibt es keinen Automatismus, daß ein Staat immer von der Globalisierung profitieren muss. Es spricht aber alles dafür, daß Deutschland gut gerüstet ist für die Integration der Schwellenländer in die weltweite Arbeitsteilung.

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