Konjunktur Deutschland ist Europas Stütze

Europas Wirtschaft wächst so kräftig wie seit Jahren nicht mehr und selbst die Arbeitslosenzahlen sinken. Verantwortlich dafür ist vor allem die gute Wirtschaftsentwicklung in Deutschland. Die Zeit, in der die Bundesrepublik die Wachstumsbremse des ganzen Kontinentes war, ist damit vorbei.
Von Dirk Schumacher

Wir haben unsere Wachstumsprognose für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Eurolands für dieses Jahr von 2,2 Prozent auf 2,6 Prozent und für 2007 von 1,7 Prozent auf 2,0 Prozent angehoben. Das unerwartet kräftige Wachstum im zweiten Quartal und die nach oben revidierten Zahlen für die beiden vorangegangenen Quartale zeigen, dass der Aufschwung - besonders in Deutschland - stärker ist als bisher angenommen.

Mit plus 0,9 Prozent gegenüber dem Vorquartal hat das Wachstum im zweiten Vierteljahr vermutlich seinen Höhepunkt erreicht, aber auch im weiteren Verlauf des Jahres ist mit kräftigem Wachstum zu rechnen. Zu der erfreulichen Wachstumsentwicklung im vergangenen Quartal haben mehrere Sonderfaktoren beigetragen. Dazu gehören eine deutliche Steigerung der Bauleistung in Deutschland und auch die positiven Wirkungen der Fußball-Weltmeisterschaft, von denen neben Deutschland anscheinend auch Frankreich und Italien profitiert haben.

Aber auch unabhängig von diesen Sonderfaktoren sprechen die aktuellen Konjunkturzahlen dafür, dass der zugrunde liegende Wachstumstrend in Euroland stärker ist als bisher angenommen. So gibt es Anzeichen, dass die deutsche Wirtschaft wieder in Fahrt kommt und nicht mehr als Wachstumsbremse für das übrige Euroland wirkt. Auch die Binnennachfrage erholt sich und entwickelt sich zum Wachstumsmotor, so dass die Euroland-Wirtschaft nun weniger vom Export abhängig ist.

Obwohl sich das Geschäftsklima in den vergangenen Monaten geringfügig verschlechtert hat, steht das gegenwärtige Niveau in Einklang mit einem Wachstum von 0,8 Prozent (bezogen auf das Vorquartal) im dritten Quartal, was immer noch deutlich über dem Euroland-Potenzialwachstum von 0,5 Prozent liegt.

Die vielleicht erfreulichste Nachricht kommt vom Arbeitsmarkt: Das Beschäftigungswachstum hat im zweiten Vierteljahr vermutlich den höchsten Quartalswert seit 2000 erreicht; wir gehen von einem Beschäftigungszuwachs von 0,5 Prozent gegenüber dem Vorquartal aus, zu dem vor allem Deutschland beigetragen hat. Auch in den nächsten Monaten ist mit kräftigem Beschäftigungswachstum zu rechnen, was sicher auch dem privaten Konsum Impulse geben wird.

Angesichts der guten Wachstumsaussichten für das zweite Halbjahr 2006 stellt sich die Frage, ob sich das dynamische Wachstum auch 2007 fortsetzen wird. Von einem fundamentalen Standpunkt aus betrachtet ist der Ausblick gut. Weder die Unternehmen noch die Privathaushalte sind überschuldet, und das Beschäftigungswachstum wird für eine sich selbst verstärkende Wachstumsdynamik sorgen.

Umstrukturierung ist zwar nach wie vor ein Thema für die Unternehmen. Aber der Umstand, dass sie wieder investieren und neue Mitarbeiter einstellen, zeigt, dass die Anpassung an das veränderte Wettbewerbsumfeld das Wachstum dadurch nicht mehr belastet.

Steuern in Milliardenhöhe

Fest steht aber auch, dass die Euroland-Wirtschaft nächstes Jahr mit Problemen zu kämpfen haben wird. Die Europäische Zentralbank wird die Zinsen bis zum Endes des Jahres vermutlich weiter anheben, und der gewichtete Außenwert des Euros wird steigen. Außerdem wird sich das Wirtschaftswachstum in den USA abschwächen, und die Bundesregierung sowie die Regierung Italiens haben für nächstes Jahr Steuererhöhungen und Sparmaßnahmen angekündigt.

In Deutschland gehen wir davon aus, dass der Bund zwar 25 Milliarden bis 30 Milliarden Euro zusätzlich einnehmen wird, was 1,25 bis 1,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes entspricht. Die tatsächliche negative Wirkung auf die Nachfrage wird allerdings deutlich geringer sein, weil die Mehreinnahmen unter anderem zur Senkung des Beitragssatzes in der Arbeitslosenversicherung und für Infrastrukturprojekte verwendet werden. Allerdings könnten die Mehreinnahmen erheblich von den prognostizierten Zahlen abweichen, und höhere Steuersätze sowie der Abbau von Steuervergünstigungen könnten dazu führen, dass die Verbraucher weniger Geld ausgeben.

Auch in Bezug auf das italienische Sparpaket gibt es sehr viel Unsicherheit. Dort sollen die Ausgaben um etwa 30 Milliarden Euro gesenkt werden. Es bleibt abzuwarten, ob die italienische Regierung so einschneidende Kürzungen durchsetzen kann. Aber selbst wenn die Sparmaßnahmen weniger restriktiv ausfallen wird das Wachstum Italiens im nächsten Jahr merklich gebremst werden. Unsere Schätzung an dieser Stelle ist, dass das Wachstum wegen der Sparmaßnahmen um 0,5 Prozent niedriger ausfallen wird.

Letztlich haben uns die besseren Nachrichten im Hinblick auf die Stärke des Aufschwungs in Euroland jedoch überzeugt, dass Euroland mit den wachstumsdämpfenden Wirkungen, die von einer sparsameren Finanzpolitik und von weniger günstigen weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen ausgehen, fertig werden kann, ohne viel von seiner Wachstumsdynamik zu verlieren. In den nächsten Wochen wird vor allem die Entwicklung am Arbeitsmarkt zeigen, ob wir mit dieser Einschätzung richtig liegen.

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