Kommentar Zeit zum Ausstieg, Monsieur Théodore!

Mit seinem erneuten "Non" gegenüber der Deutschen Börse setzt Euronext-Chef Jean-Francois Théodore alles auf eine Karte. Dabei ist die Zukunft der Vierländerbörse unter der Ägide der Nyse mehr als ungewiss. Noch könnte Théodore das Ruder herumreißen, bevor es die Aktionäre selbst tun.

Das Statement aus Paris war kurz und bestimmt im Ton. Die Offerte der Deutschen Börse  enthalte substanziell "nichts Neues", die Euronext  bevorzuge nach wie vor eine Fusion mit der New York Stock Exchange  (Nyse). Klare Worte, aber faktisch falsch.

Die Deutsche Börse ist mir ihren Vorschlägen der Pariser Forderung nach einer föderalen Struktur sehr weit entgegen gekommen und bis an die Schmerzgrenze gegangen - für die hessische Landesregierung, die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat und Teile der hiesigen Bankenlandschaft sogar darüber hinaus.

Zugestanden - an Clearstream halten die Frankfurter fest. Bei allem Respekt vor dem diplomatischen Geschick eines Jean-Francois Théodore: Der Euronext-Chef konnte nicht ernsthaft annehmen, die Frankfurter würden wider jede ökonomische Vernunft ihre hoch profitabel arbeitende Abwicklungstochter abstoßen, um dann gebeugten Hauptes bittstellerisch an seine Tür zu klopfen.

Halten wir dem Taktiker in Paris zu Gute, dass es ihm nicht um seine Person geht. Dabei läge die gegenteilige Annahme durchaus auf der Hand: In den neuen Überlegungen der Deutschen Börse spielt Théodore keine Rolle mehr - weder im Vorstand noch im Aufsichtsrat. Bei einer "Nyse Euronext" wäre er immerhin zweitmächtigster Mann hinter Nyse-Chef John Thain.

Nehmen wir also an, es ginge Théodore ausschließlich um das Wohl der Aktionäre und um ein Maximum an Eigenständigkeit der Vierländerbörse in einem wie auch immer gearteten Verbund.

Mit Blick auf den ersten Punkt ist festzustellen, die Nyse-Offerte hat deutlich an Attraktivität verloren, weil der Aktienkurs der weltgrößten Börse gefallen ist. Gegenüber seinerzeit 73 Euro je Euronext-Aktie ist das Gebot der Nyse aktuell nur noch rund 65,30 Euro wert und liegt damit unter dem Kurs der Vierländerbörse von derzeit knapp 69 Euro. Die Deutsche Börse beziffert den Wert ihres Gebots auf 65,98 Euro je Aktie.

Wahrscheinlich spekuliert der Euronext-Vorstand im Sinne seiner Aktionäre auf eine höhere Barkomponente des Frankfurter Gebots. Auch wenn Analysten den ökonomischen Sinn eines höheren Gebotes anzweifeln - Deutsche-Börse-Chefkontrolleur Kurt Viermetz hat dies als letzte Option nicht ausgeschlossen.

Nyse vs. Frankfurt - ein ungleiches Duell

Nyse vs. Frankfurt - ein ungleiches Duell

Ein sich dann anschließender Bieterwettkampf zwischen Deutscher Börse und Nyse gilt unter Experten ebenso so sicher wie eine Niederlage der Frankfurter in diesem ungleichen Duell. Der Euronext und ihren Aktionären könnte dies gleich sein, sie hätten sich schamlos teuer verkauft.

Doch das wäre zu kurz gedacht. Im Kampf um die Börsenvorherrschaft auch auf dem europäischen Kontinent hat die Nyse nichts zu verschenken. Mit einem Anteil von 25 Prozent an der Londoner Börse  (LSE) sitzt ihr ewiger Konkurrent, die Technologiebörse Nasdaq , im Nacken und schmiedet gerade die zweite transatlantische Superbörse.

Es bedarf nicht viel Fantasie, dass die Nyse ihr teuer erkauftes Engagement in Europa dann einer Rosskur unterziehen wird, um jeden erdenklichen Kostenvorteil rauszuholen. Spätestens dann dürften auch Thains Bekenntnis zu einer "Fusion unter Gleichen" und damit Pariser Hoffnungen auf ein Höchstmaß an Eigenständigkeit der Vergangenheit angehören. Schon jetzt schenken manche Börsenexperten den Bekundungen aus New York wenig Glauben. "Früher oder später werden die Amerikaner sie platt machen", heißt es.

Das klingt drastisch, dürfte aber so weit weg von der Wahrheit nicht liegen. Wie wenig "europäisch" Thain denkt, und wie stark er auf Euronext-Interessen künftig Rücksicht zu nehmen gedenkt, lässt sich an anderen Aussagen des Nyse-Chefs ablesen. Für den Fall, dass sich die neue transatlantische Superbörse nicht wie erwartet entwickelt, kündigte Thain die Gründung einer eigenen Börse in London an. Auch der Kauf der LSE sei denkbar, sagte er der "Financial Times".

Wie realistisch solche Pläne auch sein mögen, der Euronext und ihrem Vormann sollten sie eine Warnung sein.

Bereits jetzt hat Théodore für die Anteilseigner der Vierländerbörse mehr erreicht als zu erwarten war. Er sollte vor die Aktionäre treten und sagen: "Pardon, je me suis trompé", um dann für eine Fusion mit der Deutschen Börse zu votieren - bevor es die Aktionäre selbst tun. Letzteres ist nicht auszuschließen, denn die Nyse-Anhänger unter ihnen werden weniger. In diesem Fall aber hätte sich der Taktiker Théodore schlicht verzockt und verließe als Verlierer die Pokerrunde.