Deutsche Börse Da geht noch was!

Im Fusionspoker um die Euronext zieht die Deutsche Börse alle Register. Ob die qualitativ verbesserte Offerte die Aktionäre der Vierländerbörse überzeugen kann, ist aber offen. Analysten schließen einen Bieterwettkampf mit der New Yorker Börse nicht mehr aus.

Hamburg - Im Fusionspoker um die Euronext  ist die Führungsspitze der Deutsche Börse  über ihren Schatten gesprungen. Das betrifft zwar nicht den Baranteil und das Umtauschverhältnis ihres Gebots, diese Komponenten bleiben vorerst unverändert. Gleichwohl hat sich das Management mit den am Vorabend präsentierten Vorschlägen von einem bislang scheinbar unumstößlichen Diktum verabschiedet: Frankfurt muss nicht mehr der Nabel einer fusionierten europäischen Superbörse sein.

Ob dies reicht, die Euronext-Aktionäre für eine Fusion mit der Deutschen Börse zu erwärmen, bleibt abzuwarten, sagen Analysten im Gespräch mit manager-magazin.de. Die Vorstände der Vierländerbörse und der New York Stock Exchange  (Nyse) hatten sich Anfang Juni für eine Fusion ausgesprochen. Das Votum der Anteilseigner steht noch aus.

"Die Deutsche Börse ist klar der stärkere Partner. In den neuen Vorschlägen kommt das so nicht mehr zum Ausdruck. Deshalb halte ich die neuen Vorschläge für sehr weit reichend", sagt Olaf Kayser, Analyst der Landesbank Rheinland-Pfalz.

"Mit Blick auf die Nutzer der Deutschen Börse und den Finanzplatz Frankfurt ist das Management bis an die Schmerzgrenze gegangen", meint Karsten Keil von Helaba Trust. So verzichtet das deutsche Management zum Beispiel auf Frankfurt als Sitz der Hauptverwaltung. Zentrale Funktionen sollen jetzt auf die Standorte Amsterdam, Frankfurt und Paris verteilt werden.

Banken mischen sich ein, Koch schlägt Alarm

Derlei Pläne rufen indes die hessische Landesregierung auf den Plan. Ministerpräsident Roland Koch (CDU) sieht das Interesse des Finanzplatzes und der Region mit der neuen Offerte nicht mehr als gesichert an. Inwieweit das Land Hessen die angestrebte Fusion zwischen Euronext und Deutscher Börse wie angedroht wirklich "blockieren" kann, ist allerdings unklar. Der Chef des Bundesverbandes deutscher Banken, Manfred Weber, fordert unterdessen mehr Zurückhaltung von der Politik. "Das sind Entscheidungen, die man den Unternehmen und Eigentümern überlassen sollte", sagte Weber am Dienstag.

Gleichwohl scheinen sich auch die Banken verstärkt in den angestrebten Deal einzumischen. So hat die Commerzbank  am Dienstag überraschend mitgeteilt, sie habe rund 1 Prozent der Anteile an der Deutschen Börse erworben. Gerüchten zufolge erwägen ebenso andere Banken, eine Beteiligung an der Deutschen Börse aufzubauen. Beobachter in Frankfurt werten dies als Zeichen dafür, dass sich die deutschen Finanzinstitute im Falle einer Fusion mit der Euronext ein Mitspracherecht bei der Ausgestaltung dieses Zusammenschlusses sichern wollen.

Euronext-Chef könnte neuem Aufsichtsrat vorstehen

Darüber hinaus bietet die Deutsche Börse einen paritätisch besetzten Vorstand und Aufsichtsrat an. Dabei bestehen die Frankfurter zwar gegenüber dem vorhergehenden Vorschlag auf dem Vorstandsvorsitz, sind aber im Gegenzug bereit, den Sessel des Chefkontrolleurs abzugeben. Dass Euronext-Chef Jean-Francois Théodore den Posten des Chefkontrolleurs einnimmt, hält Kayser zumindest für möglich. Der Name Théodore taucht in der Mitteilung der Deutschen Börse allerdings nicht mehr auf.

Bei einem fusionierten Unternehmen soll der Aktienhandel in Paris angesiedelt sein. "Das ist in der Tat ein großes Zugeständnis und soll den Euronext-Aktionären die Zustimmung erleichtern", sagt Kayser. Mit diesem Schritt opfert die Deutsche Börse zugleich ihren Exportschlager, das Handelssystem Xetra zu Gunsten der Handelsplattform NSC der Euronext. Letzteres ist vor allem dem Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV) ein Dorn im Auge. Der Verband fürchtet erhebliche Anpassungskosten für die Marktteilnehmer und hält das NSC-System für unterlegen.

Den angebotenen Verzicht auf das Xetra-System beklagen auch die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat. Sie fürchten vor allem um ihre Jobs und wollen auch das neue Angebot der Deutschen Börse nicht mittragen. In dem Kontrollgremium haben die Beschäftigten sieben von 21 Sitzen inne.

Wagt Frankfurt den Bieterkampf?

Stimmung könnte für die Deutsche Börse kippen

Doch jenseits neuer Kritik und Bedenken: Reicht die neue Offerte aus, um die Stimmung für eine Fusion mit der Deutschen Börse entscheidend zu drehen?

Die Investoren der Vierländerbörse stehen keineswegs geschlossen hinter der Entscheidung ihres Vorstands, mit der Nyse  zu fusionieren. Und jüngste Aussagen von Nyse-Chef John Thain dürften die Zweifel noch mehren.

Hatte Thain doch erklärt, es sei auch eine Fusion mit der London Stock Exchange (LSE) oder gar der Aufbau einer ganz neuen Börse in London denkbar, sollte die angestrebte "Nyse Euronext" sich nicht wunschgemäß zu einem Magneten für internationale Börsennotierungen entwickeln.

LRP-Analyst Kayser hält beide Optionen für relativ unwahrscheinlich und bewertet Thains Aussagen als Versuch, Druck auf unschlüssige Euronext-Aktionäre auszuüben. Dies könnte aber in das Gegenteil umschlagen und die Stimmung weiter zu Gunsten der Deutschen Börse drehen.

"Das schafft mehr Angst als Vertrauen", sagt auch Helaba-Analyst Keil. Zudem habe sich das Angebot der New Yorker durch den zuletzt gefallenen Aktienkurs der Nyse  für die Euronext-Anteilseigner verschlechtert und könnte ebenso die Stimmung für eine Fusion mit dem Frankfurter Handelsplatz positiv beeinflussen. "Die Sache ist noch keineswegs entschieden", meint Analyst Keil. Zumindest sollte den Euronext-Aktionären jetzt die Angst genommen sein, dass Frankfurt eine fusionierte Börse dominieren werde, sagt LRP-Experte Kayser.

"Bieterwettstreit wird kommen"

Und auch in finanzieller Hinsicht dürfte das letzte Wort noch nicht gesprochen sein. "Ich gehe davon aus, dass es früher oder später zu einem Bieterwettstreit zwischen Nyse und Deutscher Börse kommt", sagt Kayser. Vermutlich habe die Deutsche Börse auch deshalb nicht - wie von vielen Euronext-Aktionären erhofft - bereits jetzt die Barkomponente ihres Gebots aufgestockt. Auch Helaba-Experte Keil schließt einen Bieterkampf nicht aus, gibt allerdings zu bedenken, dass die Nyse in so einem Wettrennen "den längeren Atem und die höheren finanziellen Ressourcen" besitzen dürfte.

Die Nyse ist nahezu schuldenfrei und könnte nach Einschätzung der Experten von JP Morgan zwischen drei und fünf Milliarden Dollar Fremdkapital aufnehmen, ohne dass ihr Investment-Grade-Rating darunter leiden müsste. Selbst wenn die Nyse die Barkomponente ihres Gebots um zehn Euro auf 31,32 Euro aufstocken würde, könnte sie im kommenden Jahr die Gewinnschwelle erreichen und danach den Gewinn sogar ausbauen, heißt es in einer Studie von JP Morgan. "Ich glaube nicht, dass die Deutsche Börse da mitziehen kann und wird", sagt Analyst Keil.

Verwandte Artikel