Dow-Jones-Jubiläum 100 Punkte für jedes Jahr

Vor 110 Jahren wurde der Dow Jones Industrial Average erstmals berechnet. Seither hat er sich zum wohl bekanntesten und meistbeachteten Aktienindex der Welt entwickelt. Dabei wirkt er im hastigen Börsengeschäft der Gegenwart bisweilen geradezu anachronistisch.
Von Lutz Knappmann

Hamburg – Begriffe wie Tradition und Beständigkeit wirken im schnelllebigen Börsengeschäft seltsam deplatziert. Erst recht überrascht es in Zeiten hektischer Kursbewegungen, wenn solche Attribute ausgerechnet dem bekanntesten Pulsmesser der Weltbörsen zugeschrieben werden - einem Instrument, das die Kursauschläge im Sekundentakt bis aufs Hundertstel genau misst.

Der Dow Jones Industrial Average , der wohl bekannteste Aktienindex der Welt, feiert seinen 110. Geburtstag. Und in all den Jahren ist er zwar hoch geklettert und bisweilen tief gefallen, doch wirklich verändert hat er sich kaum.

Am 26. Mai 1896 veröffentlichte Charles Henry Dow, renommierter Finanzkolumnist und Mitbegründer des "Wall Street Journal", erstmals einen Index, der die Kursentwicklung zwölf großer US-Unternehmen zusammenfasste. Die Berechnung war denkbar einfach: Dow addierte lediglich den Tagesschlusskurs der einzelnen Aktien und teilte die Summe durch zwölf. Damit kam er am ersten Tag auf einen Indexstand von 40,94 Punkten. Bis zum 8. August 1896 fiel das Börsenbarometer auf 28,48 Punkte, also um immerhin gut 30 Prozent. Nach einer Erfolgsgeschichte sah das nicht aus.

Aktuell, 110 Jahre später, steht der Dow-Jones-Index bei rund 11.200 Punkten. Das sind nur gut 500 Punkte unter seinem Allzeithoch von 11.723 Zählern, das er am 14. Januar 2000 erreichte. Pro Jahr seiner Geschichte hat er damit im Schnitt 100 Punkte zugelegt.

Doch Durchschnittswerte sagen über die Kursentwicklung des Dow Jones herzlich wenig aus. Denn bis der Index erstmals dreistellig notierte, dauerte es immerhin zehn Jahre. Die Schwelle von 300 Zählern überschritt er gar erst im Frühjahr 1954, fast 60 Jahre nach seiner Gründung. Dann legte er an Tempo zu.

Stärkste Kursauschläge in den  20er Jahren

Stärkste Kursauschläge in den 20er Jahren

Keine 20 Jahre vergingen, bis er am 14. November 1972 erstmals über 1000 Punkte kletterte – in der folgenden Wirtschaftskrise konnte er dieses Niveau allerdings nicht halten. Wirklich rasant wurde die Entwicklung Mitte der 90er Jahre: Am 2. Februar 1995 schloss er bei 3870 Punkten. Binnen fünf Jahren vervielfachte er anschließend seinen Wert auf mehr als 11.000 Zähler.

Der Eindruck täuscht allerdings, der Dow Jones habe in den ersten 100 Jahren seiner Existenz ein ruhiges und ereignisarmes Dasein gefristet. Denn betrachtet man die Kursbewegungen nicht in absoluten Zahlen, sondern prozentual, erlebte der Index seine heftigsten Ausschläge – mit wenigen Ausnahmen – zwischen 1907 und 1932.

So verlor er am 28. Oktober 1929 binnen eines Tages fast 13 Prozent an Wert. In absoluten Zahlen entsprach der Verlust damals kaum 40 Punkten. Tags darauf rutschte er noch einmal um 12 Prozent ab. Jene "schwarzen Tage" stehen bis heute als Synonym für den folgenreichsten Börsencrash aller Zeiten - und wurden lediglich von der Kursentwicklung am 19. Oktober 1987 übertroffen, als der Dow Jones um fast 23 Prozent abstürzte.

Zum Vergleich: Am 17. September 2001, als die US-Börsen erstmals mit voller Wucht auf die Anschläge reagierten, die New York sechs Tage zuvor erschüttert hatten, betrug das Minus nur gut 7 Prozent.

Auch die Aufwärtsrally der ausgehenden 90er Jahre beeindruckt nur in absoluten Zahlen: So kletterte der Index am 16. März 2000 zwar um fast 500 Punkte. Doch das waren gerade mal 5 Prozent – der Index hatte ein paar Monate zuvor die Schwelle von 10.000 Punkten überschritten. Am 10. Juni 1931 hingegen sprang das Kursbarometer um fast 15 Prozent nach oben, was lediglich 13 Zählern entsprach.

Doch wie sehr sich die Kursverhältnisse in den vergangenen Jahrzehnten auch verschoben haben, in seiner Struktur hat sich der Dow Jones Industrial Average seit 1896 kaum verändert. 1916 dehnte das Wall Street Journal, dessen Autoren bis heute die Indexzusammensetzung bestimmen, die Zahl der einbezogenen Unternehmen auf 20 aus. Seit 1928 sind es 30 – bis heute.

Konstante Zusammensetzung

Konstante Zusammensetzung

Und die Fluktuation ist – verglichen mit anderen Indizes – gering. Mit General Electric  findet sich heute sogar noch ein Unternehmen, das seit der ersten Stunde im Index enthalten ist. Denn die Index-Auguren bemühen bei ihrer Unternehmensauswahl keine komplizierten Kennziffern, sondern die Beurteilung, welche Unternehmen sie für besonders wichtig und repräsentativ für die US-Wirtschaft halten.

Dominierten anfangs vor allem Agrarunternehmen, entwickelte sich der Dow bis in die 1970er Jahre zu einem nahezu reinen Industrieindex. Erst 1982 nahm der Index den Finanzkonzern American Express  auf, 1997 folgte der Einzelhandelsriese Wal-Mart . Und 1999, mitten im Internet-Hype, schafften mit Intel  und Microsoft  erstmals zwei boomende Vorreiter der New Economy den Sprung in den Auswahlindex.

So gemächlich der Index auf die Veränderungen in der amerikanischen Wirtschaftsstruktur reagiert, so anachronistisch wirkt die Berechnungsmethode, die seit 1896 nahezu unverändert gilt. Noch immer ist der Dow Jones Index nicht nach Marktkapitalisierung gewichtet, sondern nach dem Preis der Aktien. Ein krisengeschüttelter Konzern wie General Motors , dessen Kurs derzeit bei rund 27 Dollar notiert, hat damit kaum weniger Einfluss auf die Indexentwicklung als Börsen-Gigant General Electric, dessen Kurs bei rund 35 Dollar liegt, der aber mit umgerechnet 280 Milliarden mehr als 20 Mal so viel Wert ist wie der Autobauer.

Längst gibt es weltweit unzählige Aktienindizes, die die Entwicklung einzelner Märkte, Branchen oder noch so spezieller Segmente abbilden. Die meisten bedienen sich dabei präziser und komplizierter Berechnungsformeln – und können so auf einen weitaus höheren prognostischen Gehalt verweisen als der amerikanische Index-Senior.

Doch bis heute ist es immer noch der Dow Jones, der weltweit und alltäglich von elektronischen Anzeigen flackert, in den Nachrichten zitiert und von Anlegern als Benchmark herangezogen wird. Denn Tradition schafft Vertrauen – offenbar auch an der Börse.

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